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Taten statt Worte

Kontrolle: Unterwegs fürs Tierwohl

Artgerechte Haltung was ist das eigentlich? Auf Spurensuche mit Anne-Kathrin Witschi vom Schweizer Tierschutz STS mit überraschenden Erkenntnissen.

FOTOS
Rainer Eder
16. Februar 2015

Gehts den Kälbern gut? STS-Kontrolleurin Anne-Kathrin Witschi schaut genau hin.

Bericht

Kommt jetzt dann gleich der zähnefletschende Hofhund angerannt? Oder schlägt uns ein griesgrämiger Bauer die Stalltüre vor der Nase zu? Wundern dürfte man sich nicht schliesslich kreuzen wir am hellheiteren Tag unangemeldet auf dem Betrieb von Benno Elmiger (47) in Ermensee LU auf. Wir das ist vor allem Anne-Kathrin Witschi (34) vom Kontrolldienst des Schweizer Tierschutzes. Sie hat uns im Schlepptau einen Reporter und einen Fotografen.

Blick hinter die Kulissen

Doch es kommt kein böser Hund, Bauer Elmiger winkt gar schon von Weitem. Das hat nicht nur mit seiner Höflichkeit zu tun, sondern mit seinem guten Gewissen der Kontrolleurin und den Kälbern in seinem Mastbetrieb gegenüber. Letzteren geht es auf den ersten Blick gut. Auf den zweiten und dritten auch, wie sich später zeigen wird. Zuerst lasse ich immer den Gesamteindruck auf mich wirken Sauberkeit, Einstreu, Platz und Zustand der Tiere, sagt die Kontrolleurin. Dann gehts ins Detail. Rund 40 Punkte, welche Bauern einhalten müssen, die gemäss den Richtlinien von Coop Naturafarm für besonders tierfreundliche Haltung produzieren, checkt die Agronomin mit Doktortitel ab. Sie und ihre Kollegen arbeiten im Auftrag, aber unabhängig von Coop. Die Kontrollen gehen vom Stallklima über die Inventarliste der Arzneimittel bis zum permanenten Zugang der Tiere zu Futter und Wasser. Witschi schaut auch hinter die Kulissen, sogar dorthin, wo leere Futterverpackungen liegen. Sie tragen alle das Naturafarm-Label, sie enthalten also kein Fischmehl und keine genmanipulierten Komponenten, erklärt die Frau vom STS.

Die Signale stehen auf Bio

Die Futtervorschriften gehen aber noch weiter, wie sich auf dem Hof von Armin Bühlmann (27) in Inwil LU zeigen wird. Wenn Bühlmann seinen Masthühnern Soja verfüttert, dann muss es seit 1.Januar 2015 aus dem Donaugebiet stammen, also aus Europa. Auch das wird anhand der Futterkaufbelege kont rolliert. Solches Soja ist zwar teurer, aber es wird dafür kein Regenwald in Südamerika gerodet, sagt Witschi.

Der dritte der heute besuchten Bauern ist der Schweinemäster Markus Odermatt aus (48) in Eschenbach LU. Er arbeitet schon seit dem letzten Jahrtausend nach Naturafarm-Richtlinien. Am Anfang stand vielleicht der wirtschaftliche Vorteil, denn für Label-Fleisch erhalten die Bauern bessere Preise. Alle drei besuchten Bauern heben das finanzielle, aber auch ideelle Engagement von Coop für die beteiligten Produzenten hervor. Das Label ist in erster Linie als tierfreundliches Programm gedacht; doch es hat offenbar auch ganz direkte Auswirkungen auf die Bauern: Der Aufwand ist zwar grösser, aber ich fühle mich einfach viel wohler als früher, sagt etwa Odermatt.

Es geht um das Wohl der Tiere, das Vertrauen der Konsumenten ins Label Naturafarm und letztlich auch um die Glaubwürdigkeit des Schweizer Tierschutzes.»

Anne-Kathrin Witschi, Schweizer Tierschutz

Auch das gehört dazu: Witschi kontrolliert die Aufzeichnungen, die Kälbermäster Benno Elmiger im Stalljournal festhalten muss.

Auf Herz und Nieren

Früher das war, als seine Schweine keinen Auslauf hatten, kein Tageslicht sahen, zusammengepfercht im Stall auf Vollspaltenböden standen. Ähnliches erzählt Elmiger: Vor Naturafarm bekamen die Kälber kein Heu und litten darum an Blutarmut: Das Fleisch musste ja weiss sein, das ist im Naturafarm-Label Gott sei Dank nicht der Fall. Anne-Kathrin Witschi kontrolliert den Zustand des Auslaufes und misst mit dem Lasermessgerät die Grösse der eingestreuten Liegefläche, die den Tieren zur Verfügung steht zur Verfügung stehen muss (siehe Tabellen rechts). Wie ist das für ihn, von einer jungen Tierschutz-kontolleurin auf Herz und Nieren respektive Futterzusammensetzung, Stallklima oder bauliche Mängel mit Verletzungsgefahr überprüft zu werden? Am Anfang war das vielleicht komisch aber inzwischen bin ich froh, wenn sie kommt, sagen Bühlmann und Elmiger übereinstimmend. Warum denn das? Mit der Zeit wirst du ein bisschen betriebsblind und merkst vielleicht nicht, wenn etwas nicht mehr ganz stimmt, erklärt Elmiger.

Die Freude über Witschis Besuche ist nicht überall so uneingeschränkt. Natürlich gibt es manchmal anfängliche Vorurteile, natürlich haben die Bauern noch anderes zu tun, als mit mir durch die Ställe zu gehen. Und natürlich stimmt halt nicht überall und immer alles. Bei der heutigen Tour fallen eher lässliche Sünden an: Der Kälbermäster muss eine zusätzliche Trittstufe vom Stall ins Freie einbauen, beim Hühnermäster ist ein Teil des Einstreubereichs zu stark verpappt und nicht mehr zum Scharren geeignet. Der Schweinehalter dagegen kriegt ein riesiges Lob vom Tierschutz.

Was sind denn Todsünden für Anne-Kathrin Witschi? Und welche Folgen haben diese? Gravierend ist es, wenn der Auslauf für die Tiere nicht zugänglich ist, wenn die maximalen Tierzahlen nicht eingehalten werden, kranke Tiere nicht behandelt werden oder Futter und Wasser fehlen. Solche Verfehlungen haben je nach Schweregrad eine Ermahnung oder gar eine Nichtanerkennung zur Folge. Dabei entscheidet stets Coop über die Höhe der Sanktion, welche je nach Tierschutzrelevanz des Verstosses eine Geldstrafe, eine viermonatige Liefersperre in den Labelkanal oder gar einen kompletten Ausschluss aus dem Naturafarm-Tierhaltungsprogramm nach sich zieht. Rund zehn Prozent der Betriebe, die Witschi kontrolliert, können anlässlich der Kont rolle nicht anerkannt werden und müssen eine ebenfalls unangekündigte Nachkontrolle über sich ergehen lassen. Das mag hart tönen für die Bauern. Aber es geht um viel, sagt Witschi. Es geht um das Wohl der Tiere, das Vertrauen der Konsumenten ins Label Naturafarm und letztlich auch um die Glaubwürdigkeit des Schweizer Tierschutzes.

Nr. 1

Coop ist beim Tierwohl die Nr. 1 auch dank Labels

In Sachen Tierwohl ist Coop spitze. Bereits zum zweiten Mal in Folge kürte der von internationalen Tierschutzorganisationen getragene PDF herunterladen Coop am 12.Februar 2015 zur tierfreundlichsten Detailhändlerin der Welt. Verglichen wurden 80 Unternehmen aus diversen Ländern. Dass Coop diesbezüglich auch national führend ist, liegt auf der Hand. So attestierte der letzte Tierschutz-Report (2013) vom Schweizer Tierschutz STS ebenfalls, dass Coop die Beste ihrer Branche ist. Damit wird das langjährige Engagement im Bereich Tierwohl gleich doppelt von unabhängiger Seite bestätigt. Grund für das hervorragende Abschneiden ist sicher auch, dass die Detailhändlerin bei Tierprodukten konsequent auf tierfreundliche Eigenmarken und Gütesiegel setzt. Die drei Wichtigsten sind hier aufgeführt.

Coop Naturafarm

Zum Wohl der Tiere

Fleisch und Eier von Naturafarm-Tieren kommen garantiert aus der Schweiz. Auslauf- oder Freilandhaltung, tierfreundliche Stallungen sowie eine kontrollierte Fütterung ohne gentechnisch veränderte Futtermittel sind die zentralen Anforderungen. Naturafarm ist hierzulande abgesehen von der biologischen Produktion das mit Abstand konsequenteste Tierhaltungsprogramm für Schweine, Rinder, Kälber und Hühner.

Coop Naturaplan

Für Bio ohne Kompromisse

Coop Naturaplan das sind 1700 Bio-Produkte, die gemäss den strengen Richtlinien der Bio Suisse produziert werden. Diese gehen weit über die gesetzlichen Mindestanforderungen für Bio-Produkte hinaus. Sie dürfen nicht mit dem Flugzeug transportiert werden, auf den Einsatz von Gentechnik wird verzichtet, genauso auf chemisch-synthetische Spritzmittel und Kunstdünger. Zusatzstoffe kommen deutlich weniger zum Einsatz, als von Gesetzes wegen für Bio-Produkte erlaubt wäre.

Natura-Beef

Jungtiere bei der Mutter

Natura-Beef ist ein sehr naturnahes und tierfreundliches Rindfleisch-Markenprogramm von Mutterkuh Schweiz. Im Gegensatz zur herkömmlichen Aufzucht und Mast bleiben die Kälber aus der Mutterkuhhaltung bei der Herde und trinken Milch direkt ab Euter etwa 3500 Liter in zehn Monaten. Im Familienverbund verbringen sie viel Zeit auf der Weide, im Winter steht ein Laufhof zur Verfügung.

Tierschutz

Eine riesige Baustelle

Hans-Ulrich Huber, Geschäftsführer vom Schweizer Tierschutz STS

Hans-Ulrich Huber, Geschäftsführer vom Schweizer Tierschutz STS, zur Tierhaltung in der Welt, in der Schweiz und zuden Leistungen von Coop.

Wie steht es generell um den (Nutz-)Tierschutz in der Schweiz?
Im Vergleich zu von vor dreissig Jahren ist der Tierhaltungsstandard hoch. Aus Sicht des Tierwohles gibt es aber noch riesige Baustellen. So müssen auch in der Schweiz noch Millionen von Nutztieren ohne Auslauf und Weide leben, die gesetzlichen Minimalvorschriften für Mastschweine und -rinder sind katastrophal und Zucht und Haltung des Milchviehs machen uns grosse Sorgen. Viele Kühe werden mit importiertem Kraftfutter zu Höchstleistungen gezwungen und landen durch diese Ausnützung schon nach zwei bis drei Jahren beim Metzger. Und die grossen Milchviehbetriebe verzichten immer mehr aufs Weiden.

Und im Vergleich zum Ausland?
Die Tierschutzvorschriften in der EU sind weniger streng. So sind etwa die Käfighaltung von Hühnern und tagelange Schlachttiertransporte zulässig und werden in einigen Staaten kaum kontrolliert. Ausserhalb Europas existieren praktisch keine umfassenden Tierschutzgesetzgebungen für Nutztiere. Wir kämpfen deshalb vehement gegen tierschutzwidrige Importe aus solchen Ländern.

Kann man guten Gewissens Fleisch essen?
Aus meiner persönlichen Sicht: Nein, denn hinter jedem Stück Fleisch liegt der Tod eines Tieres. Aber das Verzehren von Fleisch, Eiern und Käse ist gesellschaftlich weltweit akzeptiert und ohne Tierhaltung könnten grosse Landstriche dieser Erde nicht von Menschen besiedelt werden, und die Erträge aus dem Pflanzenbau würden ohne den natürlichen, von Tieren gelieferten Dünger vermutlich nicht zur Ernährung der Menschen ausreichen. Es ist deshalb die selbst gewählte Aufgabe des Tierschutzes, sich dafür einzusetzen, dass, wenn schon Tiere genutzt werden, man sie artgemäss hält und sie schonend behandelt.

Wie schätzen Sie diesbezüglich die Leistungen von Coop ein?
Wer mit Tieren und tierischen Produkten Geld verdient, steht bezüglich Tierschutz in der Pflicht. Coop ist sich erfreulicherweise dieser Verantwortung bewusst. Wir vom Tierschutz sind sehr froh um die Bestrebungen von Coop zur Verbesserung des Tierwohles im In- und Ausland.Auch das gehört dazu: Witschi kontrolliert die Aufzeichnungen,die Kälbermäster Benno Elmiger im Stalljournal festhalten muss.

Infografik

Wissenswertes rund um die Zuchtierhaltung.

Produkte

Man kanns drehen und wenden, wie man will: Das beste Fleisch kommt von Tieren, die art- und tiergerecht gehalten wurden.

Zart»

Naturafarm-Schweins-Charbonnade aus der Schweiz muss nur gewürzt und kurz gebraten werden. Dann bleibt sie zart und saftig.

Saftig»

Naturafarm-Pouletbrust aus der Schweiz, ganz oder geschnitten für eine leichte Mahlzeit vom Grill oder aus der Pfanne. Rund 220 g.

Für Linienbewusste»

Naturafarm-Schweins-Geschnetzeltes hat kaum mehr als fünf Prozent Fett. En Guete bei diesem Schweizer Produkt!

Ein Hauch von Ferien»

Naturafarm-Poulet-Schenkel, ein bisschen Thymian, etwas Salz,ein paar Tropfen Olivenöl und dann braten. Schweizer Produkt.

Für den Kenner»

Naturafarm-Kalbsragout ist ein fester Bestandteil der französischen haute cuisine. Grund genug, dieses Schweizer Produkt auch mal im Alltag zu probieren.

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