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Recycling am Riff

Verlorene Fischernetze bedrohen das Meeresleben. Dank engagierter Taucher werden sie aber wieder zum Rohstoff. Zum Beispiel für die Socken, die es jetzt bei Coop gibt.

FOTOS
Imad Farhat/Ghost Fishing, ZVG
18. August 2019

In 40 Metern Tiefe hängt ein Netz fest. Die Bergung bedeutet harte Arbeit für die Taucher. Mit ihren Aktionen wollen sie das Bewusstsein für den Meeresschutz fördern.

Meerwert-Socken

So macht Recycling Spass!

Sammelaktion «Sea happy»
Bis zum 28. September 2019 erhalten Sie für Einkäufe im Coop-Supermarkt und Coop City, im Coop-Restaurant sowie bei Online-Bestellungen via coop@home je Fr. 10.– Einkaufswert eine Sammelmarke. Haben Sie eine Sammelkarte mit 40 Marken vollgeklebt, bekommen Sie dafür gratis ein Socken-Set (zwei Paar, erhältlich in Grössen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene) aus Gewebe mit rezykliertem Nylongarn oder ein Plüschtier. Volle Sammelkarten können Sie bis 5. Oktober 2019 in Coop-Supermärkten und bei Coop City einlösen.

Infos und Sammelkarten unter: www.coop.ch/seahappy

Hier könnte eines der schönsten Tauch­reviere im westlichen Mittelmeer sein: Zwischen den Inseln Lipari und Volcano vor der Nordküste von Sizilien (I) bieten bizarre Felsen aus Vulkangestein eigentlich einen idealen Lebensraum für viele Meerestiere. Doch Fehlanzeige: «Einen einzigen Tintenfisch haben wir heute gesehen», sagt Pascal van Erp (43) nach dem Tauchgang, der Anfang Juni stattfand. Bei idealen Bedingungen: sonnig, nahezu windstill. Der Niederländer ist Tauchkoordinator bei «Healthy Seas» (gesunde Meere), einer Initiative, die aufgegebene Fischernetze – «ghost nets» (Geisternetze) – aus dem Meer holt.

Eine tödliche Falle

Dass sie Teile ihrer Ausrüstung – Netze oder Langleinen – verlieren, passiert den Fischern häufig. Obwohl sie wissen, dass sich das Material an Riffen oder Schiffswracks verhaken kann, gehen sie dieses Risiko ein. Denn diese Orte der Zuflucht für die Meeresbewohner bieten im überfischten Mittelmeer oft die letzte Chance auf einen guten Fang. Bleiben die Netze dort hängen, werden sie zur tödlichen Falle für viele Lebewesen.

«In Geisternetzen lässt sich die ganze Nahrungskette verfolgen», erklärt van Erp. Erst bleiben Seegurken, Seeigel, Krabben oder Skorpionfische hängen. Dann grössere Räuber, etwa die vom Aussterben bedrohte Mönchsrobbe oder Haie. Oft sind auch Seevögel und Schildkröten unter den Opfern. Vor zwei Jahren hatte sich sogar ein junger Pottwal hier bei den Liparischen Inseln mit der Schwanzflosse in einem treibenden Netz verfangen. Zwar konnte die Küstenwache den grössten Teil entfernen, doch wenige Tage später lag das Tier verendet an der Küste.

Ballons ziehen die Netze nach oben. 

Das Skelett des Pottwals ist heute im Meeresmuseum von Milazzo ausgestellt, zusammen mit dem Netz, in dem sich der Pottwal verfangen hatte – und mit den Plastikabfällen, die sich in seinem Magen befanden: ein Mahnmal gegen die globale Vermüllung der Ozeane.

Vom Abfall zum Rohstoff

Auch die Geisternetze sind Teil dieses Problems. Gemäss einer Schätzung der Vereinten Nationen ist die Fischerei für etwa 10 Prozent des gesamten Abfalls in den Weltmeeren verantwortlich. Dies entspricht 640 000 Tonnen. Als van Erp vor zehn Jahren begann, nach Geisternetzen zu tauchen, landete das von ihm und Gleichgesinnten geborgene Material noch auf der Deponie. Dass heute daraus ein Rohstoff für Textilien wird, ist der Initiative «Healthy Seas» zu verdanken, zu der sich Naturschützer und Industrie im Jahr 2013 zusammengefunden haben.

«Die Netze, die wir diese Woche hier aus dem Meer geholt haben, werden gereinigt und rezykliert», sagt Pascal van Erp nach dem Tauchgang im Hafen von Lipari. «Ein internationales Unternehmen verarbeitet sie zusammen mit anderen Nylonabfällen zu neuem Garn.» Die so produzierte Faser unterscheidet sich von herkömmlichem Nylon vor allem durch die massiven Einsparungen an Rohöl und CO2-Emissionen bei der Produktion. Aus diesem Garn entstehen dann auch die bei Coop erhältlichen Socken. Vom Abfall zur Kleidung («from waste to wear») ist darum das Motto von «Healthy Seas».

Bewusstsein schaffen

Bei den Liparischen Inseln holten van Erp und seine Mitstreiter Anfang Juni fünf Tonnen Geisternetze aus dem Meer. «Das war harte Arbeit», betont er. «Bei den Felsen haben wir die Netze in 40 Metern Tiefe freigeschnitten.» Das internationale Team – ausser van Erp zwei weitere Niederländer, ein Brite und ein Libanese – konnte nur die Hälfte des Tauchgangs auf dieser Tiefe arbeiten: Wegen der erforderlichen Dekompression dauerte allein der Wiederaufstieg an die Meeresoberfläche eine halbe Stunde. Dagegen schiessen die Netze sofort nach oben, sobald die Transportballons mit Luft aus den Atemgeräten der Taucher gefüllt werden. «In dem Moment müssen wir aufpassen, dass keiner mitgerissen wird.» Daher kommen nur Taucher mit Erfahrung und Sachverstand zum Einsatz. Um ihr Wissen und ihre Technik weiterzugeben, hatten van Erp und seine Kollegen vor Lipari zwei Italiener dabei. «Wir werden immer mehr», freut sich der Tauchkoordinator von «Healthy Seas», «jetzt sind wir gut 150 weltweit. Viele waren frustriert, weil die Unterwasserwelt immer öder wird. Aber solche Aktionen geben dem Tauchen wieder einen Sinn.»

«Solche Aktionen geben dem Tauchen wieder einen Sinn.»

Pascal van Erp

Wie wichtig der Schutz der Meere ist, zeigen die Taucher auch der Jugend, indem sie ganze Schulklassen zu ihren Aktionen einladen. Unterstützung findet der Kampf gegen die Geisternetze zudem bei den Fischern, Behörden und Umweltorganisationen vor Ort.

Es braucht globales Umdenken

Auch Pierre-Yves Cousteau (37), Sohn des berühmten Meeresforschers Jacques-Yves Cousteau (1910–1997), hält «Healthy Seas» vor allem wegen dieser Aufklärungsarbeit für wichtig: «Netze zu bergen hilft zwar den Meeresbewohnern. Doch bei dem Tempo, mit dem wir die Umwelt verschmutzen, kommen wir niemals mit dem Aufräumen nach.» Die Verantwortung sieht Cousteau nicht bei den Konsumenten: «Da muss vor allem die Industrie weltweit umdenken!»

Welche Bedeutung hat die Bergung von Geisternetzen für den Schutz der Ozeane?

Keines der Umweltproblem lässt sich durch Aufräumarbeiten lösen. So etwas zu behaupten wäre blauäugig. Bei dem Tempo, mit dem wir die Umwelt verschmutzen, kommen wir niemals mit dem Aufräumen nach. Die Gefahren für die Umwelt sind systembedingt und lassen sich nur auf Systemebene beseitigen. In erster Linie können wir mit solchen Aktionen die Öffentlichkeit sensibilisieren. Zugleich sind die Aufräumarbeiten nützlich und notwendig, um die Schäden zu verringern, die von unkontrollierten und zerstörerischen Industriellen Aktivitäten ausgehen.

Pierre-Yves Cousteau (Bild: Twitter, @PYCousteau)

Wie gross ist die Gefahr durch die Geisternetze, verglichen mit anderen Ursachen für das Mikroplastik-Problem?

Die aufgegebenen oder verlorenen Netze sind die Hauptursache für Plastikverschmutzung der Meere. Bevor sie im Lauf der Zeit zu Mikroplastik abgebaut werden, das dann in die Nahrungskette gelangt, töten sie wahllos jedes Lebewesen, das das sich in ihnen verfängt.

Die Aktivitäten von «Healthy Seas» können also allgemein das Umweltbewusstsein der Gesellschaft verstärken?

Auf jeden Fall. Aber wie bei jedem Umweltproblem muss man das auch kritisch hinterfragen. Die geborgenen Netze sind schmutzig, von Algen bedeckt und bestehen aus verschiedenen Materialien. Bislang sind Bergung, Sortierung und Rezyklierung noch nicht wirtschaftlich, abgesehen von Spezialfällen wie den Netzen aus Aquakultur. Es geht daher hauptsächlich um die Sensibilisierung. Niemand sollte glauben, dass damit das Problem gelöst ist.

«Netze zu bergen hilft zwar den Meeresbewohnern. Doch bei dem Tempo, mit dem wir die Umwelt verschmutzen, kommen wir niemals mit dem Aufräumen nach.»

Pierre-Yves Cousteau

Genügt es, Socken aus rezykliertem Nylon zu tragen, oder müssen wir mehr tun, um unseren ökologischen Fussabdruck zu verringern?

Nein, das genügt natürlich nicht. Die Industriellen hätten es gerne, dass die Verantwortung für ihre Umweltverschmutzungen von den Konsumenten übernommen wird. Dank Lobbying bekommen sie politische Unterstützung durch die Regierungen: Sie versuchen uns einzureden, dass alles unsere Schuld sei und wir uns ändern müssten, um die Probleme zu lösen. Aber allein die Industrie profitiert von den Umweltproblemen. Darum muss vor allem sie dafür verantwortlich gemacht werden, die von ihr verursachten Probleme auch zu lösen.

Ihr Vater zeigte in seinen Filmen die Schönheit der Unterwasserwelt und begeisterte damit Generationen. Dennoch missbrauchen wir die Ozeane immer mehr als Mülleimer – Haben Sie eine Erklärung für diesen Widerspruch?

Ich hoffe, meine Antworten haben gezeigt, worauf ich hinauswill. Der Konsument trägt keinerlei Verantwortung für die Verschmutzung der Natur. Selbst wenn jedermann achtgeben würde, liesse sich das Problem damit nicht lösen. Knapp 10 Prozent des Kunststoffs wird recycelt. Die industrielle Verwendung von Kunststoff übertrifft die der Konsumenten bei weitem. Ich gehe sogar noch weiter: Seinen Müll überall wegzuwerfen, ist völlig natürlich: Pflanzen zum Beispiel verbreiten auf diese Weise ihre Samen. Natürlich ist das nicht politisch korrekt. Aber wenn man die Auswirkungen auf die Natur betrachtet, sind die verwendeten Stoffe das Problem und nicht das Verhalten der Konsumenten. Es ist schon erschütternd: Die Industrie profitiert von der Zerstörung der Natur, zieht die Regierungen auf ihre Seite und zeigt dann mit dem Finger auf den Konsumenten als Verursacher des Problems. Das muss man sich einmal vor Augen führen!