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Taten statt Worte

Restwärme

Ein Gewächshaus in Hinwil verschleudert Energie und das ist gut so. Die Heizenergie ist Abwärme aus der Kehrichtverbrennung, die weg muss.

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Christoph Kaminski, zVg
15. Mai 2017

Die Väter des Brillenschaf-Revivals: Günther Pernthaler (links) und Oskar Messner.


Peperoni

Gemüseproduzent Thomas Beerstecher (51) betreibt in Hinwil ZH ein Gewächshaus mit Peperoni, Tomaten und Gurken, in dem er nicht möglichst wenig Energie verbraucht, sondern so viel wie möglich. Das klingt paradox, ist aber so, denn die Heizenergie des Gewächshauses ist die Abwärme aus der benachbarten Kehrichtverbrennungsanlage Zürcher Oberland (Kezo) und die muss weg. In der Kezo, die Abfälle verbrennt und Strom produziert, bleibt am Ende des Prozesses Wasserdampf von 45 Grad Celsius übrig (im Vakuum geht das). Dieser Dampf muss abgekühlt werden, damit das System funktioniert. Bis jetzt hat die Kezo diese Energie mit Ventilatoren in die Umwelt geblasen. Seit 2015 sorgt Beerstechers Gewächshaus für die nötige Abkühlung. Je mehr Wärme dieses verbraucht, desto weniger muss die Kezo unter Energieeinsatz vernichten. Wir haben einen Energieliefervertrag für 25 Jahre abgeschlossen. Zu einem fixen Preis, egal, wie viel wir verwenden, erklärt Beerstecher. Das ist beabsichtigt, denn so gibt es für ihn keinen Anlass, Energie zu sparen.

Dass der Gemüseproduzent den Energieeinsatz nicht minimieren, sondern maximieren soll, kommt seinen Kulturen zugute. Wir können dadurch unten heizen und oben die Feuchtigkeit hinauslüften. Das schafft ein Klima, das für die Pflanzengesundheit perfekt ist, sagt Beerstecher. Die Tomaten etwa, die auf einem Kokossubstrat wachsen, musste er dadurch überhaupt nicht spritzen. Seine Peperoni kann Coop im Verkauf als CO2-neutral bezeichnen.

Es ist das zweite Gewächshaus, das rund um die Kezo betrieben wird, und eines der Vorzeigeprojekte für die CO2-neutrale Gemüseproduktion. Wir sensibilisieren unsere Lieferanten seit Langem für energiesparende Produktion und alternative Beheizungen, sagt Michael Künzler, Verantwortlicher für Gemüse bei Coop. Allerdings sei Coop auch bewusst, dass die Umstellung Zeit brauche. Das sind Investitionen für 30 bis 40 Jahre. Aber sie lohnen sich. Müsste Beerstecher sein Gewächshaus mit einer Produktionsfläche von 35000 Quadratmetern fossil heizen, würde er pro Jahr 1,5 Millionen Liter Heizöl verbrennen. Die Umweltbelastung seiner Peperoni und Tomaten wäre um ein Vielfaches höher.

ETH-Studie zum CO2

Zu diesem Schluss kommt eine Studie der ETH Zürich, die im Auftrag des WWF die Umweltauswirkungen von Früchte- und Gemüsesorten unter die Lupe genommen hat. Dabei liessen die Forscher auch Faktoren wie Transport, Bodenbearbeitung, Verkaufsvorbereitung und vieles mehr in die Berechnungen einfliessen. Sie fanden heraus, dass Gurken oder Tomaten, die nicht fossil beheizt werden, die Umwelt nur minim belasten. Wird das Gemüse aber in einem fossil geheizten Gewächshaus produziert, belastet es die Umwelt in der kalten Jahreszeit etwa dreissig Mal mehr. Für Peperoni könne man von einer ähnlichen Grössenordnung ausgehen, sagt Studienleiter Claudio Beretta.

Tat Nr. 276

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