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Taten statt Worte

Die Weitsicht der Südtiroler

Im Dolomitental Villnöss setzen sich ein paar Bergler für den Erhalt einer einheimischen Nutztierrasse ein des Villnösser Brillenschafs. Heute profitiert davon ein ganzes Tal.

FOTOS
Arno Balzarini
18. August 2014

Brillenschafe vor der grandiosen Kulisse der Dolomiten (im Bild die Geislerspitzen)

Bericht

Ein paar Schnalzer mit der Zunge genügen. Dann rennen Günther Messners Schafe ihrem Meister entgegen, und sogar der Bock Hugo holt sich ein paar Streicheleinheiten. Die Villnösser Brillenschafe, wie die Tiere genau heissen, symbolisieren die Vergangenheit und zugleich die Zukunft des gleichnamigen Tals in Südtirols Dolomiten. Die Rasse mit den markanten Augenumrandungen lebt hier seit ewigen Zeiten und wurde vor allem der weichen Wolle wegen gezüchtet, erzählt Messner, der über 120 Schafe hält.

Vor sieben, acht Jahren gab es im ganzen Villnösser Tal, der Heimat von Bergsteiger Reinhold Messner, kaum mehr Brillenschafe. Es war verrückt, sagt Günther Messners gleichnamiger Freund Oskar. Oskar Messner, Koch und Gastwirt und verliebt in sein Tal, sah in vielen Restaurants zwar Schaffleisch. Aber es kam aus Neuseeland! Dabei haben wir hier im Tal unsere eigenen Tiere. Ihr Fleisch ist so fein wie ihre Wolle. Und wir waren dabei, sie aussterben zu lassen!

Für die Messners gehören die Brillenschafe aber zu Villnöss wie die alten und im alten Stil erbauten Häuser, die unberührten Landschaften, der warme Berglerdialekt und die Geislergruppe, an deren Flanken der Reinhold klettern gelernt hat und wo er auf der Alp seines Vaters mithalf.

Dank der Schafe werden steile Hänge und Alpen wieder beweidet.»

Wider jede kommerzielle Vernunft, dafür mit einem riesigen Herzen, tat sich Oskar mit ein paar Freunden zusammen, die ähnlich dachten. Rezepte für Schaffleisch wurden kreiert, Verarbeiter für Wolle und Fleisch gesucht. Wie viele Nächte wir uns in den vergangenen Jahren um die Ohren schlugen, uns das Maul beim Treffen mit Bauern, Politikern und Interessenten fusselig redeten, weiss ich nicht, sagt Oskar Messner. Aber inzwischen arbeiten Oskar und seine Freunde mit über 50 Bauern meist Nebenerwerbslandwirte zusammen. Wir kaufen ihnen die Jungtiere ab und bezahlen 100 Euro (rund 122 Franken) dafür, erklärt Oskar. Auch anstatt für die Vernichtung der Wolle bezahlen zu müssen, lösen die Bauern pro Kilo wieder einen Euro. Etwas vom Berührendsten für mich war, als Frauen aus dem Tal bei mir im Lokal wieder begonnen haben, Kappen und andere Kleidungsstücke aus unserer Wolle zu häkeln.

Als dann die Organisation Slow Food die Produkte des Villnösser Brillenschafs Würste, Schinken, Ragout auch noch mit ihrem Label auszeichnete, war das ein Etappensieg für Oskar und seine Freunde. Via Slow Food kam das Ragout, das aus zarten Lammfleisch-Stücken an einer würzigen Sauce besteht, ins Coop-Sortiment*. Dass Coop unsere Anliegen unterstützt, ist ein Meilenstein, sagt Messner, dessen Lokal Pitzock essen&trinken im Villnösser Hauptort St.Peter zu einem Mekka für Feinschmecker geworden ist.

Warum lieben die Messners ihr Tal so, wie es ist? Warum machen sie es nicht wie viele andere Täler und setzen auf Massentourismus? Man merkt Oskar und Günther an, dass sie das schon oft erklären mussten: Aber sie sagen dann Sätze wie: Wir lieben unser Tal. Es ist das schönste in ganz Südtirol. Wir wollen nichts Künstliches erschaffen, sondern den Menschen zeigen, wie es einst war und immer noch ist. Die Bewohner des Tales müssen leben, atmen und sich wohl fühlen dürfen. Sonst ist es auch unseren Gästen nicht wohl. Dank der Schafe werden steile Hänge und Alpen wieder beweidet, sie sind für viele Bauern ein zweites Standbein und eine wirtschaftliche Perspektive.

Im Südtirol sind die Tourismuszahlen mancherorts rückläufig, in Villnöss steigend, weiss Oskar. Magazine wie der Stern berichten über dieses Tal, seine 2600 Einwohner und seine Wolltiere. An all dem ist sicher nicht nur das Brillenschaf schuld. Aber es stand am Anfang einer Entwicklung und zeigt, wo es hingehen soll: erhalten statt wachsen.

Slow Food

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