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Hängematten aus Kolumbien: Eine Reise zur Wiege der Götter

Von der Drogenhochburg zum Textilzentrum:Medellín hat sich zu einer florierenden Stadt gemausert, in der traditionelle Hängematten hergestellt werden. Die Coopzeitung hat sich angeschaut, wie.

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David Ossa, Markus Kohler, Cornelius Grisar
05. Mai 2014

Hier finden wir uns bereits am Ende des Herstellungsprozesses der Hängematten. Am Anfang sieht das anders aus. Die fertigen Garne aus Bio-Baumwolle sind gesponnen und werden angeliefert. Die kompletten Spindeln werden entweder weiterverarbeitet oder gefärbt - komplett und am Stück werden sie in die Farben eingetaucht. Mit Druck werden die Fäden bis ins Innere der Spindeln durchgefärbt. Die Kolumbianer mögen kräftige Farben. Da kann's gerne mal gelb, grün oder ... ... pink und lila sein. Die Fäden werden in die Webstuhlmaschinen eingespannt ... .. und bei farbigen Stoffen muss ganz genau darauf aufgepasst werden, dass die jeweils richtige Farbe am richtig Ort eingefädelt ist. Dieses Muster ist ein sehr altes traditionelles Muster aus der Karibikregion von Kolumbien. Zuerst werden die Fäden längs gelegt, dann werden die Querfäden eingeschossen. Die fertig gewobenen Stoffe werden auf grossen Rollen aufgerollt. Auf grossen Lichttischen werden sämtliche Rollen auf Webfehler überprüft. Nach der Kontrolle kommen die Stoffbahnen auf grosse Tische und werden mit einem Spezialinstrument in die richtige Länge geschnitten. Geflochtene Kordeln werden nun an die Stoffe an- bzw. eingenäht. Diese werden vorher in aufwändiger Handarbeit geflochten. Das hat auch seinen Grund: Sie müssen später das Gewicht der ganzen Hängematte und deren Besitzer tragen. Eine Alternative zu den Kordeln ist, die Aufhänger direkt aus den Fäden des Hängemattenstoffes herzustellen. Auch diese Art der Aufhänger ist sehr stabil. So sieht es bei der Herstellung der Hängematten aus: Es wird konzentriert gearbeitet. Allerdings wird auch gerne mal miteinander gescherzt, denn Spass bei der Arbeit muss erlaubt sein. Die Krankenschwester versteht allerdings keinen Spass. Ihr ist wichtig, dass vor allem die Mitarbeitenden, die an den lauten Webstühlen arbeiten, immer ihren Gehörschutz tragen. Dieser wird regelmässig überprüft. Eine Hängematte für Coop wird vorbereitet ... ... sorgsam zusammengelegt ... ... und zu einer platzsparenden Rolle zusammengezurrt. Die Rolle muss selbstständig stehen können. Dann wird noch das Etikett um den Rollito gewickelt und fertig ist die Oecoplan-Hängematte. Momentan (stand Mai 2014) gibt es bei Coop Bau+Hobby zwei Hängematten-Modelle aus der Serie Modesta. Zum einen die Variante rot-grün gestreift ... ... und zum anderen die Variante écru in einem hübschen Naturton. Momentan wird übrigens versucht, ein soziales Zentrum zu unterstützen, in dem mittellose Kinder Musikunterricht erhalten oder von der Strasse geholt werden. Die Idee: Allein erziehende Frauen, die sich auf Näharbeiten spezialisiert haben, sollen die zahlreich anfallenden Stoffreste erhalten, aus ihnen eigenständige Produkte wie Schürzen, Taschen, Stofftiere, Kissen u.v.m. herstellen und auf eigene Rechnung verkaufen dürfen. Der Vorteil: Solche Arbeiten können zu Hause durchgeführt werden und die Kinder wären gleichzeitig nicht allein daheim. Der Name des Sozial- und Kulturzentrums: Moravia - in einem Vorort von Medellin. Hängematten gehören zum Alltagsleben eines jeden Kolumbianers, vor allem an den Küsten. Ob im Garten ... ... am Rand der Strasse ... ... oder mitten auf der Strasse. Hier macht ein LKW-Chauffeur ein kleines Päuschen in seiner Hängematte, die er an seinem Truck befestigt hat. Medellin ist eine aufstrebende Stadt mit hohen wirtschaftlichen Wachstumsraten. Das einzige Problem der Metrople: Da sie zwischen Bergen in einem Tal angesiedelt ist, gibt es unüberwindbare natürliche Grenzen für eine weitere Ausdehnung. Vielleicht der berühmteste Sohn von Medellin ist der Bildhauer Fernando Botero. Seine Plastiken mit voluminösen Tieren und Menschen sind in der ganzen Innenstadt aufgestellt und laden zum Staunen ein. Die City von Medellin ist ein quirliges, modernes und spannendes Erlebnis.

Die fertigen Garne aus Bio-Baumwolle sind gesponnen und werden angeliefert.

Die kompletten Spindeln werden entweder weiterverarbeitet oder gefärbt - komplett und am Stück werden sie in die Farben eingetaucht. Mit Druck werden die Fäden bis ins Innere der Spindeln durchgefärbt.

Die Kolumbianer mögen kräftige Farben. Da kann's gerne mal gelb, grün oder ...

... pink und lila sein.

Reportage

Lina Marcela näht einen Saum um.

Medellín das klingt für uns Europäer nach Raubüberfall, Drogenkriminalität, Mord, oder? Hier soll ein normales Leben geführt werden können?

Lina Marcela muss lachen. Meine Eltern erzählen mir zwar noch von den schlimmen Zeiten in den 70er- und 80er-Jahren. Die Zeiten von Angst und Schrecken sind aber vorbei. Und munter erzählt sie weiter: Ich fühle mich in Medellín sicher und auch sehr wohl. Die 29-Jährige arbeitet seit sechs Jahren im Stadtteil Itagüí im Textilunternehmen Fatelares und stellt mit 65 Kollegen traditionelle Hängematten für Coop Oecoplan her.

Tatsächlich war die zweitgrösste Stadt Kolumbiens jahrelang das Zentrum eines einflussreichen und berüchtigten Drogenkartells. Die Paisas, so werden die Medellíner bezeichnet, litten unter einer der höchsten Mordraten der Welt. Diese Zeiten sind vorbei, die Stadt mit ihren fast 3 Millionen Einwohnern hat sich zu einer florierenden Metropole mit hübsch gepflegten Parkanlagen und Gärten gemausert sie wird gerne auch als Capital de la eterna primavera, Hauptstadt des ewigen Frühlings, bezeichnet.

Hier bringt sie die Kordeln an.

Doch zurück zu Lina.In einer lichtdurchfluteten, sauberen Halle sitzt sie an einer Nähmaschine und sorgt dafür, dass der Stoff, der von den Webstühlen aus feiner Bio-Baumwolle gewebt wurde, zur Hängematte wird: Sie näht gerade einen Umschlag für die Kordeln, die an den beiden Enden eingeflochten werden. Diese müssen sehr stabil sein, denn schliesslich sollen diese Schlaufen in die Haken passen, die dann die Hängematten sowie das Gewicht der Menschen, die es sich darin gemütlich machen, problemlos tragen können.

Sie mag die Abwechslung im Job.Ich finde es schön, dass ich nicht nur einen Job habe, wir wechseln alle paar Tage, erzählt sie. Ab und zu flechtet sie die dicken und starken Kordeln, dann schneidet sie mit einem automatischen Messer die Stoffbahnen in die richtige Länge. Oder sie verpackt die fertigen Hängematten in kleine kompakte Rollen, damit sie dann exportiert werden können. Ich bin froh, dass ich hier Arbeit gefunden habe, sagt sie. Sie ist alleinerziehende Mutter einer achtjährigen Tochter, ihr Mann kam vor sieben Jahren bei einem Motorradunfall ums Leben.

Weil es auf dem Gelände eine Krankenschwester gibt,die nicht nur auf einen guten Gehörschutz bei den Angestellten achtet, sondern sich auch um kleinere Krankheiten der Angestellten kümmert, fühlt sich die trotz Schicksalsschlägen fröhlich gebliebene junge Frau wohl. Ich finde es gut, dass wir geregelte Arbeitszeiten und viele Pausen haben, um uns erholen zu können.

Carlos Manuel Gonzales Villages, Manager der Hängemattenherstellung

Solch soziale Arbeitsbedingungensind Bestandteil des sogenannten GOTS-Standards (Global organic textile standard), einem Zertifikat für die Verarbeitung von Textilien aus biologisch erzeugten Naturfasern, mit dem sich das kolumbianische Unternehmen Fatelares neu auszeichnen darf. Eine solche Zertifizierung stellte uns vor einige Herausforderungen, meint Carlos Manuel Gonzales Villages, der Manager.

Aber wir alle haben uns strikt an die strengen Vorgaben gehaltenund die Prüfer, die minutiös unsere Prozesse unter die Lupe genommen haben, mehr als zufriedengestellt, sagt er. Wir als Unternehmer haben eine soziale Verantwortung für die Menschen, die bei uns arbeiten, sagt er. Nur wenn es ihnen bei uns gut geht, macht ihnen die Arbeit Freude und wir können die hohe Qualität der Hängematten halten.

Auch in der Verpackung arbeitet Lina.

An der Zertifizierung haben alle Mitarbeitendenaktiv mitgearbeitet. Auch Lina. Eine solche Zertifizierung kommt auch mir zugute, denn einerseits profitiere ich von fairen Arbeitsbedingungen, sagt die Frau, die seit über sechs Jahren im Unternehmen arbeitet. Andererseits werde ich bei der Arbeit auch keinen giftigen Substanzen ausgesetzt, die meiner Gesundheit schaden.

Und etwas nachdenklichfügt sie hinzu: Ich muss ja gesund bleiben, schliesslich hat meine Tochter nur noch mich.

Kolumbien

Hauptstadt: Bogotá, D.C.
Einwohner: 47,7 Millionen
Fläche: 1138748 km2
Lebenserwartung: 73,64 Jahre
Währung: Kolumbianischer Peso (Cop)
BIP pro Kopf: 7752 US-Dollar
Unabhängig: seit 1810 (zuvor spanisch)
Klima: tropisch an der Karibikküste im Norden, in den höheren Lagen zwischen 1000 und 2000 Metern gemässigtes tropisches Klima, in den Bergregionen bis 3000 Meter kalttropisches Klima und in den Regionen über 3000 Meter hochalpines Gletscherklima. Trockenzeiten Dezember und Januar. Regenzeiten Mai bis Juli. Viel Niederschlag gibt es westlich der Anden, weniger Regen östlich der Bergketten wegen des Regenschattens..
Natur: 10 Prozent der weltweit vorhandenen Tier- und Pflanzenarten sind in Kolumbien heimisch, das damit den zweiten Platz bei der Artenvielfalt belegt.
Wirtschaft: Schnittblumen, Kaffee, Bananen, Textilien. Nach wie vor werden in grossem Stil auch Schlafmohn und Coca illegal angebaut.

Geschichte

In Zentral- und Südamerika ist die Hängematte aus dem Alltagsleben nicht wegzudenken. Geschätzte 100 Millionen Menschen schlafen dort Nacht für Nacht in diesem für uns ungewöhnlichen Bett nicht nur, weil es bequem ist, sondern auch, weil es als Schutz vor feuchten Böden und Ungeziefer dient.

In Kolumbien ist die Hängematte vor allem in der tropischen Karibikregion stark verbreitet, dort ist sie in jedem Haushalt mehrere Male vertreten vor allem in bunten Farben und traditionellen Mustern.

Die älteste bekannte Hängematte ist aus purem Gold gewirkt, stammt aus dem 7. Jahrhundert und wird im Goldmuseum in Bogotá ausgestellt. Wahrscheinlich haben die Mayas die Hängematte erfunden. Sie hat die untergegangene Kultur vor allem bei den Indios überlebt. Diese schätzen bis heute den Komfort und bezeichnen sie anerkennend als Wiege der Götter.

Kolumbus brachte sie dann im 15. Jahrhundert nach Europa, wo sie vor allem in der Schifffahrt als platzsparendes Bett beliebt war.

Anfangs wurden die Garne für die Hängematten aus der Rinde des Hamack-Baumes gesponnen (Hängematte auf Spanisch: la hamaca), danach wurde Sisal verwendet. Erst seit ca. 60 Jahren werden die Hängematten vielfach aus Baumwolle gewoben.

Aufhängung

Generell gelten folgende Faustregeln:

Aufhängeabstand: Sie müssen zwischen zwei Bäumen oder zwei Wänden darauf achten, dass der Abstand mindestens 80 Prozent der Länge der Hängematte entspricht. Wenn sie etwas mehr durchhängen möchten, benötigen Sie weniger Abstand. Aufhängehöhe: ungefähr die Hälfte des Aufhängeabstands

Zwischen zwei Bäumen: Die Bäume sollten mindestens drei Meter voneinander entfernt sein. Besorgen Sie sich zwei Seile. Schlingen Sie jeweils eines mehrmals um einen Baum und verbinden Sie es mit dem Ende der Hängematte. Bitte achten Sie darauf, dass die Hängematte gut durchhängt. Ggf. verlängern Sie sie mit dem Seil.

Zwischen zwei Wänden: Am besten eignen sich in Innenräumen oder auf der Terrasse Beton- oder Gipswände. Bringen Sie mit Bohrer und Dübeln stabile Wandhaken an und verbinden Sie diese mit dem Seil der Hängematte.

An der Decke: In niedrigen Räumen können Sie die Hängematte mit Haken auch an der Decke befestigen.

Liegen

Legen Sie sich nicht längs in eine Hängematte. Das Tuch umschliesst dann überall und eng Ihren Körper, dass Sie nicht mehr herausschauen können. Ausserdem ist diese Liegeposition beengt und unbequem.

Kenner legen sich diagonal in die Hängematte. Dadurch öffnet der Körper fächerartig den Stoff, so dass Sie entspannt in den Himmel schauen oder ihre Umgebung betrachten können. Diese Position macht auch das Schaukeln bequemer, denn Sie schwingen nicht von rechts nach links, sondern wie in einem Schaukelstuhl vor und zurück.

Zum Webauftritt des Coop-Nachhaltigkeits-Label Oecoplan Zur Webseite von Coop Bau+Hobby Zur Webseite vom Global Organic Textile Standard (GOTS)