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Taten statt Worte

Die Oktopus-Fischer

Eigentlich wissen alle, dass wir Menschen nicht alles aus dem Meer ziehen sollen, was wir ergattern können. Doch noch handeln zu wenige danach. Coop bezieht Oktopus jetzt aus MSC-zertifizierten Fischereien.

FOTOS
Peter Mosimann; Karte Janina Noser
06. Mai 2019

Fischer David Manuel García zieht einen Oktopus aus der Reuse. Im Hintergrund die Küste Asturiens.

Reuse um Reuse zieht Fischer David Manuel García (33) mithilfe der Seilwinde aus dem Wasser. Viele sind leer, doch aus etwa jeder zweiten holt er einen Oktopus raus. Zu kleine Tintenfische wirft er wieder ins Wasser zurück. Sie will und darf er nicht fangen. Die grossen aber mit mehr als einem Kilo Gewicht behält er. Die leeren Reusen stapelt Alfredo Alvarez (55) auf dem Heck. Das Fischerboot mit dem Namen «Ruben David» befindet sich vor der Küste Asturiens beim kleinen Ort Viavélez Das Aprilwetter ist kühl. Das Meer ist bewegt, und es kündigen sich Sturm und Regen an. Die Wellen schaukeln das Fischerboot so stark hin und her, dass das Wasser bedrohlich nahe an den Bootsrand schwappt.

Solches Wetter ist nicht unüblich für die Gegend. Wer Asturien bei Sonnenschein sieht, hat Asturien nicht gesehen, sagen die Einheimischen. Es ist Fangzeit für eine Delikatesse der Region: Oktopus oder Pulpo, wie man ihn in der Küche nennt.

Die Fischer und die Kontrollen

David, sein Vater José Manuel (54) und Alfredo betreiben eines von 27 Fischerbooten, die in Asturien Oktopus nach MSC-Standard fangen. Wenn Vater José Manuel erzählt, spürt man seinen Stolz, das MSC-Label zu besitzen. «Man muss mit Köpfchen fischen», erklärt er vielsagend, während er lässig aus der Kabine lehnt. Mit «Köpfchen» meint er, dass die Fischer nicht einfach alles herausziehen, was das Meer hergibt. Die MSC-Fischer halten vorgegebene Fangmengen ein, legen nicht mehr als die erlaubten Reusen aus und kontrollieren sich gegenseitig. «Das mit der Kontrolle ist der schwierigste Teil an der Zertifizierung», erklärt David mit einem Schmunzeln: «Die älteren Fischer lassen sich sehr ungern in die Bücher schauen, und sie hassen es, ein Ortungsgerät mitzuführen, auf dem man kontrollieren kann, wo sie fischen. Aber daran müssen sie sich gewöhnen.»

Inzwischen sind David, José Manuel und Alfredo bei den letzten Reusen angelangt. Der Fang von heute ist für ihre Verhältnisse bescheiden. «Etwa 90 Kilogramm», schätzt David. Weil es MSC-Pulpo ist, bekommen sie dafür rund 20 Prozent mehr Geld als für konventionellen Oktopus. «Wir haben strengere Vorschriften und fangen im Jahr trotzdem etwa gleich viel wie früher», erklärt Vater José Manuel, der seit 43 Jahren zur See fährt. «Am Ende verdienen wir dank MSC besser.» Das spricht sich herum. Bei allen Vorbehalten gegen die Kontrollen lassen sich immer mehr Fischer zertifizieren, sagt David. So werden sie mittelfristig auch mehr MSC-Oktopus liefern können. Derzeit fangen die MSC-Fischer Asturiens pro Jahr – Fangzeit ist von Januar bis Juni – rund 50 Tonnen. «Das ist von der Quantität her eigentlich vernachlässigbar», sagt Concha López (48), die Export-Managerin des Fischverarbeiters Alfrio, der diese 50 Tonnen verarbeitet. Alfrio produziert pro Jahr 1400 Tonnen Pulpo. «Aber wenn wir von der Qualität und der Philosophie reden, die dahintersteht, ist MSC ganz wichtig.»

Diese Einschätzung teilt auch Theodor Pulver (51), der den MSC-Pulpo für Coop und Bell beschafft. Pulver ist Leiter Einkauf Seafood bei Bell und stolz darauf, dass Coop als einzige Anbieterin in der Schweiz MSC-Pulpo im Sortiment führt. Coop und Bell übernehmen den Grossteil der MSC-Produktion in Asturien. «Die Schweizer sind nicht die gros- sen Oktopus-Liebhaber», sagt Pulver, «sie holen aber auf». Vor allem seien es die in der Schweiz lebenden Südländer, die Pulpo lieben. Und ganz wichtig: «Auch sie setzen vermehrt auf Nachhaltigkeitslabels wie MSC.» Ines Biedermann (42) vom MSC in Berlin bestätigt das. Die Schweiz sei ein sehr wichtiger Markt. Rund 1600 zertifizierte Produkte sind im Handel erhältlich und der Bekanntheitsgrad von MSC liegt mit 75 Prozent weltweit an der Spitze.

MSC, damit die Bestände bleiben

MSC, ausgeschrieben Marine Steward- ship Council, ist eine gemeinnützige Organisation, die einen Umweltstandard für nachhaltige Fischerei entwickelt hat. Fischereien, die sich zertifizieren lassen, dürfen die Fischbestände nur so weit nutzen, dass sie in gutem Zustand bleiben. Der MSC-Schutz gilt auch den Lebensräumen und anderen Arten, die manchmal als Beifang in Mitleidenschaft gezogen werden, wie Alberto Martín (42), Fischereimanager des MSC in Spanien und Portugal, erklärt. «Der Standard garantiert, dass sich eine Fischerei nicht negativ auf gefährdete, bedrohte oder geschützte Arten auswirkt.» Dabei spielen die Fanggeräte eine wichtige Rolle. Die Fischer in Asturien verwenden Reusen. Das ist mühsam, aber es schont die Umwelt, erklärt José Manuel. «Der Tintenfisch bleibt in der Reuse, solange er am Köderfisch genug zu essen hat. Ist er fertig, kann er wieder abhauen. In den alten Reusen blieben die Oktopusse gefangen, auch wenn die Fischer die Reusen zwei oder drei Tage nicht kontrollieren konnten. «Das war sicher nicht tiergerecht.» Und Beifang? «Bei uns kein Prob- lem», sagt David. «Die paar Seesterne und Fische, die wir finden, entlassen wir wieder lebend ins Meer.»

Das Fleisch zart machen

Der MSC-Pulpo wird für den Transport eingefroren, aber nicht nur dafür: Durch das Einfrieren und Auftauen wird die Struktur des Fleisches aufgebrochen, damit es überhaupt zur zarten Delika- tesse wird, als die man Pulpo kennt.