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Krank oder nicht krank?

Eine ältere Frau bringt immer wieder ihre Katze in die Tierarztpraxis. Doch dem Tier fehlt überhaupt nichts. Es ist schwierig, die Dame davon zu überzeugen.

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Getty Images
30. April 2013

Die Katze war kerngesund, aber ihre Besitzerin wollte das partout nicht glauben.


Und wieder einmal versuchte ich nach einer eingehenden Untersuchung die Besitzerin zu beruhigen. Ihre Katze ist nicht krank! Ihre Pfote ist in Ordnung. Sehen Sie? Sie belastet sie auch ganz normal. Die schon etwas ältere Besitzerin schaute mich ungläubig an. Hatte sie mich nicht verstanden? Ich wiederholte das Gesagte etwas lauter und langsamer. Aber zu Hause war es ganz schlimm! Ich versuchte, sie weiter zu beruhigen. Vielleicht hatte sich die Katze den Fuss vertreten. Oder sie war in eine Wespe gestanden. Dies kann kurzfristig zu starker Lahmheit führen.

Die hübsche graue Katze zuckte missmutig mit dem Schwanz. Nach mehrmaligem Wiederholen hellte sich das Gesicht der Kundin auf. Sie schien verstanden zu haben. Nicht krank? Das freut mich aber. Am nächsten Tag stand sie wieder vor der Türe. Sie meinte mit Unschuldsmiene, ihre Katze gehe lahm. Etwas schneller als am Vortag, aber ebenso gründlich, checkte ich ihre Katze durch und bestätigte ihr etwas irritiert dasselbe wie am Vortag. Und wieder nickte die Katzenbesitzerin und die graue Katze zuckte noch heftiger mit dem Schwanz.

In der Folgewoche hatte ich sie noch zwei Mal in der Praxis. Offensichtlich erinnerte sie sich nicht mehr daran, bei mir gewesen zu sein. Die Katze fauchte inzwischen. Ich hoffte, dass die Besitzerin sich irgendwann beruhigen würde. Dann kam ein Telefon: Meine Katze lahmt und ich mache mir ernsthaft Sorgen. Ich kriege sie aber nicht ins Körbchen. Komisch, sonst ist sie immer gerne ins Transportkistchen gesprungen. Fieberhaft überlegte ich mir, was ich sagen konnte. Dann hatte ich eine Idee. Ich fragte die Besitzerin nach ihrer Betreuerin. Ihre Tochter hilft Ihnen? Schicken Sie sie doch mit der Katze zu mir!

Kurz darauf erschienen die Besitzerin und eine jüngere, offensichtlich gestresste jüngere Frau in der Praxis. Wieder untersuchte ich die Katze, da diese aber offensichtlich gesund war und keine Freude mehr an mir hatte, verzichtete ich auf weitere Kontrollen. Wieder erklärte ich ihnen, dass die Katze gesund sei. Die Tochter begriff und erklärte es ihrer Mutter laut und ebenfalls mehrmals. Wieder meinte diese: Gesund? Wie schön.

Ich atmete auf. Jetzt musste ich bei allfälligen Wiederholungen nur noch die Tochter ansprechen und diese konnte der Mutter erklären, was los war. Beim Verabschieden schüttelte ich der Katzenbesitzerin die Hand. Auf einmal schaute sie mich streng an und sagte: Sie haben sie aber gar nicht gründlich untersucht, sondern nur ganz kurz angeschaut!

(Coopzeitung Nr. 18/2013)

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