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Putzmittel: Zu viel landet im Abwasser

Ein sauberes Bächlein, das ist idyllisch und die Ausnahme. Die Wasserqualität vieler Fliessgewässer ist schlecht.

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ImagePoint, zVg
18. Februar 2013
Viele Bäche und Flüsse wirken sauber, doch wenn der Chemiker genau hinschaut??

Viele Bäche und Flüsse wirken sauber, doch wenn der Chemiker genau hinschaut??


Reportage

Reto Coutalides, Geschäftsführer Bau- und Umweltchemie AG

Unglaublich, was die Leute alles die Toilette runterspülen: Zigarettenstummel, Katzensand, Hygieneartikel wie Binden und Tampons, ja ganze Windeln und sogar Kleidungsstücke. Das alles und noch viel mehr landet regelmässig in der Kläranlage Werdhölzli, erzählt Mediensprecherin Leta Filli. Das Werdhölzli ist die grösste Kläranlage der Schweiz, aber bei Weitem nicht die einzige, die ein solches Palmarès an Fundgegenständen vorweisen kann. Das ist in anderen Anlagen genau gleich, sagt Reto Coutalides, Geschäftsführer der Firma Bau- und Umweltchemie AG in Zürich.
Auch wenn der Anblick widerlich ist, so ist es doch relativ einfach, diese Dinge aus dem Wasser zu entfernen. Schwieriger sind andere Verschmutzungen im Abwasser, die zum Beispiel aus Reinigungsmitteln stammen. Mit den so- genannten Tensiden, das sind Schmutzlöser, die es in allen Reinigungsmitteln braucht, werden moderne Kläranlagen noch fertig. Dank Bakterien, die diese Stoffe abbauen, bis nur noch Wasser, Salze und CO2 übrig bleiben.

Also Entwarnung an der Putzmittelfront? Mitnichten, sagt Reto Coutalides. Neben den unverzichtbaren Tensiden enthalten Reinigungsmittel noch eine Reihe von weit problematischeren Inhaltsstoffen: Farb- und Duftstoffe, antibakterielle Zusätze, optische Aufheller und so weiter. Das Problem: Diese Zutaten werden in den heutigen Kläranlagen nur teilweise abgebaut und fliessen mit dem geklärten Wasser wieder raus in unsere Gewässer und gelangen damit letztlich wieder in unser Trinkwasser.
Die Folge: Die Wasserqualität ist vor allen in den fliessenden Gewässern ungenügend, sagt Coutalides. Und das, obschon nahezu 100 Prozent der Schweizer Haushalte an eine Kläranlage angeschlossen sind. Der chemische Cocktail aus giftigen Reststoffen wirke sich vor allem in mittleren und kleineren Gewässern negativ aus und erreiche bei geringen Abflussmengen ein Niveau, bei dem sich toxische Auswirkungen nachweisen lassen: Das ist für Lebewesen schädlich oder gar tödlich.
Dadurch sterben zuerst Kleinstlebewesen, und das hat Auswirkungen auf die Nahrungskette: Die Zusammensetzung der Artengemeinschaft verändert sich, die Artenvielfalt nimmt ab. Es herrsche ein schleichendes Sterben. Als Fischer hat Coutalides dies an diversen Orten beobachten können: Das Verschwinden von einzelnen Arten ist für uns immer ein Indikator, dass etwas nicht mehr stimmt.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten, das Problem zu lösen, sagt der Chemiker. Man kann die Kläranlagen nachrüsten, damit sie in einer zusätzlichen Reinigungsstufe auch diese Rückstände herausfiltern. Das bedingt aber Milliarden-Investitionen in die Kläranlagen, sagt Coutalides.

Antibakterielle Zusätze in Reinigungsmitteln? Absolut unnötig.»

Einfacher wäre es, das Übel an der Wurzel zu packen und weniger Gifte einzuleiten, denn das, was die Kläranlagen nicht abbauen können, brauche es in den Reinigungsmitteln gar nicht, sagt Coutalides: Duftstoffe? Sie sind nur für die Nase, sie haben keine reinigende Wirkung. Farbstoffe? Die sind fürs Auge und sollen den Kaufentscheid erleichtern. Keine reinigende Wirkung. Antibakterielle Zusätze? Absolut unnötig. Jeder Mensch beherbergt Milliarden von Bakterien, ohne die er gar nicht leben könnte. Womit also sollen wir putzen? Es reichen ein Mikrofasertuch und etwas Wasser plus ein Tropfen Neutralreiniger, Putzsprit und Putzessig zum Entkalken.
Wer auf Putzmittel mit zu vielen Zusatzstoffen verzichtet, tut auch sich selber etwas Gutes, sagt Reto Coutalides: Diese unnötigen Stoffe sind nicht nur im Abwasser. Sie sind auch in der Luft, die wir in der Wohnung einatmen und auf allen Flächen, die wir berühren. Die meisten haben Glück, dass sie nicht allergisch reagieren oder vielleicht noch nicht.

Mit Chemikalien sollte man vorsichtig umgehen

Jeder braucht ja nur ganz wenig Putzmittel. Ein paar Tropfen hier, ein Spritzer dort aber in der Summe ist es viel. Das darf nicht sein.

Wenn Herr und Frau Schweizer putzen, belasten sie das Grundwasser. Jährlich verbraucht die Schweizer Bevölkerung 150000 Tonnen Wasch- und Reinigungsmittel. Deren nicht abbaubare Rückstände werden nach der Wasser-Aufbereitung in den Kläranlagen wieder in die Fliessgewässer eingespeist. So reichert sich unnötig ein Cocktail von Substanzen an, der Fische und andere Wasserlebewesen gefährdet und das Grundwasser belastet.
Die Organisation Pusch (Praktischer Umweltschutz Schweiz) macht deshalb auf ökologische Alternativen beim Reinigen aufmerksam. Im Februar steht dabei ein Video-Wettbewerb im Mittelpunkt unter dem Motto Giftelst du noch oder putzt du schon?. Wer diese Frage mit einem Kurz-Video beantwortet, dem winkt eine von drei ökologischen Hausreinigungen im Wert von 1000 Franken! Mit der Aktion Hausputz giftlos style soll die Bevölkerung für einen sorgsamen Umgang mit Haushalts-Chemikalien sensibilisiert werden. Mitmachen und abstimmen bis 28.Februar unter:

facebook.com/giftlos.ch

Ein paar Tipps:

So putzen Sie sauber

  • Normalen Schmutz beseitigen Sie am besten mit Mikrofasertüchern und Wasser. Für stärkere Verschmutzungen reichen drei Arten von Putzmitteln: Flüssigseife (zum Entfetten), Putzessig (zum Entkalken) und Gallseife (Fleckenreinigung).
  • Keine WC-Steine verwenden, sie enthalten oft synthetische Duftstoffe. Unbedrucktes und ungefärbtes Toilettenpapier verwenden. Bevorzugen Sie Recyclingprodukte. Das WC-Papier von Coop Oecoplan besteht aus 100 Prozent Recyclingpapier.
  • Keine Medikamente, feste Gegenstände, Farbreste oder Ähnliches im WC entsorgen.
  • Geschirrspüler so einräumen, dass die Sprüharme frei drehen können. Keine Spülmaschinen-Deos verwenden, dafür Filter öfters reinigen.
  • Körperhygiene: Zum Einseifen einen Lappen oder Schwamm benutzen, so verbraucht man weniger Duschmittel.