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Gefragt: Schweizer Exportschlager

Schweizer Schoggi und Käse sind auf der ganzen Welt beliebt. Zum 1.August zeigen wir Schweizer Erfolgsprodukte von Ovomaltine bis zum Bio-Reis.

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Christoph Kaminski, Freshfocus, Getty Images, 
18. Juli 2016

Ovomaltine, sprich Ovaltine, ist auch in Vietnam sehr beliebt.

Wer als Schweizer in Thailand durch einen x-beliebigen Supermarkt streift, findet dort sehr wahrscheinlich ein vertrautes Produkt: Ovomaltine. Nur heisst das Pulver dort Ovaltine und ist nach gängiger Meinung ein urthailändisches Produkt. Eine dreiste Kopie? Nein. Aber wer das verstehen möchte, muss einen Blick in das Jahr 1919 werfen: Damals erblickt nicht nur Märchentante Trudi Gerster das Licht der Welt und Carl Spitteler erhält als erster Schweizer den Literaturnobelpreis; 1919 wagt die Berner Firma Wander den Schritt nach Übersee und gründet ihre erste Fabrik in Chicago. Sie legt damit den Grundstein für einen Siegeszug, der die Ovomaltine weltweit bekannt machen wird. Auch in Thailand: Die erste Niederlassung in Asien hat Albert Wander in den 1920er-Jahren gegründet. Von da an erschliesst sich das Malzgetränk fast im Zweijahrestakt neue Märkte und ist heute in 110 Ländern erhältlich.

Helvetisches Erfolgsrezept

Für Kambly ist Frankreich der wichtigste Exportmarkt.

Fast 3,3 Millionen Tonnen Nahrungsmittel hat die Schweiz im vergangenen Jahr exportiert. Deren Wert beläuft sich auf über acht Milliarden Franken, Tendenz steigend. Dabei zählen nicht nur Klassiker wie Schoggi und Käse zu den essbaren Exportschlagern, sondern auch viele bekannte Produkte wie Ovomaltine, Rivella, Ricola oder Kambly-Biscuits. Sie sind bei Menschen auf allen Kontinenten beliebt. Und sie sind besonders beliebt bei Schweizern im Ausland. So wollen manche nicht auf ihre geliebte Aromat-Streuwürze verzichten, und die bekannte Zürcher Opernsängerin Noëmi Nadelmann hat auf Reisen stets ein paar Stück Ragusa im Gepäck. Ovomaltine ist dabei nur ein Beispiel für das erfolgreiche Auslandsgeschäft mit Schweizer Essen. Ein anderes ist Ricola. 1930 gründet der Bäcker Emil Richterich in Laufen die Confiseriefabrik Richterich&Compagnie und entwickelt alsbald den berühmten Kräuterzucker und damit die Basis für den weltweiten Erfolg der Ricola AG. Aus dem kleinen Familienbetrieb wird ein millionenschweres Unternehmen, das sich in über 50 ausländischen Märkten behauptet und damit rund 90 Prozent seines Umsatzes erwirtschaftet. Jährlich produziert Ricola rund sechs Milliarden Bonbons und verarbeitet 1400 Tonnen frische Kräuter. Und es werden vermutlich noch mehr. Besonders in Asien und Osteuropa findet man zusehends Gefallen an der Kräuterkraft. Aber weshalb? Weil man das Bonbon sofort mit kräuterbewachsenen Schweizer Alpwiesen verbindet? Das habe mit der Vielseitigkeit zu tun, sagt Nadja Lutz, Kommunikationsbeauftragte bei Ricola: In den USA werden wir als Hustenbonbon und nicht als Süssigkeit wahrgenommen. In Asien sind wir mehr ein Lifestyle-Produkt.

Essen von Weltruf

Ricola ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich die Schweiz im Ausland auch durch andere Lebensmittel hervortun kann als Käse und Schokolade. Obwohl das die typischen Klischee-Produkte sind, spielen sie immer noch eine gewichtige Rolle im helvetischen Exportgeschäft als die wenigen Schweizer Esswaren von wirklichem Weltruf. Der Cambridge-Ökonom Ha-Joon Chang erklärt sich den Erfolg der Schoggi durch die Anerkennung des Schweizer Erfindergeists und Strebens nach Perfektion. Mit den Exporten kann der Verband Chocosuisse durchaus zufrieden sein. Letztes Jahr stieg die Ausfuhrmenge um 1,4 Prozent auf 117031 Tonnen. Die grössten Abnehmer bleiben Deutschland, Grossbritannien und Frankreich. Während die Eidgenossen immer weniger Schokolade konsumierten, steigt der Verzehr etwa in Japan, Singapur, Australien und den Vereinigten Arabischen Emiraten seit Jahren an.

Wenig erstaunlich, dass das Toggenburger Traditionshaus Kägi seit 2011 Büros in Hongkong und Dubai unterhält. Heute beliefert die Kägi Söhne AG mit ihren Schokoladenwaffeln knapp 30 Märkte, und setzt fast die Hälfte ihrer Produktion ins Ausland ab. Das Fundament dafür schuf die Firma 1955, als sie eine Ladung Kägi-Produkte von Lichtensteig am Fusse der Churfirsten über den Panamakanal bis nach Los Angeles schickte. Der Importeur Fred Hubbs holte sich damals nicht nur die Neuheit Kägi fret nach Amerika, sondern auch Berühmtheiten ins Haus, denen er Kostproben der Schoggiwaffeln gab. Ab diesem Tag so jedenfalls die Legende fragte die verstorbene Hollywoodikone Marilyn Monroe bei jedem Treffen: Do you have it? Hubbs antwortete angeblich stets mit einer Gegenfrage: What, cigarettes? Woraufhin sie erwidert habe: No, this Swiss-fret!

Mittel gegen Heimweh

Für die Zürcher Opernsängerin Noëmi Nadelmann (54) ist Schokolade ein Stück Heimat in der Ferne. Ihren Wohnsitz in der Schweiz hat die Sopranistin zwar nicht aufgegeben, aber seit sie mit Lyndon Terracini (66), dem künstlerischen Direktor der Opera Australia, liiert ist, reist sie bis zu achtmal pro Jahr für mehrere Wochen nach Sydney. Wegen ihres beruflichen Engagements steht Nadelmann ohnehin alle paar Monate auf einer anderen grossen Opernbühne. Und wenn sie deshalb der Schweiz den Rücken kehren muss, besteht ihr Handgepäck meist aus Schoggi und Guetzli. Ich habe immer viel zu schleppen, sagt sie lachend. Überkommt sie dann das Heimweh und die Sehnsucht nach der Familie, findet Nadelmann etwas Trost im Genuss. Denn Schokolade weckt Erinnerungen: Mit den Grosseltern wandern gehen, hinaus in die Natur, Schoggi und Brot als Proviant. Oder das Glück, wenn einem die Mutter ein Ragusa überreicht. Die Heimat ist dann etwas weniger weit weg. Der Gebäckhersteller Kambly hat als Familienunternehmen ebenfalls den grossen Sprung ins Ausland geschafft: Was 1906 als kleine Bäckerei im Emmental begonnen hatte, präsentiert sich heute als der führende Biscuit-Exporteur der Schweiz. Rund 50 Prozent des Umsatzes werden im Ausland erzielt, in Frankreich, Saudi-Arabien, Brasilien, Malaysia, Kanada und 45 weiteren Ländern.

Rare Delikatessen

Ricola gibt es auch in Hongkong am Kiosk.

Ein zuverlässiges Erfolgsprodukt bleibt der Käse. Allerdings zieht die Branche eine durchzogene Bilanz für 2015. Zwar wurden 68459 Tonnen ins Ausland abgesetzt, 204 Tonnen mehr als im Vorjahr, doch mussten die drei Spitzenreiter Emmentaler, Gruyère und Appenzeller Verluste hinnehmen. Schuld daran sind höhere Preise wegen der Aufhebung des Euro-Mindestkurses. Wichtigster Handelspartner bleibt Europa, denn rund 80 Prozent der Exporte gehen vor allem in unsere Nachbarländer. In Australien ist Schweizer Käse eine vergleichsweise rare Delikatesse. Das wird Noëmi Nadelmann jeweils schmerzlich bewusst, wenn sie in Sydney im Feinkostgeschäft steht und entgeistert auf das Preisschild blickt: Bei 128 Dollar für ein Kilo Appenzeller leiste ich mir das nur hin und wieder. Da lohnt es sich auch nicht, ein Racletteöfeli aus der Heimat mitzunehmen. Und da man als Tourist keine Milchprodukte in das Land einführen darf, kann sich die Opernsängerin nur schlecht mit ihrem geliebten Käse versorgen. Wenn sie auf Tournee ist, kann es sogar noch schlimmer kommen. In Argentinien, wo Nadelmann im Moment am Teatro Colón in Buenos Aires singt, muss sie sich in Verzicht üben. In Buenos Aires Schweizer Käse zu finden, ist so gut wie unmöglich, sagt sie. Der sehnsüchtig erwartete Biss ins Raclette, das sie an die Skiferien im Chalet erinnert, muss bis zur Rückkehr nach Zürich warten. Während sich Nadelmann auch im Ausland darauf verlassen kann, dass der Appenzeller immer in etwa gleich schmeckt, passen andere Hersteller ihre Lebensmittel den lokalen Eigenheiten an, um jenseits der Grenze erfolgreich zu sein. So gibt es Rivella in den Niederlanden in allen Geschmacksrichtungen ausschliesslich in kalorienreduzierter Form. Rivella Blau wurde dort einst als Diabetikerprodukt eingeführt, und erst ein Jahr später in der Schweiz. Mit Rivella Cranberry dürfen die Holländer zudem ein Getränk geniessen, das es hierzulande nicht gibt.

Von Ovomaltine zur Ovaltine

Auch Ovomaltine hat sich weltweit lokalen Vorlieben angepasst mit Erfolg. Rund um den Globus gibt es weit über 30 Rezepturen, acht davon allein in Thailand, darunter auch eine Soja-Mischung. Und so verzeichnet Ovomaltine den höchsten Pro-Kopf-Konsum nicht in der Schweiz, sondern in Thailand. Während sämtliche Ovo für den europäischen Markt aus dem bernischen Neuenegg stammt, hat Wander weltweit drei Schwestergesellschaften für die lokale Produktion. Bereits die Mixtur, die jenseits unserer Grenzen in den Supermarktregalen steht, enthält Kristallzucker und schmeckt süsser als unsere Ovomaltine. Weil das Getränk vielerorts mit Wasser anstatt mit Milch angerührt wird, gelangt zudem Milchpulver in die Rezeptur. Und dass Ovomaltine in vielen Ländern Ovaltine heisst, hat einen einfachen Grund: Da dies leichter auszusprechen ist, hat Wander den Namen für den englischen Markt angepasst.