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75 Jahre Projekthilfe

Seit 75 Jahren verbessert die Coop Patenschaft für Berggebiete die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Schweizer Bergbauern.

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Hsaskia Cereghetti-Landrini
06. März 2017

Oskar und Karin Meuli mit Geissen bei ihrem Haus in Nufenen.


Nach dichtem Nebel im Misox werden wir in Nufenen GR bei strahlendem Sonnenschein von Bistgaun Capaul begrüsst: ein freundliches Lächeln, zwei kräftige Hände, die zupacken können. Der Bio-Bauer aus Lumbrein, seit Jahren Experte der Projekte der Coop Patenschaft für Berggebiete in den Kantonen Graubünden und Uri, hat das Rentenalter erreicht. Dennoch denkt er nicht im Traum daran, seine Gummistiefel an den Nagel zu hängen.
Vor zehn Jahren erhielt er einen Anruf der Geschäftsleiterin der Patenschaft, Béatrice Rohr. Sie suchte jemanden für die Auswahl und Betreuung der finanzierungswürdigen Projekte. Ich kannte die Gegend gut und war mit dem Thema vertraut, erklärt er und zeigt uns einen ganzen Ordner voller Dossiers. Ich helfe gern, und das Engagement für Bauernfamilien ist mir selbst ein Anliegen, führt er aus. Dass er mitfühlend ist, wird schnell klar. Vor drei Jahren erfuhr er vom Schicksal der Familie Meuli in Nufenen. Das Ehepaar mit drei Kindern brauchte dringend eine neue Unterkunft.

Die Familie lebte in einem grossen, alten und sanierungsbedürftigen Haus, das verkauft werden sollte. Es zu kaufen und in Schuss zu bringen, hätte ein Vermögen gekostet. Die Meulis besassen ein Stück Land. Die vernünftigste Lösung war, dort ein Haus zu bauen, erinnert sich Capaul. Er wählt die Projekte nicht nur aus, sondern koordiniert auch die Arbeiten. So entstehen dauerhafte Bindungen zu den Familien, sagt der Experte und begleitet uns zu Oskar Meulis Familie, die auch dank der finanziellen Unterstützung der Coop Patenschaft für Berggebiete heute in einem neuen Haus in der Nähe ihrer Ställe lebt. Ohne diese Hilfe hätten wir es nie geschafft, wir sind sehr glücklich, sagt Meuli und bittet uns herein.

Einen Traum realisieren

Bilder aus dem Archiv der Coop Patenschaft: Arbeiten an einer Wasserleitung.

Oskar Meuli ist Bio-Bauer, wie fast alle Bauern im Tal. Der Bauernsohn wurde in Nufenen geboren. Nach seiner Ausbildung arbeitete er mehrere Jahre als Mechaniker. Aber dann beschloss er, Bauer zu werden. Ich hatte mich schon als Kind um die Tiere gekümmert, und mir gefiel die Idee, mich zusammen mit meiner Frau selbstständig zu machen und Zeit für meine Kinder zu haben. So begann er vor 15 Jahren, sich diesen Traum zu erfüllen. Auch wenn es am Anfang nicht leicht war, hat sein Betrieb heute zwanzig Kühe und ebenso viele Schafe und Ziegen. Selbstständig zu sein erfordert Opfer. Bürozeiten kennt er nicht. Der Tag beginnt um vier Uhr, wenn uns die Katze aufweckt, schmunzelt Meuli, eine halbe Stunde später stehe ich im Stall und melke die Tiere. Die Kuhmilch kommt in die Dorfkäserei, die Ziegen- und Schafmilch verarbeitet die Käserei in Sufers.
lll Die Geschichte der Meulis ist nur eine unter vielen, die das Leben in unseren Bergen schreibt. Die Geschichten handeln alle von Menschen mit einer Leidenschaft für ihr Handwerk, Menschen, die vor Sonnenaufgang aufstehen, damit wir Tag für Tag frische Produkte in den Läden finden.
Zusätzlich zur Arbeit auf den Feldern und im Stall müssen die Bergbauern wirtschaftliche und bürokratische Probleme bewältigen. Dabei brauchen sie oft Unterstützung, wie die vielen Hilferufe, aber auch Dankesschreiben beweisen, die Capaul erhält. Seine Motivation blieb im Laufe der Jahre ungebrochen, und die Ideen gehen dem Bündner nicht aus. Schon gar nicht jetzt, wo das 75-Jahr-Jubiläum der Coop Patenschaft für Berggebiete ansteht. Er könnte noch ewig über die Projekte weiterreden. An der Art, wie er darüber spricht, erkennt man, dass es für ihn nicht nur um Zahlen oder Namen, sondern um Schicksale geht.

Der schönste Job der Welt

Hier kam eine Bauernfamilie in den Genuss von gespendeten Schuhen.

Bistgaun Capaul zeigt die Dankesschreiben, die er in der letzten Zeit erhalten hat: Eine Bündner Familie bedankt sich für die Hilfe bei den Sanierungsarbeiten an ihrem Haus, dank denen jedes Kind nun ein eigenes Zimmer hat, eine andere für die finanzielle Unterstützung, die den Kauf neuer Maschinen ermöglichte, um die alten, kaputten Geräte auszutauschen. In einem weiteren Schreiben ist vom grossen Sanierungsprojekt der Alp Suot in Guarda zu lesen, wofür die Coop Patenschaft 76000 Franken bereitgestellt hat. Das sind nur einige Beispiele für Projekte, die die Coop Patenschaft für Berggebiete in 75 Jahren unterstützt hat.
Die Zeit für unser Gespräch ist um, Capaul wirft einen verstohlenen Blick auf die Uhr. Bitte entschuldigen Sie, ich muss gehen. Auf mich wartet der schönste Job der Welt. Was das wohl ist? Ich habe meiner Schwiegertochter versprochen, mich um meinen Enkel zu kümmern, sagt er lächelnd. Niemand nimmt es ihm übel, wenn er an diesem Nachmittag das Telefon nicht beim ersten Klingeln abhebt.

145 Projekte im Jahr 2016

Die Coop Patenschaft für Berg-gebiete ist eine Non-Profit-Organisation, die 1942, also mitten im Zweiten Weltkrieg, gegründet wurde. Ihr Ziel: die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Schweizer Bauern zu verbessern. Seither finanziert sie die Sanierung von Wohnhäusern und Ställen, Anschlüsse an Strom- und Wasser-versorgung, Zufahrtswege zu abgelegenen Höfen und vieles mehr. Alle Kosten für Admini-stration und Personal trägt Coop, sodass jeder für die Coop Patenschaft für Berggebiete gespendete Franken zur Gänze den Schweizer Bergbauernfamilien zugutekommt. 2016 waren dies mehr als 5,8 Millionen Franken für 145 Projekte.

Mehr Informationen unter: www.coop.ch/patenschaft