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Recycling: Schweizer Velos für Afrika

In Afrika werden keine Velos produziert. Aber gebraucht. Ein Schweizer Hilfswerk kombiniert geschickt ein Integrationsprojekt mit der Hilfe für Afrika.

FOTOS
Philipp Zinniker, Raymond Rohner, Heks
08. Oktober 2012
Jean ist arbeitslos und in einem Beschäftigungsprogramm. Er macht alte Velos wieder fahrtüchtig.

Jean ist arbeitslos und in einem Beschäftigungsprogramm. Er macht alte Velos wieder fahrtüchtig.


Reportage

Jean ist gebürtiger Franzose aus Paris. Der heute 52-Jährige lebt aber seit seinem 13. Lebensjahr in der Schweiz. Und das, was er jetzt macht, wird in Afrika gebraucht. Jean steht somit am Anfang einer ganz internationalen Geschichte. Jedes Jahr werden in der Schweiz 350000 neue Velos gekauft. Das freut die Velobranche. Damit werden aber gleichzeitig viele alte Velos überflüssig. Die sind oft noch gut in Schuss und wären anderswo hervorragend zu gebrauchen.

Darauf baut das Projekt Velos für Afrika seit 1993. Wir sammeln die Velos ein, lassen sie herrichten und verschiffen sie nach Afrika, wo sie wieder verkauft werden, erklärt Matthias Maurer von der Berner Velo-Recycling-Firma Gump- und Drahtesel. Sein Unternehmen kombiniert Entwicklungszusammenarbeit geschickt mit einem Integrationsprojekt in der Schweiz. Menschen ohne Arbeit, Jugendliche auf der Strasse oder Arbeitnehmer mit eingeschränkter Leistungsfähigkeit machen die Velos wieder fahrtüchtig. Die Arbeitslosenversicherung, Sozialämter und diverse soziale Institutionen sind froh, wenn sie Klienten ins Beschäftigungsprogramm schicken können, wo sie in den Arbeitsalltag integriert werden. Sie übernehmen auch die Bezahlung. Drei Monate bleiben die Programmteilnehmer in der Regel. Rund ein Drittel findet in dieser Zeit wieder eine Beschäftigung.
Jean ist beim RAV gemeldet, der Regionalen Arbeitsvermittlung. Auch für ihn hat sich der Arbeitseinsatz gelohnt. Er hat zwar noch keine Stelle in Aussicht, aber eine wichtige Erkenntnis gewonnen: Ich will auf jeden Fall etwas mit Velos machen, sagt er, der fast sein ganzes Arbeitsleben als Hilfskoch verbracht hat. Nun haben es ihm die Velos angetan. Und die Chancen stehen gar nicht schlecht. Wir hatten schon Teilnehmer in unseren Programmen, die führen heute einen eigenen Veloladen, sagt Maurer stolz.

Unsere Recyclingvelos sind qualitativ viel besser.»

Matthias Maurer, Projekt Velos für Afrika

Matthias Maurer

Die Nachfrage nach Velos aus der Schweiz ist in den Ländern Afrikas unvermindert gross, sagt Maurer. Von den rund 20000 Velos, die letztes Jahr im Netzwerk von Velos für Afrika gesammelt wurden, landeten genau 13043 im Süden, in Ghana, Tansania, Eritrea, Burkina Faso, Gambia und der Elfenbeinküste. Die anderen dienen als Ersatzteillager. Und ständig kommen neue Bestellungen, freut sich Maurer. Vor wenigen Tagen konnte das 100000. Velo gefeiert werden.

Einen kleinen Nachfrageeinbruch erlebte Velos für Afrika 2005, als neue chinesische Velos die Märkte überschwemmten. Sie kosten gleich viel wie ein Schweizer Recyclingvelo. Der Einbruch war aber nur vorübergehend. Als die ersten Kunststoff-Pedale abbrachen, haben die Leute rasch gemerkt, dass unsere Recyclingvelos qualitativ viel besser sind, sagt Maurer.

Das Velo aus der Schweiz dient diesem Bäcker als Transportmittel.

Weil die Velos einsatzfähig sind, setzt sich das Schweizer Hilfswerk auch nicht der Kritik aus, Afrika als Entsorgungsplatz für Altmetall zu missbrauchen. Und eine lokale Industrie gibt es nicht. So können Jean und die anderen 110 Arbeiter im Gump- und Drahtesel im Rahmen ihres Integrationsprojektes weiterhin Velos für Afrika reparieren. Und sie sind nicht die einzigen. Dank der gros-sen Nachfrage nach Schweizer Velos ist die Organisation Velos für Afrika ständig daran, neue Partner aus dem sogenannten zweiten Arbeitsmarkt zu finden, das sind Behindertenwerkstätten, Integrationsprogramme und Beschäftigungswerkstätten.

Die Teilnehmer der Programme bekommen eine fachliche Qualifizierung, Hilfe bei der Stellensuche und Unterstützung in privaten Belangen, denn viele hätten Schulden, leben vielleicht in Scheidung oder kommen ganz grundsätzlich mit ihrer Situation nicht klar, sagt Matthias Maurer. Und vor allem bekommen sie einen Tag, der am Morgen beginnt, sie tagsüber beschäftigt und sie am Abend zufrieden ins Bett fallen lasse. Das ist nicht zu unterschätzen.

100000. Recyclingvelo

Mit dem Velo auf den Markt und in die Schule

Michel Ducommun von der Organisation Velos für Afrika.

Kürzlich verliess das 100000. Recyclingvelo die Schweiz Richtung Afrika. Es kostet bis zu 100 Franken. Die Velos sind heiss begehrt. Ausgediente Velos werden in der Schweiz fahrtüchtig gemacht und in Afrika für 50 bis 100 Franken verkauft. Dort erleichtern sie Händlern und insbesondere Frauen das Leben. Zum Beispiel Alganesh Kidane aus Eritrea. Sie legt mit dem Recyclingvelo aus der Schweiz ihren Arbeitsweg zurück. Vorher bin ich 20 Kilometer täglich zu Fuss gegangen. Jetzt nehme ich das Velo für den Arbeitsweg, und meine Tochter benutzt das Velo für die Schule, um Einkäufe zu tätigen und Feuerholz zu holen.

Das Hilfsprojekt Velos für Afrika verkauft die Recyclingvelos an lokale Händler und soziale Organisationen. So werden zum Beispiel rund 2000 Velos pro Jahr nach Eritrea verschifft und durch eine lokale Kriegsinvalidenorganisation und eine Arbeitervereinigung an die Kunden verkauft. Das HEKS Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz übernimmt den Seetransport und den Transport im Zielland. Mit dem Gewinn finanzieren sie soziale Programme (Schule, Ausbildung und Frauenförderung) und bauen die Verteil-Strukturen aus (neue Verkaufsstellen und Reparaturwerkstätten). Nur so sei die Aktion auch wirklich nachhaltig, sagt Michel Ducommun, der den Aufbau der lokalen Strukturen vor Ort begleitet.

Gratis-Ersatzteile von Coop

Coop unterstützt die Aktion Velos für Afrika, die SBB sind ebenfalls dabei, und auch Sie können helfen. Coop Bau+Hobby stellt dem Velo-Recycling-Unternehmen Gump- und Drahtesel gratis Ersatzteile zur Verfügung, die SBB transportieren ausgediente Velos gratis in die Werkstätten, und Sie können Ihr nicht mehr gebrauchtes Velo spenden. Die Velos werden an vielen Sammelpunkten und an jedem bedienten Bahnhof mit Gepäckabgabe entgegengenommen.

Damit die Velos gratis transportiert werden, braucht es einen Transportgutschein. Der ist unter der Telefonnummer 0319797050 oder auf der Internetseite von Velos für Afrika zu bestellen.

Zur Internetseite von Velos für Afrika