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«Weltweit einmalig»

Die falsche Subventionspolitik ist schuld an der Misere der Vögel im Kulturland, sagt der Forscher. Im Wald dagegen geht es den meisten Piepmatzen wieder relativ gut.

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Illustrationen Paschalis Dougalis «Was fliegt denn da?»
12. November 2018

Peter Knaus (45), Projektleiter Brutvogelatlas bei der Schweizer Vogelwarte Sempach LU.

Peter Knaus (45)

Projektleiter Brutvogelatlas bei der Schweizer Vogelwarte Sempach LU.

Jetzt ist er da, der neue Brutvogelatlas. Ihre Arbeit ist beendet.

Nein, jetzt fängt die Arbeit erst an. Der Brutvogelatlas ist eine hervorragende Grundlage, jetzt müssen wir dafür sorgen, dass seine Erkenntnisse in die Praxis einfliessen.

Und welches sind diese Erkenntnisse?

Die Resultate sind sehr lebensraumbezogen. In gewissen Lebensräumen geht es den Vögeln grosso modo recht gut – etwa im Wald –, in anderen ging es ihnen vor zwanzig Jahren schlecht und geht es ihnen jetzt noch schlechter. Im Kulturland geht es ihnen miserabel, da wird für uns auch in Zukunft der Schwerpunkt unserer Arbeit liegen.

Das heisst?

Dass wir mit Nachdruck und Hilfe anderer Organisationen und der Bevölkerung versuchen werden, zum Beispiel die agrarpolitischen Entscheidungen so zu beeinflussen, dass es auch für die ­Vogelarten im Kulturland wieder einen Platz gibt.

Grosser Brachvogel

Er ist gut 50 Zentimeter lang, davon 12 Zentimeter Schnabel, und ist seit 2007 in der Schweiz nicht mehr als Brutvogel nachweisbar.

Können Sie denn erkennen, wo die Bestände sich wie verändert haben?

Ja, und darauf sind wir stolz: Es ist weltweit einmalig, dass man flächendeckend die Dichteveränderungen von vielen Arten so detailliert darstellen kann. Die Schweiz ist da führend – vielleicht noch zusammen mit den Niederlanden und Grossbritannien.

Werden wir konkret, ­welchen Arten geht es gut?

Zulegen konnten wie gesagt vor­ab ­Arten, die im Wald leben, etwa die Mönchsgrasmücke, die Tannenmeise, der Zilpzalp oder das Rotkehlchen. Sie profitieren vom Umdenken in der Forstwirtschaft: dass die Wälder naturverjüngt und keine monotonen Fichtenforste mehr gepflanzt werden, dass es mehr Totholz und ein grösseres Holz­volumen im Wald hat. Verlierer im Wald sind im Gegenzug diejenigen Arten, die gerne lichtere Wälder hätten: das ­Auerhuhn oder der Waldlaubsänger zum Beispiel.

Rotkopfwürger

Der Rotkopfwürger, einst ein verbreiteter Brutvogel, ist in der Schweiz seit 2010 nicht mehr als Brutvogel nachweisbar.

Und welchen Arten geht es schlecht?

Braunkehlchen, Feld- und Heidelerche, Neuntöter, Baumpieper, Steinschmätzer – kurz: bodenbrütende, insektenfressende Langstreckenzieher. Sie leiden unter der Intensivierung der Landwirtschaft, in der überdüngte Wiesen bis zu sechs Mal gemäht werden. Diesen Arten reicht die Zeit zwischen zwei Schnitten nicht, um ihre Jungen aufzuziehen, die werden einfach vermäht. Und sie haben zu wenig Insekten zum Fressen, weil diesen durch den Einsatz von Pestiziden die Nahrungsgrundlage entzogen wird. Zudem dezimieren Insektizide unspezifisch Nützlinge und Schädlinge. Dabei muss man wissen, dass sich 40 Prozent der Schweizer Brutvogelarten fast ausschliesslich von Insekten ernähren und weitere 25 Prozent eine gemischte Diät haben. Die lebenswichtigen kleinräumigen Strukturen fehlen bzw. werden ­vernichtet, damit die Bauern das Land rationeller bewirtschaften können.

«Vögel leiden unter der Intensivierung der Landwirtschaft.»

Peter Knaus

Also sind die bösen Bauern an allem schuld.

Nein, natürlich nicht, es ist vor allem die falsche Subventionspolitik. Zudem denken wir nur an die Störungen durch ­uneinsichtige Mountainbiker, die quer durch die Wälder donnern, Skifahrer abseits der Pisten oder Stand-up-Paddler in gesperrten Feuchtgebieten – bei manchen Vogelarten gelten diese ­neben dem Lebensraumverlust als Hauptursache für den Rückgang.