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Taten statt Worte

Unsere Botschaft: handle, aber handle gewaltlos!

Rajagopal P. V. ist Indiens Vorkämpfer für die Rechte der Armen und Landlosen. Der 65-jährige Friedensaktivist steht in der Tradition Mahatma Gandhis und kämpft wie dieser gewaltlos.

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Christoph Kaminski
31. Januar 2014

In Indien eine Legende: Rajagopal P. V., Leiter und Kopf des Kampfes der Landlosen.


Interview

Zehntausende hat Widerstandskämpfer Rajagopal mobilisiert. Landlose Bauern und Ureinwohner die Adivasi machten sich im September 2012 auf, nach Delhi zu marschieren. Stoppen konnte sie nur eines: Die Zusicherung der Regierung, ihnen Land zu geben, damit sie in Würde und Sicherheit leben können. Warum sie das taten, welche Probleme Indiens Gesellschaft prägen und wie die Geschichte endet, das zeigt der Dokumentarfilm Millions can walk, der am 30.Januar in die Schweizer Kinos kommt. Rajagopal weilte kürzlich in der Schweiz. Wir trafen ihn zum Interview.

Coopzeitung: Nun gibt es diesen Dokumentarfilm über den Marsch nach Delhi. Was ist das Besondere daran?
Rajagopal: Der Film enthält viele interessante Botschaften. Erstens: Dass 100000 Leute nach Delhi marschieren und gewaltlos ihr Recht auf Land einfordern, ist ein historisches Ereignis. Dass jene, die in Armut leben, realisieren, dass sie stark sind, dass sie es schaffen, dass ein Minister zu ihnen geht und einen Vertrag unterschreibt, das war neu. Sie waren in der Lage, das Denken der Regierenden zu verändern. Zweitens zeigt der Film, wie die Mittelklasse die Bewegung unterstützte: Ein solcher Zug braucht Nahrung, Wasser, Strom. Das alles kam von Leuten aus der Mittelklasse, die dem Thema gegenüber sonst relativ gleichgültig sind.

Die Armen realisierten, dass sie stark sind.»

Warum sind so viele Menschen in Indien landlos, und vor allem: Was hat das mit uns zu tun?
Wir leben in einer globalisierten Welt. Indien öffnet wie andere Länder auch seine Türen für Investoren. Aber Investitionen verlangen nach Ressourcen: Land, Wasser, Energie. Und Indien ist bereit, dies zu geben. Um zu Land zu kommen, siedelt die Regierung Bauern um, um an Wasser zu kommen, vertreibt sie Fischer, und um Dämme zu bauen und Strom zu produzieren, werden die Adivasi, die Landlosen, umgesiedelt, die auf diesem Land leben. 40 Millionen Inder besitzen kein eigenes Land. Wenn nun noch Enteignete hinzukommen, wächst diese Gruppe. Enteignung ist sicher auch in Indien mit Entschädigung und Kompensation verbunden. Ja, wenn ein Bauer Papiere für sein Land hat. Aber viele haben das nicht. Sie leben auf dem Land, das schon ihre Väter und Grossväter bebaut haben. Und die Adivasi leben in der Regel aufgrund eines Gewohnheitsrechts auf staatlichem Land. Sie haben keine Belege. Dieses Land kann ihnen ohne Entschädigung weggenommen werden. Den Fischern geht es gleich. Und Bodenschätze gehören nicht dem Landeigentümer, sondern dem Staat, der einen Landbesitzer dafür enteignen kann. Es gibt viele Möglichkeiten, sein Land zu verlieren.

Und Sie und Ihre Organisation unterstützen diese Menschen im Kampf für ihr Land?
Die Botschaft ist diese: Warte nicht auf den Messias, sondern handle, aber handle gewaltlos. So veränderst du deine Situation. Sie sollen nicht einfach darauf warten, dass ihnen einer hilft. Wer sein Recht durchsetzen will, muss aufstehen und etwas unternehmen, sonst hilft ihm nämlich niemand. Aber die Menschen müssen gewaltlos handeln. Denn: Die Staatsmacht weiss, wie sie mit Gewalt umgehen muss, sie hat die Mittel dafür. Aber sie ist recht hilflos, wenn sie es mit Gewaltlosigkeit zu tun bekommt. 100000 waren unterwegs nach Delhi, und sie taten nichts, was verboten ist: Sie gingen einfach. Das war ein Problem für die Staatsmacht.

Im Oktober 2012 hat der indische Landwirtschaftsminister eine Vereinbarung mit den landlosen Bauern unterschrieben. Was hat sich seither getan?
Es war nicht die erste Vereinbarung. Schon 2007 gab es einen Marsch von 25000 Leuten nach Delhi. Damals hat die Regierung den Landlosen Zugeständnisse gemacht. Einige haben Land bekommen, aber bei Weitem nicht alle. Deshalb haben wir unsere Drohung wahr gemacht und einen nächsten, viel grösseren Marsch organisiert. Wir wollten zeigen, dass sich die Armen nicht für dumm verkaufen lassen. Und das nächste Mal werden eine Million Menschen marschieren. Wir vermitteln den Leuten damit das Bewusstsein, dass sie mächtig sind und etwas bewegen können. Das Ganze ist ein ständiger Prozess.

Indien hat 1,2 Milliarden Einwohner: Woher soll das Land kommen, das die Bauern fordern?
Indien ist gross. Es gibt viel Land, das ist nicht das Problem. Solange ausländische Investoren Land für ihre Plantagen bekommen, ist genug Land für die Einheimischen vorhanden. Für einen Inder bedeutet Landbesitz Würde, Sicherheit und Identität. Solange er Land hat, auf das er sein Haus stellen kann, ist er sicher, hat zu essen und kann seine Kinder in die Schule schicken.

Woher kommt Ihre Motivation für diese Tätigkeit?
Es gibt eine Region in der Nähe von Agra. Dort habe ich meine Tätigkeit begonnen. Die Region wurde von Banditen beherrscht. Ich sagte mir: Wenn wir schon in der Tradition Gandhis stehen, wollen wir seine Ideen auch praktizieren. Also liessen wir uns mitten in dieser Gegend nieder und gründeten eine Gemeinschaft. Die Banditen mochten das natürlich überhaupt nicht und bedrohten uns. Aber wir blieben. Im Laufe dieser Arbeit habe ich begriffen, warum aus Menschen Diebe werden: Es waren Enteignete. Man hatte ihnen das Land weggenommen. 1972 haben 560 Diebe ihre Waffen vor dem Bild von Mahatma Gandhi abgegeben und der Gewalt abgeschworen. Manche gingen ins Gefängnis und heute arbeitet der eine oder andere von ihnen sogar bei uns als Sozialarbeiter.

Ist es schwierig, die Menschen vom gewaltlosen Widerstand zu überzeugen?
Ja. Aber es muss sein, denn alle müssen umdenken. Nicht nur die Menschen müssen lernen, gewaltlos zu kämpfen, sondern auch der Staat. Die staatliche Macht investiert viel in Polizei und Militär, aber nichts in Gewaltlosigkeit und Frieden. Das ist ein Problem der Kultur. Die Staatsmacht muss lernen, in den Dialog mit seinen Bewohnern zu treten, anstatt Polizeikräfte auf sie loszujagen.

Der Film

Friedlicher Protest auf dem Weg nach Delhi. 

Den Marsch, der das Thema des Dokumentarfilms Millions can walk ist, hat die indische Widerstandsbewegung Ekta Parishad organisiert. Ihr Leiter und Kopf des Kampfes der Landlosen ist Rajagopal P.V. (65). Er verwendet nur seinen Vornamen, weil sein Familienname auf die Kaste weist, aus der er stammt, und er das Kastensystem ablehnt. Heute fliegt Rajagopal rund um die Welt und gibt Workshops für gewaltlosen Widerstand und gewaltlose Konfliktbewältigung. Sogar die indische Polizei hat seine Dienste in Anspruch genommen, damit er der Polizei zeigt, wie man 100000 Menschen so diszipliniert hinter eine Führung bringt. Hinter meinem Erfolg steht eine 40 Jahre lange Arbeit, erklärt Rajagopal. Er hat in den 70er-Jahren begonnen und sich mit kleinen Schritten vorwärts bewegt. Heute gilt er als Ikone des gewaltfreien Widerstands in Indien und weit darüber hinaus.

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