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«Ich weiss nicht, ob der Papst Bier mag»

Kardinal Kurt Koch ist der höchste Schweizer im Vatikan. Wir sprachen mit ihm über sein Amt, den Pontifex maximus, Weihnachten und Guetzli.

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FOTOS
Giliola Chistè
23. Dezember 2013

Man muss schon wissen, was da drinsteht: Kardinal Kurt Koch in der Aberhunderte von Büchern umfassenden Bibliothek seines Amtes.


Ich sitze in der Via della Conciliazione 5 in Rom in einer Bar und bespreche mit Giliola Chistè, der römischen Fotografin, die letzten Details für das bevorstehende Interview mit Kardinal Kurt Koch. Ich bin angespannt. Einen waschechten Kardinal habe ich noch nie interviewt. Kurz darauf finden wir uns im 4. Stock desselben Gebäudes in einem langen Flur mit unzähligen Türen aus dunklem Holz wieder. Dr. Giovanna Ramon, die Sekretärin des Kardinals, führt uns in ein Sitzungszimmer. Kein Pomp, kein Prunk, nur eine weisse Sitzgruppe, die sich um einen flachen Clubtisch drapiert. Schon nach wenigen Augenblicken erscheint Kardinal Koch in der Seitentür, die zu seinem Büro führt. Er trägt schlichtes Schwarz, auf der Brust baumelt ein Kreuz. Er wirkt gewinnend und verbindlich zugleich, seine Händedruck ist angenehm. Ich fühle mich sogleich als Gast und nicht als Bittsteller, oder noch schlimmer: als Journalist. Koch beantwortet vorbehaltslos all meine Fragen, führt aus, erklärt, fragt zurück und lacht auch gerne. Meine Anspannung ist schnell verflogen, die Interviewstunde im Flug vergangen.

Interview

Coopzeitung:  Herr Koch, was ist die korrekte Anrede für einen Kardinal?
Kardinal Kurt Koch:  Herr Kardinal. Offiziell gäbe es zwar den Titel Eminenz, aber diesen finde ich nicht so schön. Kardinal find ich sinnvoller, da es ja auch das Amt bezeichnet, das ich ausführe. Eminenz hat etwas Hochgestochenes.

Hat alle Fragen anstandslos beantwortet und lacht auch gerne: Kardinal Kurt Koch mit Redaktor Stefan Fehlmann.

Weihnachten kann man sich bei uns gar nicht entziehen.»

Sie wurden im Sommer 2010 als Bischof von Basel zum Kardinal ernannt und in den Vatikan berufen. Haben Sie sich in Rom eingelebt?
Ja, das ist ja schon über drei Jahre her. Für mich war es vor allem das Einleben in eine neue Aufgabe: Da ich sehr viel in der Welt unterwegs bin, bin ich nicht so oft in Rom. Aber abgesehen davon ist es natürlich ein anderer Lebensstil als in der Schweiz. Man isst zum Beispiel viel später; mittags gegen 13.30 und abends ab 20.30 Uhr. Zudem ist die Mentalität der Italiener nicht immer ganz einfach zu verstehen. Manchmal können sie in Details sehr pingelig sein und viel Wert auf zweitrangige Sachen legen, bei anderen Dingen wiede-rum herrscht grosse Nonchalance.

Sie sind der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen. Was gilt es da alles unter einen Hut zu bringen?
Wir sind in stetem Kontakt mit den verschiedenen christlichen Gemeinschaften. Insgesamt führen wir 17 verschiedene Dialoge, sei das mit den Evangelischen oder Orthodoxen Kirchen, aber auch mit den Pentekostalen, Baptisten oder Assyrern.

Da brauchts wohl viel diplomatisches Fingerspitzengefühl?
Nun, wir führen keine politischen Verhandlungen, sondern theologische Dialoge. Die Ökumene ist unterteilt in einen Dialog der Liebe und in einen Dialog der Wahrheit. Beim Dialog der Wahrheit geht es vor allem um die Glaubenswahrheit. Diese ist sehr wichtig. Wir suchen dabei die Gemeinsamkeiten und Wege, wie wir diese Gemeinsamkeiten leben können. Schliesslich sind wir alle Christen.

Sie sind auch für die religiösen Beziehungen zum Judentum zuständig. Wie gestaltet sich der Austausch mit anderen Religionen?
Das Judentum ist die Mutter des Christentums. Wir haben einen intensiven gegenseitigen Austausch. Die Juden schätzen das sehr. Die Beziehungen waren noch selten so gut wie heute. Wir führen beispielsweise einen Dialog mit den beiden Grossrabbinern in Jerusalem, sowohl mit dem aschkenasischen als auch dem sephardischen (Anmerkung: Traditionell und herkunftsbedingte Unterscheidung der beiden Glaubensströmungen im Judentum) und wir führen sehr konstruktive Dialoge auch mit jüdischen Gemeinschaften auf Weltebene.

Täuscht der Eindruck, dass der Islam am Erstarken ist, derweil das Christentum schwächelt?
Es gibt verschiedene Strömungen im Islam. Dabei existieren gute Beispiele eines dialogbereiten Islam, wie etwa im Libanon. Natürlich gibt es auch Fundamentalisten. Die darf man jedoch nicht mit dem Islam gleichsetzen. Der Eindruck, dass der Islam am Erstarken ist, beruht auch auf dem starken Bevölkerungswachstum. Die Gefahr in unseren Breitengraden ist aber nicht die Stärke des Islam, sondern die Schwäche des Christentums.

Woran liegt das?
Das Problem ist, dass bei uns Religion als Privatsache angesehen wird. Das ist nicht richtig. Sie ist zwar persönlich, aber nicht privat. Die Gemeinschaft ist wichtig. Und diese geht im individualistischen Zeitgeist ein wenig verloren. Das Christentum muss seine Stärke wieder- finden, wenn es ein verlässlicher Partner sein will.

Sie wurden von Papst Benedikt berufen. Nach seinem Rücktritt galten Sie als einer der Mitfavoriten für die Wahl des neuen Papstes. Waren Sie sich dessen bewusst?
Nein, das war ein Fantasieprodukt der Medien; da hatte ich keine einzige unruhige Minute. Zudem wäre nach einem deutschen ein Schweizer Papst nicht denkbar gewesen.

Wie wäre es gewesen, wenn Sie gewählt worden wären?
Das ist abstrakt. Der eigentliche Wähler ist der Heilige Geist. Die Zeit war reif, von Europa wegzugehen. Ich freue mich sehr über den Papst aus Südamerika.

Zumindest in der Privatwirtschaft birgt ein Chefwechsel sowohl Risiken als auch Chancen. Sind Sie zufrieden mit der Wahl Franziskus?
Ich bin sehr zufrieden. Mit seiner Art spricht er die Menschen an: Die Audienzen sind immer voll. Allerdings, den viel beschworenen Kontrast zwischen Benedikt und Franziskus gibt es nicht. Vieles von Benedikt wurde schlicht nicht wahrgenommen. Die ganze Welt freute sich am schlichten «buona sera» von Franziskus bei dessen erstem Auftritt; dass sich Benedikt zuvor mit den genau selben Worten verabschiedet hatte, hatte kaum jemand gehört. Franziskus kann auch vieles schärfer ausdrücken, ohne dass es ihm negativ ausgelegt wird. Aber das ist eben auch seine Art. 

Die Mentalität der Italiener ist nicht immer ganz einfach zu verstehen. »

Ich habe mit meinem Chef auch schon mal ein Bier getrunken. Wie kann ich mir das im Vatikan vorstellen?
Der Papst trinkt gerne Mate-Tee; ob er Bier mag, weiss ich nicht – ich jedenfalls nicht sehr. Wenn er Gäste aus der Ökumene empfängt, bin ich ab und an auch zum Mittagessen eingeladen, und da stossen wir dann gerne mit einem Glas Wein an.

Es gibt viele Stimmen, die eine Reformation der katholischen Kirche fordern. Ist mit Franziskus die Zeit gekommen, um beispielsweise über die Zulassung von Frauen zum Priesteramt zu diskutieren oder das Zölibat infrage zu stellen?
Über diese Fragen wird seit Langem diskutiert. Prinzipiell braucht die Kirche immer Erneuerung; diese muss aber viel tiefer ansetzen. Erneuern will der Papst die Kirche vor allem im Dialog mit den Bischöfen.

Apropos Zölibat: Wie sind Sie mit Ihrer Familie verbunden? Gibt es Menschen in der Schweiz, die Sie vermissen?
Ich habe zwei Brüder in Luzern. Weil ich viel unterwegs bin, ist der Kontakt nicht so intensiv, wie ich es mir wünschen würde. Aber es gibt ja auch Telefone und E-Mail.

Wo feiern Sie Weihnachten?
Im Vatikan. Ich feiere im Campo Santo Teutonico (Päpstliches Kolleg der Deutschsprachigen im Vatikan) am Heiligen Abend die Heilige Messe.

Bekommen Sie auch Geschenke oder machen Sie Geschenke?
Ich bekomme immer viele Geschenke, auch aus der Schweiz. Und natürlich machen wir auch Geschenke. Der Brauch hat etwas sehr Schönes, weil er an Weihnachten auf das grösste Geschenk überhaupt aufmerksam macht.

Welche Bedeutung hat Weihnachten für Sie?
Weihnachten sagt uns, dass Gott uns ganz nahe kommt. Er wird Mensch und erst noch ein schwaches Kind. Für mich ist das eine wunderschöne Botschaft.

Weihnachten ist heute auch ein ziemlicher Trubel. Ist das gut, weil sie dann in aller Munde ist, oder glauben Sie, dass das Fest heutzutage falsche Bahnen einschlägt?
Weihnachten kann man sich bei uns gar nicht entziehen. Alle müssen sie feiern. Das kann den Menschen auch helfen, mehr Sinn im Leben zu finden.

Wo gefällt Ihnen Weihnachten besser; in der Schweiz oder hier in Italien respektive im Vatikan?
Das ist schwierig zu sagen. Im Vatikan fehlt mir der Schnee. In Italien ist der 6. Januar viel wichtiger. Dies ist gewiss ein anderer Akzent. Aber die Heiligen Drei Könige zeigen uns auf ihre Weise den Weg zum Kind in der Krippe.

Hand aufs Herz: Wie haben Sie es mit Weihnachtsguetzli?
Die habe ich sehr gerne. Ich werde von vielen Seiten damit eingedeckt. Auch aus der Schweiz erhalte ich viele Guetzli. Ich schau aber, dass ich nicht alle alleine esse.

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