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Taten statt Worte

Arbeitswelt: Der Kunde entscheidet mit

Eine Vereinigung von über 1000 Handelsunternehmen setzt sich seit 10 Jahren gemeinsam und weltweit für gute Arbeitsbedingungen bei ihren Zuliefererbetrieben ein. Sibyl Anwander von Coop über die Gründe und die Erfolge dieser Initiative.

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Georgios Kefalas, Heiner H. Schmitt, Marius Born
05. Juli 2013

Reportage

Coopzeitung:Was haben 10 Jahre BSCI bewirkt?
Sibyl Anwander: Über 1000 Unternehmen setzen sich gemeinsam im Rahmen von BSCI für soziale Mindeststandards in den Fabriken ein. Das gibt natürlich eine grosse Verhandlungsmacht. Dadurch haben Themen wie Sicherheit, faire Löhne und Arbeitszeiten eine grössere Bedeutung bekommen. Bei Betrieben, die für den Export arbeiten, findet man zum Beispiel kaum noch Kinderarbeit. China hat das Arbeitsgesetz so angepasst, dass es den westlichen Arbeitsgesetzen entspricht. Und auch in Thailand hat man realisiert, dass man die Arbeitszeiten reduzieren und die Löhne erhöhen muss. In unserer Datenbank führen wir mehr gut auditierte Betriebe. Es wurden viele Schulungen in den Produktionsbetrieben durchgeführt und es gab viele runde Tische mit Produktionsfirmen, Stakeholdern und Regierungen.

Was wird kontrolliert?
Mittels Audits wird kontrolliert, wie und ob die Sozialanforderungen in einer Fabrik umgesetzt werden. Der Auditor achtet auf kritische Punkte. Etwa auf Kinderarbeit, auf die Hygiene des Betriebs, ob Trinkwasser vorhanden ist und die Fluchtwege frei sind. Chemikalien müssen korrekt beschriftet und aufbewahrt sein. Auch die Buchhaltung wird überprüft, die Schutzregelungen für die Arbeitnehmer und die Arbeitszeiten müssen eingehalten werden. Ein wichtiger Teil der Audits sind Interviews mit den Mitarbeitenden, um die Aussagen der Geschäftsführung zu prüfen.

Ist das eine Garantie dafür, dass Dramen wie in Bangladesch nicht vorkommen?
Nein, eine Garantie ist das nicht. Es kann immer was passieren. Ein BSCI-Audit ist grundsätzlich ein Sozialaudit und keine technische Inspektion. Die muss weiterhin von den lokalen Behörden vorgenommen werden. Darum sucht BSCI das Gespräch mit den Behörden in Bangladesch, um gemeinsam Lösungen zu finden. Man kann aber sagen, dass keiner der in Bangladesch in die Schlagzeilen geratenen Betriebe direkt oder indirekt mit BSCI verlinkt ist. Die sorgfältige Auswahl der Betriebe, mit denen man zusammenarbeitet, sowie möglichst langjährige und persönliche Geschäftsbeziehungen sind wichtig.

Sibyl Anwander, Leiterin Nachhaltigkeit/Wirtschaftspolitik bei Coop und Leiterin des Steuerungskomitees von BSCI.

In welchen Bereichen werden BSCI-Standards angewandt?
Bis jetzt ist es vor allem die letzte Fertigungsstufe, etwa das Nähen von Textilien oder die Fertigung von Möbeln oder Werkzeug. Allerdings wird erwartet, dass auch in den Vorstufen die Grundsätze von BSCI umgesetzt werden. Bei Coop Naturaline werden auch die Vorstufen wie Spinnen oder Färben nach den sozialen Standards auditiert. Grundsätzlich werden alle Produktionsbetriebe in Risikoländern, welche für Coop Non-Food-Artikel oder auch Lebensmittel produzieren, nach dem BSCI Code of Conduct auditiert.

Wie sieht der Kunde, dass ein Produkt in einem nach BSCI auditierten Betrieb hergestellt wurde?
Man sieht das einem Produkt nicht an. Auch auf der Verpackung ist kein Hinweis. Denn BSCI ist kein Label, sondern ein Mindest-Standard, der die korrekte Einhaltung der Arbeitsgesetze sowie der internationalen Konventionen in diesem Bereich sicherstellen soll. Die Produktionsbetriebe erhalten auch kein Zertifikat, sondern sind in einem Prozess der kontinuierlichen Verbesserung.

Worauf kann denn der Kunde achten beim Einkauf?
Einerseits kann er auf Labels achten wie etwa Coop Naturaline, andererseits muss er sich auch überlegen, dass beispielsweise ein T-Shirt für drei Franken nicht nachhaltig produziert sein kann; da
ist entweder das Personal schlecht bezahlt oder die billige Produktion geht zulasten der Umwelt.

Kostet ein Produkt mehr, wenn es BSCI-Kriterien erfüllt?
Dadurch, dass inzwischen weit über 1000 Detailhändler, Handelsfirmen und Markenhersteller nach BSCI oder mit einem ähnlichen System arbeiten, fallen die Kosten für alle Unternehmen in gleichem Masse an. Der Kunde muss nicht dafür bezahlen.

Wie geht Coop bei der Durchsetzung von BSCI vor?
Coop setzt sich klare Ziele und berichtet jährlich über den Umsetzungsstand. Zudem setzt Coop wo immer möglich auf langfristige Geschäftsbeziehungen. Es ist sicher das Wichtigste, dass wir bei unseren Einkäufern das Bewusstsein dafür schaffen. Wir haben aber auch unsere Importeure auf dieses Thema gelupft, dass sie ihre Produktionsbetriebe nach BSCI schulen und auditieren lassen.

10 Jahre BSCI: Wer steht dahinter?

BSCI Business Social Compliance Initiative ist eine Initiative von mittlerweile über 1000 Unternehmen, die in einem Katalog Kriterien festlegen, nach denen ihre Geschäftspartner produzieren müssen. Alle machen Audits nach den gleichen Kriterien, die anderen anerkennen deren Resultate. Das ist sehr viel effizienter, als wenn jedes Unternehmen jeden einzelnen Lieferanten selber auditieren müsste. So können sich die Unternehmen stärker auf Schulungen des Managements und des Personals eines Zulieferers konzentrieren.

In der Schweiz gibt es eine nationale Kontaktgruppe der Unternehmen, die an BSCI teilnehmen, auch Coop ist Mitglied der Kontaktgruppe.

www.bsci-ch.org

HSG-Studie

www.bsci-ch.org