X

Beliebte Themen

Aktuell

Holzflitzer: Ein Schlitten mit Tradition

Mit dem Holzschlitten den Berg hinabsausen das ist wohl die Urform des Wintersports. Doch wie lange geht das noch? Nur wenige Schreiner beherrschen heute noch die Kunst des Schlittenbaus.

TEXT
FOTOS
Peter Mosimann, zvg
15. Januar 2018

Paul Burri ist Vollblut-Schreiner. Seit 20 Jahren baut er mit viel Leidenschaft seine Schlitten. Die Zwillinge


Handwerk

Paul Burri ist offenbar einer der Letzten seiner Art, denn nach seiner Schätzung gibt es hierzulande nur noch eine Handvoll Schlittenbauer. Die Langlebigkeit unseres Produkts ist nicht gerade geschäftsfördernd, meint er lächelnd. Seine Werkstatt hat er in Lohnstorf BE. 1992 übernahm ich eine Schreinerei, die seit Generationen Schlitten hergestellt hatte, erzählt der 60-Jährige. Von den Leuten dort lernte ich, wie man die Holzflitzer anfertigt.

Viele Werkzeuge und Maschinen aus der alten Schreinerei sind bei ihm noch in Gebrauch. Vor Jahrzehnten wurden sie speziell für die Anforderungen des Schlittenbaus gebaut oder angepasst, so etwa bestimmte Fräsen oder Bohrer. Angetrieben wurden sie früher von Wasserturbinen. Inzwischen haben das Elektromotoren übernommen, so Burri. Aber immer noch steckt in jedem Schlitten viel Handarbeit.

Für den Bau von Schlitten wird bevorzugt Eschenholz verwendet. Das ist zäh und hart und lässt sich trotzdem leicht bearbeiten, weiss der Schreiner. Und es hat den Vorteil, dass es elastisch ist und sich mit Dampf leicht biegen lässt. Diese Eigenschaft ist für die Kufen wichtig sie müssen gleichmässig gebogen sein.

Zwillinge müssen es sein

Zuerst werden die gelagerten Eschenholzbretter zugesägt und in einem Rohr für 90 Minuten dem 150 Grad heissen Wasserdampf ausgesetzt. Danach sind sie butterweich und einfach zu verbiegen, sagt Burri. Dies geschieht nun mit einer kufengleich geschwungenen Form: Die Hölzer werden hineingepresst und bleiben 24 Stunden darin so lange braucht es, bis sie wieder hart geworden sind. Danach halbiert Burri jeden dieser Rohlinge. Für das Fahrverhalten des Schlittens ist es wichtig, dass die beiden Zwillinge an ein und denselben Schlitten kommen, erklärt der Schreiner. Sonst fährt der Schlitten nicht gut geradeaus und verzieht sich. Um sie nicht zu verwechseln, markiert Burri die Kufenpaare nach dem Auseinandersägen mit identischen Zahlen.

Als Nächstes baut er die beiden Joche zusammen, aus je zwei Füssen und einem Querbalken. Dass sie nicht rechtwinklig angeordnet sind, dient der Stabilität des Schlittens, weiss Burri: Die Füsse sind ein wenig nach aussen gespreizt, damit der Schlitten nicht so leicht umkippt.

Die Zwillinge

Nun kommen die Teile zusammen: Die Joche steckt und verleimt Burri unten in vorgestemmte Löcher an den Kufen. Oben auf die Querbalken schraubt er fünf Sitzlatten. Alle Teile schleifen wir seitlich ab, damit sie handlicher sind und sich besser anfühlen, erklärt der Schlittenbauer. Jetzt montiert er noch die Metallschienen an die Kufen, und auf eine der Latten wird das Pro-Montagna-Logo eingebrannt. Zu guter Letzt taucht Burri jeden Schlitten in ein Lackbad und hängt ihn zum Trocknen auf. Ohne Holzschutz würde der Schlitten auf Dauer durch die Nässe des Schnees faulen, sagt Burri. Nach weiteren 24 Stunden ist der Lack trocken und der Schlitten bereit fürs Schneevergnügen.

Pro Jahr stellt Paul Burri normalerweise 250 bis 300 Schlitten her. Diese Saison sind es aber mehr, da er Lukas Pirkheim hilft: Dessen Firma Eicher Holzwaren in Schwarzenegg BE hat von Coop Bau+Hobby den Auftrag erhalten, gegen 850 Schlitten herzustellen, und zwar aus Eschenholz, das aus den Schutzwäldern rund ums nahe gelegene Meiringen stammt. Gut, ist mein Schwiegervater im gleichen Kleintierverein wie Paul Burri, freut sich Lukas Pirkheim über die Zusammenarbeit mit dem erfahrenen Schlittenbauer. Nur mit seiner langjährigen Erfahrung und seiner Kenntnis schaffen wir das Mammutprojekt. So packt Burri bereits seit dem Sommer in Pirkheims Betrieb mit an. Selbst für den Fachmann war das früh: Im Hochsommer das Holz fürs Wintersportgerät zu biegen, das ist schon speziell.

Davoser Schlitten

Woher kommt der Davoser?

Ob der erste Davoser Schlitten tatsächlich aus Davos kam, ist heute nicht mehr genau in Erfahrung zu bringen. Wahrscheinlich geht der Name auf das erste Schlittenrennen im Jahr 1883 zurück, bei dem auch erstmals dieser Typ Schlitten zum Einsatz kam.

Die Grundform soll von den norwegischen Schlitten abgeleitet sein, die Ende des 19.Jahrhunderts in der Schweiz auftauchten. Viele Schreiner entwickelten diesen Typ weiter, sodass man nicht von einem einzigen Erfinder sprechen kann. Zudem gibt es mehrere andere Schlittenformen: Grindelwalder, Aroser, Bergüner, Schanfigger oder Beggrieder Schlitten.

Als eine Art Klassiker gilt aber der Davoser. Und da diese Bauart bis heute beliebt, jedoch nicht gesetzlich geschützt ist, darf jeder Davoser Schlitten bauen.

Nachhaltig

Pro-Montagna-Schlitten

Der Schlitten (90 cm) kostet Fr. 149..

Das Eschenholz für diesen Davoser Schlitten stammt aus nachhaltig bewirtschafteten Bergwäldern, die Schutz vor Lawinen, Bergstürzen oder Steinschlag bieten. Für die Erhaltung dieser Schutzwälder setzt sich Coop mit ihrer Eigenmarke Pro Montagna ein: Ein Teil der Verkaufspreises fliesst direkt zurück in die Berggebiete.

Den Pro-Montagna-Schlitten gibts bei Coop Bau+Hobby oder auf deren Webseite.