Skispringen: Nichts für Flugangsthasen | Coopzeitung
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Skispringen: Nichts für Flugangsthasen

Sabrina und Bigna Windmüller aus Sargans sind die einzigen Spitzenskispringerinnen der Schweiz. Sie wollen an die Olympischen Spiele in Sotschi. Dafür nehmen sie sehr viel auf sich.

FOTOS
Yannick Andrea
28. November 2013
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Bericht

Sabrina (links) und Bigna Windmüller

Die Wolken hängen tief. Ein kalter Wind fällt über Einsiedeln herein und bringt Regen. Novemberwetter, man würde keinen Hund vor die Türe schicken. Doch Bigna (22) und Sabrina (26) Windmüller schultern die breiten Sprungskis und schreiten zügig Richtung Schanze. Ich will Skispringen, da frage ich nicht nach dem Wetter, sagt die Jüngere. Tough nennt man solche Frauen auf gut Neudeutsch. Tough, also hart, muss frau wohl sein, wenn sie in diesem bis anhin von Männern dominierten Spitzensport ganz vorne dabei sein will.

Bigna Windmüller: Eine gute Vorbereitung ist die halbe Miete.

2002 organsierte der Vater von Sabrina und Bigna die Sarganserländer Sportwochen und Sabrina schlug aus Gwunder Skispringen vor. Da hat es mich sofort gepackt. Doch in die Trainings im benachbarten Toggenburg, da mochte sie nicht alleine gehen. Also hat sie mich mitgeschleipft, schaut Bigna zurück. Der Rest ist viel Arbeit und diese Faszination, die so schwer zu beschreiben ist. Sabrina versucht es so: Du gehst auf den Turm, konzentrierst dich, vergisst alles ringsum, stösst ab und bist in vier, fünf Sekunden auf 90 km/h. Dann hebst du ab, bist ganz alleine, um dich herum ist alles still und du fliegst, fliegstes hat etwas mit Freiheit zu tun. Etwa 600 bis 700 Mal pro Jahr erleben die Skispringerinnen dieses unglaubliche Gefühl, das vom Absprung bis zur Landung nur drei Sekunden dauert. Mehr Sprünge schafft kaum jemand, erzählt Fabian Ebenhoch, der Trainer der Frauschaft, die derzeit nur aus den beiden Schwestern besteht.

Wo andere Angst haben, lächelt Sabrina Windmüller

Doch das Fliegen ist nur das Endprodukt von täglichen Trainings in Krafträumen, von endlosen Videostudien. Dazu kommt das In-der-Kälte-Stehen und -Frieren, weil die Anzüge Isolationswert null haben. Das Fortsein von Daheim, das Leben aus dem Koffer, die ewig gleichen Flughäfen in den jeweiligen Trainingsländern. Sabrina wird von der Sporthilfe und der Organisation Sportheart unterstützt und kann sich voll auf den Sport fokussieren. Bigna muss aber neben den Trainings auch noch in der Therme Bad Ragaz jobben, um finanziell über die Runden zu kommen. Lohnt sich der ganze Aufwand für ein bisschen Fliegen? Ebenhoch, der früher im Kader der Österreicher sprang und auch die italienische Frauen-Nationalmannschaft trainierte, kennt die Frage, was so faszinierend am Fliegen ist: Wie soll ich dir die wunderbare Schönheit der sixtinischen Kapelle beschreiben, wenn du selber nicht reindarfst? Genau so ists mit dem Skispringen.

Bigna Windmüller auf den Brettern, die die Welt bedeuten.

Bigna und Sabrina haben den Sprungturm erreicht. Zuoberst, kurz bevor es auf die Anlaufspur geht, hats eine Toilette. Aber die ist offenbar nur für Journalisten, Fotografen und andere Höhenangsthasen, die sich erst nach dem Pippimachen auf den Sprungturm wagen. Zu denen gehören die beiden Schwestern definitiv nicht. Aber wir sind ja auch nicht direkt mit den grossen Sprüngen eingestiegen, wir haben uns langsam über die kleineren Schanzen herangetastet, relativiert Bigna. Der Trainer wird später erklären, dass es vorbei ist, wenn einen erst die Angst einholt: Dann bist du verkrampft, dann bringst du keinen gescheiten Sprung mehr hin und dann wirds gefährlich.

Sabrina Windmüller springt - vielleicht bis nach Sotschi.

In der Keramikkacheln-Spur rast Bigna dem Schanzentisch entgegen, hebt ab ins Nichts, um nach ein paar Sekunden und bis zu 115 Flugmetern wieder zu landen. So geht das den ganzen Vormittag. Zunächst auf der grossen und, als der Wind zu stark wird, auf der kleinen Schanze. Immer hinaus in die Kälte, in den Regen. Der Trainer korrigiert, motiviert über Funk. Nach dem Mittagessen gehts weiter mit gezieltem Krafttraining. Aber Muskelprotze wollen und dürfen die beiden nicht werden Ein Stein fliegt schlecht, scherzt Sabrina. Wie ist das eigentlich mit dem Essen? Die beiden winken ab. Nix Diät, nix Ernährungsplan. Einfach gesund und ausgewogen. Was das heisst, spürst du ganz genau, wenn du ehrlich mit dir selber bist, sagt Bigna.Krafttraining, Sprungtraining, Material testen im In- und Ausland so geht das nun weiter, bis am 6.Dezember in Lillehammer der erste Weltcup stattfindet. Doch das eigentliche Ziel sind die Olympischen Spiele in Sotschi. Dafür müssen die beiden Sarganserinnen unter die ersten 30 im Weltcup springen. Da bleibt noch viel Arbeit, doch die beiden können es schaffen, sagt Ebenhoch. Sie tun alles dafür.

Wie alles begann

Erst mal kleine Sprünge

Die in der norwegischen Provinz Telemark lebenden Bergbauern nutzten nahe liegende Hänge zur alpinen Abfahrt und überquerten dabei kleinere Hügel mithilfe von Sprungeinlagen. 1809 vermerkte man den ersten gemessenen Sprung auf eine Weite von 9,5 Metern. 1879 wurde die erste Schanze in Kristiania, dem heutigen Oslo eingeweiht. Erst 1883 entdeckte Torju Torjussen die Telemark-Landung als bis heute bewährte Variante, um einen Sprung im Hang zu stehen. Skispringen ist seit 1924 olympische Disziplin aber nur für Männer. In Sotschi springen auch erstmals die Frauen um olympisches Gold. Weitere Infos:

www.swiss-ski.ch