«Arbeiten ist kein Müssen» | Coopzeitung
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Jugendausgabe 2019

«Arbeiten ist kein Müssen»

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Daniel Desborough
18. November 2019
 «Die Arbeitswelt verändert sich.» Coop-VR-Präsident Hansueli Loosli mit den Lernenden Jon Shala und Lisa Turnsek.

 «Die Arbeitswelt verändert sich.» Coop-VR-Präsident Hansueli Loosli mit den Lernenden Jon Shala und Lisa Turnsek.

Hansueli Loosli, was war Ihr bisher schönster Moment im Leben?

(Überlegt.) Privat war es die Geburt meiner beiden Kinder. Beruflich war es der damalige Zusammenschluss der fünfzehn Coop-Genossenschaften zu einem Unternehmen. Beide Highlights haben etwas gemeinsam: Die Kinder sind gewachsen, das Unternehmen Coop ebenso.

Was ist ein gutes Leben?

Man sollte das Glück haben, dass man gesund bleiben darf. Ebenso ist es wichtig, sei es beruflich oder privat, dass man sich genug Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben nimmt.

Wann mussten Sie heute aufstehen?

Heute war ich um halb sieben bei der Coiffeuse. (Lacht.) Normalerweise stehe ich um fünf oder halb sechs auf.

Wie lange müssen Sie im Schnitt arbeiten?

Also arbeiten ist kein Müssen. Sobald es ein Müssen ist, sollte man aufhören. Wenn du nicht gerne aufstehst am Morgen, weil du arbeiten gehen musst, wird es schwierig, oder nicht? Am besten ist es, wenn man gerne aufsteht und das mit Leidenschaft macht, was man tut. Dann bist du auch am richtigen Ort, dann geht es dir gut.

Wir nehmen an, dass Sie nicht jeden Tag ein Interview mit Coop-Lernenden haben. Wie sieht Ihr normaler Arbeitsalltag aus?

Meine Arbeitstage bei Coop sind geprägt von Sitzungen und Gesprächen. Sei es mit dem Vorsitzenden der Geschäftsleitung, dem Verwaltungsrat oder mit Mitarbeitenden der Tochterfirmen, bei welchen ich Verwaltungsratspräsident bin. Bei Swisscom ist das ähnlich. Wichtig ist mir bei allen Firmen das persönliche Gespräch mit den Mitarbeitenden. Im digitalen Zeitalter wird die persönliche Kommunikation ja oft vernachlässigt. Ich versuche dem entgegenzusteuern.

«Ich wuchs quasi in einem Laden auf und musste mithelfen.»

Hansueli Loosli

Wie organisieren Sie Ihre Sitzungen und Termine? Brauchen Sie einen Outlook-Kalender, machen Sie sich Notizen oder merken Sie sich einfach alle Daten?

Da ich viel geschäftlich unterwegs bin, ist eine bis ins Detail durchdachte Terminplanung zwingend erforderlich. Ich habe bei Coop zwei Assistentinnen, die meine Termine koordinieren und mich bei meiner Arbeit unterstützen. Damit ich immer auf dem neuesten Stand meiner Terminplanung bin, habe ich auch einen ganz normalen Outlook-Kalender wie ihr.

Was war Ihr Traumberuf als Kind?

Es gab zwei Traumberufe: Ich wollte entweder Sportler oder Unternehmer werden. Am Ende habe ich mich für das Zweite entschieden. Das war keine Entscheidung gegen den Sport, sondern für den Beruf des Unternehmers, indem ich die kaufmännische Berufslehre absolvierte. Ich wuchs quasi in einem Laden auf, meine Mutter war Filialleiterin einer Volg-Filiale. Als Kind musste ich mithelfen.

Waren Sie als Lehrling eher ein offener Mensch oder eher der schüchterne Typ?

Nein, schüchtern war ich nie! (Lacht.) Aber auch nicht überheblich, ich bin ein sehr offener Mensch.

Nach Ihrer Lehre kamen Sie bald zu Coop. Warum Coop?

Nach der Lehre habe ich zuerst ganz andere Sachen gemacht. Ich arbeitete bei der heutigen ABB, im Finanz- und Rechnungswesen, ich war auf einem Treuhandbüro und später bei Mövenpick. Dort habe ich den damaligen Besitzer Ueli Prager kennengelernt, der mit Mövenpick etwas

Fantastisches aufgebaut hat. Ich lernte, was es heisst, Unternehmer zu sein. Danach kam ich zur Filialkette Waro und 1992 wechselte ich zu Coop.

«Wir haben junge Filialleiter, die bis zu 50 Personen führen.»

 

Hier machten Sie Karriere.

Ich fing in Wangen an, als Non-Food-Verantwortlicher. Der damalige Direktionspräsident der Coop Schweiz sagte mir an meinem ersten Arbeitstag, dass es um die Region Coop Zürich nicht gut stehe: «Die schreiben Verluste, das müssen wir ändern!» Ich fragte, wer mit «wir» gemeint sei. Er antwortete, das sei genau das Problem. Mir war sofort klar, dass ich dorthin musste. Und so kam es auch. Vier Jahre später wusste ich genau, wie eine regionale Genossenschaft funktioniert. Das hat mir später geholfen, alle zu überzeugen, dass wir besser ein einziges Unternehmen betreiben statt fünfzehn.

Sie wurden 1996 mit bloss 41 Jahren Coop-Chef. Mussten Sie sich deswegen besonders behaupten?

Wenn ein junger «Schnuufer» auf den Chefsessel rückt, ist es nicht selbstverständlich, dass solche, die schon 20 Jahre hier sind, sagen: «Genau das haben wir uns gewünscht.» Es hatte viele gute Mitarbeitende um mich herum, sonst wäre das nie gegangen. Für mich ging es darum, die Leute zu einem Aufbruch zu bringen. Zwei Jahre später sagte ich dem Verwaltungsrat, dass es eine neue Struktur brauche. Ich sei nicht der Erste, der das versuche, bekam ich zu hören. Aber 14 Monate später hatten wir es geschafft.

Wenn Sie zurückdenken, würden Sie nochmals den gleichen Weg gehen?

Ich habe ein schönes Berufsleben. Mir war immer wichtig, den Mitarbeitenden zu vertrauen. Ich kann sie ja nicht immer kontrollieren. Die Leute müssen und sollen selbstständig sein.

Wie findet man den richtigen Beruf für sich?

Ich selber bin drei oder vier Mal schnuppern gegangen. Wenn es mit der KV-Lehre nicht geklappt hätte, wäre mir sicher noch ein anderer Beruf in den Sinn gekommen. Man muss sich rechtzeitig intensiv mit dem Thema auseinandersetzen, sicher auch gemeinsam mit den Eltern.

Haben Sie keine Angst, dass in Zukunft weniger Junge in den Detailhandel wollen?

Ich denke, wir müssen die Vorzüge dieses Berufs besser verkaufen. Im Handel hat man riesige Chancen. Nirgends kann man so jung eine Führungsposition übernehmen. Wir haben junge Filialleiterinnen und -leiter, welche bis zu 50 Mitarbeitende führen. Wo sonst hat man die Chance, so schnell einen Schritt nach vorne zu machen?

Was raten Sie Lernenden, die im Sommer angefangen haben?

Es braucht Leidenschaft für das, was man tut. Der Lernende soll von sich selber aus sagen: Das mache ich richtig gerne! Sobald man das nicht kann, sollte man unbedingt etwas ändern.

Womit beschäftigen Sie sich in Ihrer Freizeit gerne?

Sport ist mir wichtig. Ich gehe gerne wandern, biken oder schwimmen. Zu meinem beruflichen Alltag brauche ich einen Ausgleich; ich achte auch auf gesundes Essen sowie genügend Schlaf. Ich habe früher nur vier oder fünf Stunden geschlafen und dachte, es geht. Aber sechs bis sieben Stunden sind schon besser. Ich lese auch viel, vor allem Fachbücher, momentan über IT und Cyber. Wie wir mit unseren Daten umgehen, das interessiert mich sehr.

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Hansueli Loosli, geboren am 4. November 1955, begann einst als KV-Lehrling. Danach führte seine Karriere steil nach oben – heute ist er unter anderem VR-Präsident von Coop. 2010 wurde er «Schweizer Unternehmer des Jahres».

Wie schaffen Sie es, trotz Ihrer Verpflichtungen Zeit für die Familie freizuschaufeln?

Meine Lebenspartnerin wohnt und arbeitet in Wien. Über das Wochenende sehen wir uns aber immer, entweder bei ihr oder bei mir. So teilt man auch seine Freizeit anders ein, als wenn man jeden Tag zusammen ist. Ich habe zwei erwachsene Kinder, die mir ebenfalls sehr wichtig sind, und vor Kurzem bin ich sogar zum zweiten Mal Grossvater geworden.

Wie sehen die nächsten wichtigen Schritte für Coop aus?

Vor etwa 14 Jahren erklärten wir, dass wir bei Coop ein zweites Standbein haben müssen. Seitdem sind wir nicht nur im Detailhandel in der Schweiz tätig, sondern mit Transgourmet auch international. Unser Ziel ist es, dass Transgourmet auch nach Spanien und Italien expandiert, da dort sehr gute Restaurants vorhanden sind. Also zwei grosse Gastromärkte, die wir gerne versorgen möchten. Bell hat sich in dieser Zeit ebenfalls stark vergrössert, und auch das zählt zum zweiten Standbein.

Werden wegen der Digitalisierung Arbeitsstellen verloren gehen?

Es entstehen auch neue. Die Arbeitswelt verändert sich. Darauf müssen wir die Menschen vorbereiten. Wir haben eher das Problem, dass wir nicht alle Stellen besetzen können. In Deutschland fehlen von 1000 Chauffeuren rund 150. Entweder man macht es sich einfach und holt sie aus anderen Ländern wie Rumänien, der Ukraine oder Polen. Oder aber man entwickelt ein Ausbildungsprogramm für Mitarbeitende, die bisher im Lager tätig waren und Chauffeure werden wollen.

Wie sieht es mit Ihrer eigenen Zukunft aus? Sie wären nächstes Jahr eigentlich pensioniert.

Ich werde nächstes Jahr 65 Jahre alt, das stimmt. Aber bei Coop könnte man auch mit 63 Jahren schon gehen, wenn man will. Klar ist, dass meine Zeit als Verwaltungsratspräsident bei Coop 2021 anlässlich der Delegiertenversammlung abläuft. Dann wird jemand anderes auf diesen Stuhl gebeten. Ich habe hunderttausend Ideen, was ich noch machen möchte. Ich fühle mich fit und werde sicher etwas Neues anpacken.

Hansueli Loosli, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. 

Lisa Turnsek (17)

Lernende Podologie bei Per Piedi Basel, interviewt auch gerne ihre Kunden während der Betreuung.

 

Jon Shala (17)

Lernender KV beim Coop Category Management in Bern, bezeichnet sich selber als überaus offene und sehr spontane Person.