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Familie

Die Fernbehandlung

Ein kleines Kätzchen ist krank und braucht ärztliche Hilfe. Doch es ist weit weg von der Zivilisation. Die einzige Verbindung zur Tierarztpraxis ist ein Telefon.

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Alamy
10. Juni 2013

Das Büsi musste warm gehalten werden, denn Durchfall hatte es sehr geschwächt.


Endlich hatte ich einige Minuten Zeit. Eine Bekannte versuchte mich seit mehreren Stunden zu erreichen. Wir sind hier mitten in den Bergen in den Ferien. Weit und breit kein Dorf, kein Auto, geschweige denn ein Tierarzt, begann eine aufgeregte Stimme am Telefon. Wir wollten Ferien weit weg von der Zivilisation machen! Vor unserem Haus wimmert eine winzig kleine Baby-Katze. Was kann ich tun? Ich überlegte. Weit weg von allem? Nichts!

Die Bekannte holte Luft. Du bist doch Tierärztin! Da kann man doch immer etwas machen! Ich überlegte weiter. Ohne Medikamente, Messgeräte und Infusionen und auch noch aus der Ferne, kann man da tierärztlich arbeiten? Ich wollte es versuchen. Wir müssen wissen, ob die Katze Fieber hat. Fühlt sie sich in deiner Hand heiss an? Die Antwort war, dass sie sich eher kühl anfühlte. Also musste die Katze Untertemperatur haben, denn ihre Körpertemperatur ist normalerweise höher als beim Menschen. Ist ihr Mäulchen rosa, so wie dein Finger? Ist sie hinten verschmutzt? Fühlt sich ihr Rücken an wie ein Geissenrücken mit hervorstechenden Knochen?

Meine Befürchtungen bestätigten sich. Ein Durchfall hatte das Kleine so geschwächt, dass es wegen Flüssigkeitsverlust, Energiemangel und Kälte in einem lebensbedrohlichen Zustand war. Ich hätte in der Praxis genau gewusst, welche Medikamente zu verabreichen sind, aber in einer abgelegenen Siedlung? Ich überlegte, wie man das Kleine ohne neuzeitliche Hilfe wieder auf die Beine kriegen konnte. Was hätten unsere Grosseltern getan? Hast du Tee? Kaffeerahm? Zucker? Ich hörte ein Rumoren in einem Schrank. Päckchen, die herunterfielen und schliesslich ein Ja, hier sind ein paar Beutel Kamillentee. Ich habe sie eingepackt für alle Fälle.

Die kleine Katze wurde warm gebadet und an eine mit warmem Wasser gefüllte PET-Flasche gelegt. Dann kriegte sie viertelstündlich einige Schlucke gesüssten Tee, später mit etwas Kaffeerahm versetzt. Oft musste die Katze gewaschen werden, denn sie hatte einen hartnäckigen Durchfall. Doch nach und nach wurde sie wärmer und begann sogar in ihrem Kistchen (eine alte, im Estrich gefundene Holzharasse) herumzulaufen.

Kaum waren die Ferien vorbei, stand die ganze Familie mit dem Kätzchen in der Praxis. Die kleine Katze hatte eine starke Verwurmung, die ich behandelte, ansonsten war sie aber wieder gesund. Die Mutter sah erschöpft aus. Ich habe Tag und Nacht das Kleine gefüttert und gepflegt. Meine nächsten Ferien werde ich in der Umgebung einer Grossstadt mit der ganzen Infrastruktur in erreichbarer Nähe verbringen!

(Coopzeitung Nr. 24/2013)

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