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Bio-Landbau ernährt die Welt

Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL), zum Sinn von Bio, Mangos aus Thailand und zum Verlust der Esskultur.

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Georgios Kefalas
30. Dezember 2013

Interview

Coopzeitung: Bio-Bauern werden oft eher als Landschaftsgärtner denn als Produzenten wahrgenommen
Urs Niggli: was völlig falsch ist. Die Motivation der Bio-Betriebe ist es, viele Lebensmittel zu erzeugen. Allerdings mit Verantwortung: Die Umwelt Wasser, Erde, Luft darf nicht Schaden nehmen.

Junkfood mit viel Fett und Salz ist billiger.»

Bio-Lebensmittel sind meist teurer als Junkfood.
Junkfood mit viel Fett, Zucker und Salz ist tatsächlich billiger. Ich sehe mit Schrecken, wie sich diese Art von Ernährung auch in Entwicklungsländern ausdehnt. Die Folgen sind dramatisch. Damit meine ich nicht nur das Übergewicht, sondern die Herz-, Kreislauf- und Diabetes-Erkrankungen. Wenn traditionelle Esskultur verloren geht, steigen die Gesundheitskosten.

Aber teurer ist Bio immer noch
Die Preise für konventionelle Produkte sind zu tief, weil sie nicht auf Kostenwahrheit basieren. Die Kosten für die Bodenerosion, die Gewässerbelastung oder den Verlust der natürlichen Vielfalt zahlt heute niemand. UnsereEnkel werden dies tun.

Sie erben unsere Erde: Ist Bio besser für den Boden?
Ganz klar ja. Alle Untersuchungen zeigen: Die Bodenfruchtbarkeit im Bio-Landbau ist besser. Der Boden beinhaltet bis 100 Prozent mehr Regenwürmer, die Mikroorganismen sind aktiver und der Humusanteil ist grösser.

Sie arbeiten auch in Entwicklungsländern. Was überhaupt ist an einer Bio-Mango aus Thailand nach dem Transport in die Schweiz noch Bio?
Sie wurde biologisch produziert. Die Bauern und Arbeiter, die sie pflanzen und ernten, tun das in der Regel unter guten Konditionen: Sie haben eine Ausbildung erhalten, sonst würde Bio-Landbau nicht funktionieren. Sie bekommen bessere Preise. Und sie sind nicht den krankmachenden Agrochemikalien ausgeliefert.

Aber die Mango kommt vom anderen Ende der Welt.
Ich finde das gut! Natürlich bin ich dafür, dass wir regional produzieren und konsumieren. Aber wir müssen nicht meinen, wir könnten unsere Uhren in alle Welt exportieren und müssten im Gegenzug nichts importieren. So funktioniert das nicht.

Warum wehren Sie sich gegen die Gentechnik? Die Erträge wären höher.
Nein, die Erträge sind nicht höher. Ich bin auch nicht a priori gegen diese Technik. Was ich aber befürchte, ist eine zunehmende Industrialisierung der Landwirtschaft, bei der grosse Firmen alles anbieten: den Setzling, den Dünger, die Pestizide und die Ernte kaufen sie dann auch noch auf. Der Bauer wäre nicht mehr Bauer, er stellt den Multis einfach seinen Boden zur Verfügung. Und: Wir brauchen zum Beispiel keinen Mais, der gentechnisch gegen Maiszünsler und andere Schädlinge resistent ist, wenn es genügend natürliche, erprobte Bekämpfungsmethoden gibt.

Sie führen derzeit Feldstudien durch, die der Coop Fonds für Nachhaltigkeit finanziert. In diesem Kontext: Was spricht gegen ertragreiche Monokulturen?
Sie funktionieren nur mit Chemie und hinterlassen ökologische und ökonomische Wüsten. Unsere Versuche in Bolivien haben gezeigt, dass biologisch betriebene Mischkulturen den Monokulturen überlegen sind.

Ist Vielfalt die richtige Lösung?
Absolut! Bio-Landbau heisst hier vor allem gemischte Betriebe mit Vieh und Ackerbau. In den Tropen sind es Mischkulturen, Agroforst und Permakultur, also dauerhaft funktionierende naturnahe Kreisläufe. In vielfältigen Systemen fällt Kompost oder Mist an und Klee oder Leguminosensträucher bringen Dünger in den Boden. Die Bauern werden von der Agroindustrie unabhängig. Am Schluss des Jahres bleibt ihnen mehr im Portemonnaie als je zuvor.

Pionierin Coop

Weitere Informationen auf der Internetseite von Naturaplan