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Taten statt Worte

Ein Platz an der Sonne

Die Türkei ist eine der grössten Lieferantinnen für Sultaninen. Yasar Aydin ist Sultaninenbauer und hat seine Produktion auf Bio umgestellt. Seither kämpft er mit den Launen der Natur und findet das gut.

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Kostas Maros
03. Dezember 2018

Rosinen oder Sultaninen?

Was ist der Unterschied?

Das Dippen machts aus
Haben Sie sich auch schon gefragt, was eigentlich der Unterschied zwischen Rosinen und Sultaninen ist? Streng genommen gibt es keinen, denn es handelt sich um dieselben Früchte. Allerdings werden die Sultaninen vor dem Trocknen in einer Lösung von Kaliumkarbonat (Pott- asche) und Olivenöl «gedippt». Dadurch wird die Wachsschicht auf der Schale aufgebrochen. Deshalb trocknen sie schneller als die ungedippten Rosinen. Zudem bleiben sie im Vergleich zu den Rosinen heller.

Auch im September herrschen in der Gegend von Izmir noch sommerliche Temperaturen. Doch die brennend heissen Tage neigen sich dem Ende zu, das Leben wird erträglicher. Zum Glück, denn das Hinterland der Millionenstadt gilt als eine der fruchtbarsten Gegenden der Türkei. Hier werden Pfirsiche, Aprikosen, Oliven, Feigen und vieles mehr kultiviert. Gut die Hälfte der Menschen in der Gegend lebt von der Landwirtschaft. Für sie ist jetzt Hochsaison, die Ernte läuft auf Hochtouren.

Allerdings nicht für Yasar Aydin (60). Zwar pflanzt er ein wenig Oliven und Kirschen, früher auch Tabak, aber sein Hauptgeschäft sind die Sultaninen. Und dem warmen Sommer sei Dank, war die Lese dieses Jahr früh. Es verbleiben nur noch wenige Trauben an den Rebstöcken, derweil der Grossteil der Ernte bereits – ausgelegt auf langen Kunststoffbahnen – schonend in der warmen Spätsommersonne trocknet. Ein Vorgang, der rund zwei Wochen dauert, in denen es – inschallah – nicht regnet. Falls doch, müssen die Sultaninen natürlich abgedeckt werden, denn Feuchtigkeit sorgt für Schimmel. Und eine Ernte mit Schimmel taugt nur noch für den Kompost, wenn überhaupt.

Das ganze Dorf zertifizieren

Doch Regen ist zum Glück weit und breit nicht in Sicht, Zeit also für einen Çay, einen Tee, im örtlichen Teehaus in Alahidir, einem kleinen Bauerndorf rund 100 Kilometer östlich von Izmir. Hier treffen sich die Männer des Dorfes. Es wird viel geraucht hier und noch mehr philosophiert, über Gott, pardon Allah, und die Welt. Und über die Sultaninen. Diese sorgen immer für Gesprächsstoff, denn Yasar Aydin ist nicht der Einzige im Dorf, der die süssen und kernlosen Sultaninen anbaut. Ganz im Gegenteil. Die meisten Bauern des Ortes haben sich dieser Traubensorte verschrieben, die übrigens nach über hundert Jahren Zuchtversuchen zu Ehren des damals herrschenden Sultans Sultana genannt wurde. «Zum Glück», sagt Mehmet Çetin. Der 45-Jährige ist der Projektverantwortliche von Ișik, eines grossen lokalen Verarbeiters von Trockenfrüchten, der sich voll und ganz der Förderung der biologischen Landwirtschaft verschrieben hat. «Die Felder der Bauern hier sind durch die Erbteilung oft sehr klein, die Parzellen wild zerstückelt. Wenn hier einer Pestizide spritzt, können die Nachbarn ihre biologisch bewirtschafteten Felder gleich vergessen. Deshalb zertifizieren wir am liebsten gleich das ganze Dorf.»

 Ob an der Rebe …

… oder bereits getrocknet in der Sortiermaschine …

 Über Sultaninen lässt sich beim Tee immer vorzüglich diskutieren.

Zwei Jahre Umstellungszeit

Das sieht Yasar Aydin auch so. Seit zwei Jahren produziert er nach den strengen Bio-Richtlinien. Seither haben Pestizide und synthetische Dünger auf seinen Feldern nichts mehr verloren. Und das überzeugt ihn, wie er erklärt: «Bio ist gesünder für alle. Und bei der Ernte ist es viel angenehmer für mich, wenn die Trauben nicht gespritzt sind.» Ebenso werden die Bio-Sultaninen nicht geschwefelt, denn die Konservierung mittels Schwefeldioxid steht im Verdacht, bei empfindlichen Menschen gesundheitliche Probleme hervorzurufen.

Allerdings erfordert die Umstellung auf Bio eine Karenzzeit von zwei Jahren, damit sich die belasteten Böden erholen können, wie Mehmet Çetin erklärt: «Wenn wir Bauern dazu bewegen können, auf Bio umzustellen, unterstützen wir sie dabei in allen Belangen.» Das heisst, dass die Bauern nicht nur in Sachen Bio-Landbau geschult werden, sondern auch von Anfang an bessere Preise für ihre Produkte erhalten, auch wenn diese erst nach der Übergangsfrist als Bio verkauft werden dürfen.

Aufwand für eine bessere Zukunft

Damit hat sich für Yasar Aydin auch einiges geändert. Er, der früher den Dorf- laden geführt hatte, bevor er das Land seiner Eltern übernommen hat, sieht das pragmatisch: «Früher hatte ich den Laden, heute kämpfe ich eben mit der Natur. Aber das ist gut so.» Und ein Kampf ist es tatsächlich. Wo er beispielsweise früher gegen Schädlinge grosszügig Insektizide ausgebracht hat, ummantelt er die Rebstöcke heute einzeln mit Baumwollkragen, einem effektiven Schutz gegen den Dickmaulrüssler, einem Käfer, der sich sonst nur zu gerne an den jungen Trieben der Pflanze gütlich tut. Diesen Aufwand und vieles mehr nimmt er, mit Blick in die Zukunft, aber gerne in Kauf. «Meine drei Kinder haben mich sehr darin bestärkt, auf Bio umzustellen», erklärt er. «Aber sie sind alle weggezogen, studieren oder sind Lehrer geworden.» In seiner Stimme schwingt sowohl Stolz als auch eine leise Wehmut mit. Doch dann bricht er in ein gewinnendes Lachen aus: «Aber zum Glück fällt die Sultaninenernte in die Semesterferien ...» 

Tat Nr. 111

Für die grösste Bio-Marke der Schweiz treten wir in die Pedale.

1993 haben wir mit Naturaplan die erste Bio-Marke im Schweizer Detailhandel lanciert. Damit haben wir dazu beigetragen, den Bio-Produkten hierzulande zum Durchbruch zu verhelfen.

Weitere Informationen hier: https://www.taten-statt-worte.ch/111