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Bargeld ein Auslaufmodell?

Hat Bargeld im Zeitalter der Kreditkarte und der Geldwäscherei-Bekämpfung ausgedient? In der Schweiz sicher nicht: Am 12. April kommt die neue Banknotenserie in Umlauf gestartet wird mit der 50er-Note.

FOTOS
Heiner H. Schmitt, Massimo Pedrazzini, zVg SNB
14. April 2016

Jung und Alt: Sie hat das Leben noch vor sich, die aktuellen Geldscheine jedoch sind am Ende ihres Lebens angelangt.


Banknoten

Luigi Rezzonico (59), Treuhandberater aus Lugano.

Könnte man angesichts der vielen neuen elektronischen Zahlungsmethoden nicht komplett auf Bargeld verzichten? Das ist vor allem eine kulturelle Frage, sagt Luigi Rezzonico (59), Treuhandberater aus Lugano. Während meines USA-Aufenthalts war es ganz normal, die Einkäufe mit der Kreditkarte zu bezahlen. Ich habe mich rasch daran gewöhnt. Es ist schnell und unkompliziert und man kann bei Bedarf auch grössere Beträge bezahlen. Auch die Sicherheit sei gewährleistet: Ich kann jede Transaktion auf dem Handy überprüfen und Bezahlvorgänge beim ersten Verdacht abbrechen. Natürlich gebe es auch Gefahren: Die Verwendung von Kreditkarten und Online-Bezahlungen erfordern höchste Vorsicht: Man muss aufpassen, nicht mehr auszugeben, als man sich eigentlich leisten kann.

Ich kann alles auf dem Handy überprüfen.»

Luigi Rezzonico

Monica Thaler (54), Tessiner Weinverband

Es geht auch ohne Kreditkarte

Monica Thaler (54) vom Tessiner Weinverband Interprofessione della Vite e del Vino Ticinese vertritt eine ganz andere Meinung: Ich gebe nur das Geld aus, das ich im Portemonnaie habe. Ich plane meine Ausgaben und habe daher nie viel Bargeld dabei. Wenn ich etwas Interessantes sehe, lasse ich es zurücklegen und kaufe es am nächsten Tag. Mit diesem Grundsatz bin ich gross geworden: So kann man nicht mehr Geld ausgeben, als man hat ...

Ich gebe nur Geld aus, das ich im Portemonnaie habe.»

Monica Thaler

Also ist ein Leben ohne Kreditkarte, E-Banking und Smartphone mit Bezahl-App auch heute noch möglich? Natürlich, aber ich muss zugeben, dass auch ich eine Euro-Prepaid-Karte habe, da ich nur auf diesem Weg ein Hotelzimmer buchen oder online einkaufen kann. Ein guter Kompromiss, wie ich finde, aber ansonsten kann ich gut darauf verzichten. Auch auf Auslandsreisen bleibt die Karte zu Hause.

David Delcò (46), Ausbildner des Schweizerischen Roten Kreuzes in Piazzogna

Die goldene Mitte

David Delcò (46), Rettungssanitäter und Ausbildner des SRK Piazzogna, ist ein Verfechter der goldenen Mitte: Meistens bezahle ich per E-Banking, ich hebe nur selten Geld ab. Im Alltag bezahle ich mit der Kreditkarte oder bar. Die Maestro-Karte ist meiner Meinung nach auch für kleine Ausgaben sicher, aber man muss seine Ausgaben unbedingt im Auge behalten, um nicht ins Minus zu rutschen. Auch im Internet bin ich vorsichtig. Aber PayPal ist sicher und ich weiss, dass das Geld beim Empfänger ankommt.

Meistens bezahle ich per E-Banking.»

David Delcò

Über das Internet kann ich bequem von zu Hause aus bezahlen und muss nicht viel Bargeld herumtragen. Ein weiterer Vorteil ist, dass ich Geldbeträge von einem Konto auf ein anderes überweisen kann und dabei immer im Blick habe, wie viel ich ausgebe. Gibt es auch Risiken? Ich fühle mich recht sicher, da ich mein Antivirus-Programm regelmässig aktualisiere und aufpasse, wem ich welche Daten über das Internet preisgebe. Nach jedem Bezahlvorgang bekomme ich eine elektronische Benachrichtigung. Und wie sieht es mit dem Bezahlen per Smartphone aus? Langsam mache ich mich auch damit vertraut. Das System ist auf jeden Fall interessant: Ich habe gesehen, dass man in Bellinzona die Parkgebühren schon mit dem Smartphone bezahlen kann

Im Schnitt 63 Franken

In den Coop-Verkaufsstellen werden inzwischen die Hälfte aller Einkäufe mit einem der elektronischen Zahlungsmittel bezahlt: Unsere Kunden bevorzugen unabhängig vom Betrag das Bezahlen mit Bankkarten, sagt Beat Leuthardt, Leiter Finanzen bei Coop. 1991 wurde im Durchschnitt bei einem Wert von 120 Franken elektronisch bezahlt. Bis 2014 ist dieser Wert auf 63 Franken gesunken.
Neben Kreditkarten und dem Smartphone kommt in der Schweiz im Sommer die erste Armbanduhr auf den Markt, mit der Beträge bis 40 Franken kontaktlos bezahlt werden können: Wird die Uhr an das entsprechende Gerät gehalten, läuft die Bezahlung ganz ohne PIN-Eingabe ab. Werden diese neuen elektronischen Bezahlsysteme das Bargeld an den Kassen der Coop-Verkaufsstellen irgendwann ganz

ablösen? In absehbarer Zeit sicherlich nicht, meint Leuthardt lächelnd. In der Schweiz werden wir nach wie vor Bargeld und vor allem Kleingeld brauchen, da die Hälfte unserer Kundschaft gerne mit Banknoten bezahlt und wir das Rückgeld herausgeben müssen.

Interview

Cash bleibt wichtig

Sergio Rossi, Ordentlicher Professor für Makroökonomie und Geldwirtschaft an der Universität Fribourg.

Wird Bargeld irgendwann abgeschafft?
In Zukunft wird die Verwendung von Bargeld aus zwei Gründen stark abnehmen: Auf der einen Seite werden kleine Beträge zunehmend mit Smartphone-Apps bezahlt. Grössere Beträge werden hingegen künftig nur noch per Banküberweisung bezahlt, da grosse Banknoten wie die Tausend-Franken-Note zur Bekämpfung von Steuerhinterziehung und illegalen Transaktionen aus dem Verkehr gezogen werden. Ausserdem wird sich der Online-Handel immer stärker durchsetzen, wodurch Bargeldzahlungen weiter zurückgehen.

Welche Gefahren und Vorteile hat eine bargeldlose Gesellschaft?
Sie birgt vor allem zwei Gefahren: Bei Zahlungen mit mobilen Geräten ist es unmöglich, vollumfängliche IT-Sicherheit zu garantieren zudem kann die Abwicklung durch verschiedene technische Probleme gestört werden. Ausserdem ist die Gefahr höher, sich zu verschulden, da man kein Bargeld mehr braucht, um Güter oder Dienstleistungen zu kaufen. Aber es gibt auch klare Vorteile: Man kann Zahlungen vornehmen, ohne vorher Bargeld abheben zu müssen, oder Produkte kaufen, ohne vorher das nötige Geld verdient zu haben.

Wie sieht ein Alltag ohne Bargeld aus?
Die Bargeldlosigkeit befreit zunächst einmal von der Notwendigkeit eines gefüllten Portemonnaies und somit eines Einkommens, um im Alltag Güter und Dienstleistungen kaufen zu können. Ist die erste Euphorie jedoch verflogen, sieht man schnell ein, dass Bargeld das beste und sicherste Zahlungsmittel ist, um bequem kleinere Beträge zu bezahlen ganz ohne sich Sorgen über allfällige Betrüger oder IT-Probleme machen zu müssen oder sich aufgrund der Möglichkeit, Dinge auf Pump zu kaufen, zu verschulden. Letztlich hängt auch viel von der finanziellen Kompetenz jedes Einzelnen ab.

Geldserien

19071925

Banknoten im Wert von 50, 100, 500 und 1000 Franken; 1945 aus dem Zahlungsverkehr genommen.




19111958

Banknoten von 5, 10, 20, 40, 50, 100, 500 und 1000 Franken. Die 10- und 40-Frankennoten wurden nie in Umlauf gebracht; 1978 aus dem Zahlungsverkehr genommen.



1938 (Reserveserie)

Notbanknoten von 50, 100, 500 und 1000 Franken. Sie wurden nie in Umlauf gebracht.




19571980

Banknoten im Wert von 10, 20, 50, 100, 500 und 1000 Franken; im Jahr 2000 aus dem Zahlungsverkehr genommen.



19782000

Banknoten im Wert von 10, 20, 50, 100, 500 und 1000 Franken; werden im Jahr 2020 aus dem Zahlungsverkehr genommen.



19982016

Banknoten im Wert von 10, 20, 50, 100, 200 und 1000 Franken, die 2036 aus dem Zahlungsverkehr genommen werden sollen.



Ab 2016

Banknoten im Wert von 10, 20, 50, 100, 500 und 1000 Franken, die bis 2019 in regelmässigen Abständen in Umlauf gebracht werden.



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