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Titelgeschichte

Volkszählung bei Vogels

Alle zwanzig Jahre zählt die Schweiz ihre Brutvögel. Tausende von Freizeit-Ornithologen schwärmen dafür als Zensoren durch Wälder und Feuchtgebiete, über Wiesen und Hügel. Darunter viele Junge wie Sylvain Eichhorn.

FOTOS
Heiner H. Schmitt; Illustrationen Paschalis Dougalis «Was fliegt denn da?»
12. November 2018

Ornithologe Sylvain Eichhorn mit Fernglas und Fernrohr am Klingnauer Stausee.

«Da, ein Waldwasserläufer», ruft Sylvain Eichhorn (19), «nein, sogar zwei. Und daneben eine Gebirgsstelze.» Behände tritt der junge Ornithologe einen Schritt beiseite und lässt den Journalisten einen Blick durch das Fernrohr werfen. Tatsächlich, zwei hochbeinige, knapp amselgrosse Vögel stelzen schwanzwippend über die Schlickfläche nahe des Klingnauer Stausees bei Koblenz AG. Der See, ein Naturschutzgebiet, ist bekannt für Watvögel wie den Waldwasserläufer, die hier während ihres Zuges rasten. Gut 100 Meter sind die Vögel vom Beobachter entfernt, aber durch das optische Gerät messerscharf zu erkennen. «Dunkle Brust und scharf abgetrennt davon die weisse Unterseite», beschreibt Sylvain die typischen Merkmale der Art.

Waldwasserläufer

Der Waldwasserläufer ist in der Schweiz nur auf dem Durchzug vom ­Sommer- ins Winterquartier zu beobachten.

Im Schweizer Brutvogelatlas, der Ende Woche erscheint, taucht der Waldwasserläufer nicht auf: Er brütet nicht in der Schweiz – die zwei Exemplare sind Durchzügler –, die Gebirgsstelze schon, gegen 20'000 Paare dürften es sein.

3'169'412 Meldungen

Der Atlas, das Inventar der Brutvögel in der Schweiz, ist das Werk von Peter Knaus (45) und seinem Team von der Vogelwarte in Sempach LU. 2011 starteten die Vorbereitungsarbeiten, 2013 begannen die Zählungen. Dafür wählte das Team 2318 repräsentative, über das ganze Land verteilte Kilometerquadrate. In den folgenden vier Jahren zählten dann jeweils im Frühling Ornithologinnen und Ornithologen die Vögel in diesen Quadraten; in der Regel die singenden Männchen, denn wo Männchen singen, wird meist auch gebrütet. Aufgrund dieser Ergebnisse erstellten die Wissenschaftler für jede Art eine Karte mit der Verbreitung und der Dichte.

Augen offen, Ohren gespitzt: Sylvain Eichhorn auf Vogelpirsch.

Sylvain Eichhorn war einer dieser Vogelzähler. Mit den Bebbi Babblern, der Jugendgruppe der Ornithologischen ­Gesellschaft Basel, verbrachte er zwei Pfingstlager im Bedrettotal TI. Die ­Jungornithologen suchten Vogelarten, die im Gebiet zwar vermutet oder in früheren Jahren schon bestimmt, aber im Rahmen der normalen Rundgänge nicht angetroffen worden waren: Birkhuhn, Steinhuhn oder Sperlingskauz etwa. Auch diese Meldungen berücksichtigte das Projektteam, genauso die Meldungen auf der Internetplattform ornitho.ch, auf der jedermann Ort, Art und Zeitpunkt einer Beobachtung melden kann. «Insgesamt haben wir für den Brutvogelatlas 3 169 412 Meldungen von 3096 Beobachterinnen und Beobachtern berücksichtigt», erzählt Peter Knaus.

Bienenfresser

Erfreuliches gibts vom Bienenfresser zu berichten: Der bunte Geselle brütete 1991 erstmals in der Schweiz, 2017 wurde die Zahl von 100 Brutpaaren überschritten.

Klar waren er und sein Team für jede Meldung dankbar. Besonders freuten sie sich aber, wenn diese von jungen Ornithologinnen und Ornithologen stammten. Und von denen gibt es in der Schweiz immer mehr. «Vogelbeobachtung als Hobby ist salonfähig geworden», freut sich Knaus. «Es gibt in fast allen Regionen aktive Jugendgruppen, die mit ihren Jungen rausgehen.»

Vom Nutzen der Neuen Medien

So fand auch Sylvain Eichhorn zu seiner Passion. Sechs Jahre alt war er, als ihm sein Grossvater ein Buch über die Vögel Europas schenkte. «Die schaute ich mir stundenlang an und prägte sie mir ein», erzählt er. «Und wenn ich dann einen in der Natur draussen wiedererkannte, hatte ich eine Riesenfreude.» Später schloss sich Sylvain den Bebbi Babblern an und nahm an deren monatlichen Exkursionen teil. «Dabei lernte ich auch die Vogelstimmen kennen», erzählt er. Das eröffnete ihm eine neue Welt. «Zuvor kannte ich die auffälligen, grossen Vögel: Enten und so», erinnert er sich. Nun rückten plötzlich auch die kleineren, unauffälligeren, aber nicht minder interessanten Flieger ins Zentrum seines Interesses: zum Beispiel das Sommergoldhähnchen, fünf bis sieben Gramm leicht, knapp zehn Zentimeter lang (Schwanz inklusive) – der kleinste Vogel in der Schweiz (um 325'000 Brutpaare).

Ein Blick ins Bestimmungsbuch bereinigt die letzten Unklarheiten.

Die Förderung in Jugendgruppen ist das eine. Kommt dazu, dass die neuen digitalen Möglichkeiten die Hemmschwelle für den Einstieg in die Orni­thologie senken und ­insbesondere Junge ansprechen. Apps mit Vogelstimmen etwa, die man stets dabeihat und bei ­Unsicherheiten konsultieren kann; die App Naturalist, mit der man Beobachtungen aus dem Feld auf ornitho.ch hochladen beziehungsweise Meldungen anderer Ornithologen ein­sehen kann. «Früher musste man jemanden kennen, der gerade am Klingnauer Stausee gewesen war, den rief man dann an und erfuhr, dass da im ­Moment zwei Waldwasserläufer rasteten», erinnert sich Peter Knaus. «Heute findet man diese Informationen real time im Internet.»

Über die App Naturalist meldet der Ornithologe seine Beobachtungen direkt auf die Plattform ornitho.ch.

Diese Tools benützt auch Sylvain Eichhorn, der bei den Babblern inzwischen selber als Leiter tätig ist und sein Wissen weitergibt. 278 Vogelarten hat er bis heute in der Schweiz in freier Natur beobachtet, 411 weltweit. «Am meisten freue ich mich, wenn ich eine Seltenheit selber entdecke.» Und so durchstreift er denn, öfters mit Gleichgesinnten, mit seinem Velo oder zu Fuss die Region Basel. Vor wenigen Wochen hat er sein Hobby sozusagen zum Beruf gemacht und an der Uni Basel ein Biologie-Studium begonnen. Angekündigt hat sich die Studienwahl schon in seiner Maturarbeit. Darin ging er der Frage nach, welche Bedingungen Brachen für das Schwarzkehlchen idealerweise erfüllen müssen. Für seine Abhandlung erhielt er nicht nur eine blanke Sechs, sondern auch noch das Prädikat «sehr gut» bei «Schweizer Jugend forscht».

Das Jagdfieber ist geweckt

Hausrotschwanz

Der Hausrotschwanz ist der verbreitetste Brutvogel der Schweiz. Er kommt in 95 Prozent der Kilomenterquadrate vor. Es folgen Buchfink und Zaunkönig.

Warum hat Sylvain sein Herz ausge­rechnet an die Vögel verloren? Warum beobachtet er nicht Schmetterlinge, Libellen oder Käfer? «Keine Ahnung», antwortet er spontan – doch nach wenigen Sekunden fallen ihm jede Menge guter Gründe ein. «Erstens lassen sich Vögel besser beobachten als die meisten anderen Tiere: Sie sind relativ gross, auffällig und meist tagaktiv.» Zweitens sei die Zahl der Vogelarten überschaubar: In der Schweiz ­brüten 210 Arten, etwa 200 weitere ­wurden hier schon auf dem Durchzug oder als Wintergäste gesichtet. «Alle ­Arten irgendwann im Leben mal zu beobachten ist zwar eine Herausforderung, scheint aber nicht ganz unmöglich» – auch wenn es noch niemand geschafft hat. Und drittens: «Wenn man sieht, wie es den Vögeln geht, weiss man auch ­besser, wie es um das gesamte Öko­system bestellt ist.» Tatsächlich, denn Vögel stehen, wie der Mensch, ganz oben in der Nahrungskette.

Die Zahl der Vogelarten ist überschaubar. In der Schweiz brüten 210 Arten, 200 ziehen durch oder überwintern hier.

Die Liste der Beobachtungen am Klingnauer Stausee wird lang und ­länger: Löffelenten sind dazuge­kommen, Krickenten, Silberreiher, ein Alpenstrandläufer, Bekassinen. Viele weitere bestimmt Sylvain aufgrund ihrer Rufe: Gartenbaumläufer, Zaunkönig, Rotkehlchen, Mönchsgrasmücke, Zilpzalp und so weiter. Und alle selber entdeckt. Die Meldungen lädt er per App auf ornitho.ch – auch wenn sie nicht in den nächsten Brutvogelatlas einfliessen, der voraussichtlich 2038 ­erscheinen wird. Das Jagdfieber ist geweckt – beim Jungornithologen wie beim Altjournalisten.


Kurz und bündig

  • Der Schweizer Brutvogelatlas erscheint diese Woche zum dritten Mal nach 1980 und 1998.
  • Über 3000 Personen haben daran mitgearbeitet, über 3 Millionen Meldungen flossen ein.
  • In der Schweiz brüten 210 Vogelarten oder insgesamt 10 Millionen Paare.
  • Der Buchfink ist die häufigste, der Hausrotschwanz die verbreitetste Art.
  • Den Vögeln im Wald geht es gut, denjenigen im Kulturland schlecht.
  • Vögel zu beobachten ist salonfähig geworden – auch bei Jugendlichen.

Tipps

Bücher

  • Knaus, Antoniazza, Wechsler, Guélat, Kéry, Strebel, Sattler: «Schweizer Brutvogelatlas 2013–2016. Verbreitung und Bestandesentwicklung der Brutvögel in der Schweiz und dem Fürstentum Liechtenstein 2013 – 2016». Über 350 Fotos, über 1600 Karten und Grafiken, 648 Seiten. Fr. 88.–.
  • «Kosmos Vogelführer für unterwegs». Alle 230 mitteleuropäischen Arten nach Lebensräumen. 300 Fotos, 100 Zeichnungen. In Plastikhülle.
  • Barthel, Dougalis: «Was fliegt denn da? – Das Original. Alle Arten Europas sicher bestimmen». 540 Arten, 1800 Zeichnungen. Das Buch für alle, die noch etwas mehr wissen wollen.

Kormoran

Der bei den Fischern wenig beliebte Kormoran hat sich in den letzten 20 Jahren in der Schweiz als Brutvogel etabliert.

  • Svensson, Mullarney, Zetterström: «Der Kosmos Vogelführer – Alle Arten Europas, Nordafrikas und Vorderasiens». 900 Arten, 4000 Farbzeichnungen. Aktuell die Bibel der Ornithologie in der Westpaläarktis.
  • Maumary, Vallotton, Knaus: «Die Vögel der Schweiz». 2369 Fotos, 848 Seiten, 5 kg. Alles über Vorkommen, Bestand, Wanderung, Lebensraum, Verhalten, Nahrung, Fortpflanzung, Gefährung und Schutz. Das Buch für die absoluten Freaks. Fr. 150.40.
  • Sacchi, Laesser, Ritschard, Rüegg: «Vögel beobachten in der Schweiz». Ein Exkursionsführer zu den 50 Hotspots für Vogelbeobachter.
  • «Vögel rund ums Haus». Download unter www.vogelwarte.ch

Apps

Buchfink

Der Buchfink ist der häufigste Brutvogel der Schweiz. Eine Million Paare brüten hier. Es folgen Mönchsgras­mücke und Amsel.

  • «Der Kosmos Vogelführer» gibt’s auch als App für iPhone und Android mit denselben Texten und Bildern wie im Buch, ergänzt durch die Stimmen der Vögel. Fr. 17.–.
  • Mit der kostenlosen App «Naturalist» (derzeit nur für Android) können Vogelbeobachtende mit guten Kenntnissen ihre Beobachtungen auf die Plattform www.ornitho.ch hochladen bzw. haben alle Interessierten vom Smartphone aus Zugang zu den aktuellen Meldungen.

Links

Das Interview mit Autor Peter Knaus

Die falsche Subventionspolitik ist schuld an der Misere der Vögel im Kulturland, sagt der Forscher.

Weitere Informationen hier: https://www.coopzeitung.ch/themen/familie/tiere/2018/peter-knaus-weltweit-einmalig--165964/