X

Beliebte Themen

Taten statt Worte

Ein Huhn, zwei Aufgaben

Hier gilt nicht entweder oder, sondern sowohl als auch: Beim Zweinutzungshuhn legen die weiblichen Hühner Eier und die männlichen sind für die Mast geeignet. Somit müssen bei dieser Rasse keine männlichen Küken sterben.

FOTOS
Daniel Desborough
28. Januar 2019

Matthias Linder lacht noch, bald muss er eingreifen und zwei Streithähne ausserhalb des Bildes trennen.

Es herrscht Aufregung im Hühnerstall in Heimisbach BE. Bauer Matthias Linder (36) ist mitsamt Besuch hereingekommen. Es wird gegackert. Einige der schneeweissen Federviecher haben in den hinteren Teil des Stalls Reissaus genommen. Wenige Augenblicke später ist Ruhe eingekehrt und die Hühner pirschen sich langsam wieder heran. Viele Augenpaare liegen jetzt auf Linder und seiner Begleitung. Wenig später picken vereinzelt Neugierige an den Plastiküberzügen der Schuhe. Linder hebt ein Huhn in die Höhe und streichelt es. «Die Tiere sind sehr zutraulich und ruhig.»

Die Rasse heisst Lohmann-Dual-Huhn und ist eine spezielle Züchtung. Beim sogenannten Zweinutzungshuhn werden beide Geschlechter grossgezogen. Normalerweise werden Hühner entweder für die Eier- oder für die Fleischproduktion gezüchtet. Für die Legehennen-Rassen bedeutet dies, dass die männlichen Küken gleich nach dem Schlüpfen getötet werden. Jährlich betrifft dies in der Schweiz rund zwei Millionen Tiere. Denn die Legehennen sind aufs Eierlegen ausgerichtet, so dass ihre Brüder zu wenig Fleisch ansetzen, was sie für die Mast ungeeignet macht. Das Projekt Zweinutzungshuhn, das Coop vor fünf Jahren ins Leben gerufen hat, versucht, diesem Umstand Einhalt zu gebieten. «Es ist extrem wertvoll, dass das Problem bei der Wurzel angepackt wird, um dem Kükensterben entgegenzuwirken», sagt Cesare Sciarra (52), Leiter Kontrolldienst beim Schweizer Tierschutz. Dank des Projekts haben die Konsumenten in grösseren Coop-Verkaufsstellen die Möglichkeit zu wählen, ob sie zu «herkömmlichen» Eiern und Poulet oder denjenigen mit dem Zweinutzungshuhn-Label greifen wollen. Diese Artikel tragen die Knospe von Bio Suisse.

Eier fahren in die Brüterei

In Heimisbach werden die Eltern der späteren Legehennen und Mastpoulets gehalten. Im Stallinnern sind Häuschen installiert. «Das sind die Legenester», erklärt Matthias Linder, «Hier legen die Hühner Eier.» Diese werden mittels Förderband eingesammelt und landen per Knopfdruck auf einem Tisch im Vorraum des Stalls. Dort werden sie für den Transport in die Brüterei vorbereitet, wo dann die Legehennen wie auch die Masthähnchen schlüpfen werden. Linder hält derzeit die zweite Generation Dual-Hühner. Die Jungtiere waren im letzten Oktober bei ihm eingetroffen und legen seither bei ihm für die nächste Generation Eier.

Zuvor betrieb die Familie Linder während 25 Jahren eine Pouletmast. «Wir wollten den Hof auf Bio umstellen und haben uns umgehört», erklärt Matthias Linder. So sei er auf das Zweinutzungshuhn-Projekt aufmerksam geworden. Und leistet nun mit seinen 1000 Dual-Elterntieren im Emmental Pionierarbeit.

Jetzt greift Linder zum Futterkübel und versucht, die Hühner für ein Foto um sich zu scharen. Interessiert folgt das Federvieh seinem Lockruf. Die Szene ist angerichtet, der Fotograf drückt ab. Auf einmal bricht wieder Unruhe aus: Zwei Hähne stehen sich gegenüber, die weissen Federn um den Hals sind aufgebauscht, sie blicken sich tief in die Augen. Dann springen sie aufeinander los. Linder trennt die Streithähne und lächelt verschmitzt: «So ein Hahnenkampf liegt halt in ihrer Natur.» Ganz unabhängig von der Rasse. 

Tat Nr. 35

Gleichberechtigung für Tiere

Anfang 2014 haben wir mit einer besonderen Hühnerrasse einen Praxisversuch gestartet. Die Hennen legen fleissig Eier, und die Hähne setzen viel Fleisch an. So werden sowohl männliche als auch weibliche Küken aufgezogen, die ihr Leben auf einem Schweizer Bio-Bauernhof geniessen.
 Weitere Informationen hier: https://www.taten-statt-worte.ch/35