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TV heute: So schaut die Jugend

Wie weckt das Fernsehen das Interesse der Jugendlichen in Zeiten von Smartphone und Youtube? Wir haben nachgefragt.

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FOTOS
Darrin Vanselow, RTS/Philippe Christin, Sabine Papilloud, zVg; Inforgrafik: Coopzeitung
16. November 2015

Egal, welche Aktivität, Jugendliche kleben am Smartphone. Die Sendung 26 minutes auf RTS (im Bild Moderator Vincent Veillon) greift aktuelle Themen auf informative und witzige Art auf.


Herausforderung

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Beim Schweizer Fernsehen SRF in Zürich nimmt man die Situation ernst, sieht es aber nicht ganz so dramatisch, wie Bakel Walden, Leiter Programmstrategie bei SRF im Interview auf Seite 19 sagt: Bei den 15-bis 29-Jährigen erreiche man doch noch 6 von 10 Deutschschweizern. Klassisches Fernsehen, bei dem das Programm inhaltlich und zeitlich von den Fernsehmachern vorgegeben wird, verliert aber immer mehr an Zuspruch. Waren es in der Deutschschweiz vor zwei Jahren erst 6,5 Prozent der Jungen, die die Möglichkeit des zeitversetzten Fernsehens nutzten, waren es im ersten Semester 2015 14,8 Prozent.
Um die neuen Sehgewohnheiten der Jungen aufzunehmen, hat man in der Romandie bei Radio Télévision Suisse (RTS) eine Sendung gezielt für ein junges Publikum entwickelt. Die Sendung 26 minutes mit Vincent Veillon und Vincent Kucholl greift das aktuelle Geschehen humorvoll und frech auf. Sie ist nicht nur informativ, sondern auch unterhaltsam. Das kommt an, wie die Zuschauerzahlen und die 85000 Likes auf Facebook zeigen. Die sozialen Netzwerke sind ein wichtiger Kanal, stellt RTS fest: So zählte 26 minutes im September zwei Millionen Zuschauer auf Facebook, über 150000 auf Youtube und über 200000 auf der Website und der App von RTS. Eine vergleichbare Sendung hat das Deutschschweizer Fernsehen SRF derzeit nicht im Programm.

Jeden Freitagabend verfolgen viele junge Leute die Aufzeichnung der Sendung 26 minutes live in Lausanne.

26 minutes wird jeden Freitagabend mit Live-Publikum im Club Chauderon 18 in Lausanne aufgezeichnet. Ich war schon mehrmals dabei. Es ist super, dass dies gratis möglich ist, freut sich Mélanie Ganz (27) aus Gilly VD: Dank dieser Sendung bin ich stets auf dem Laufenden. Ich interessiere mich nämlich sonst nicht sehr für Politik. Mélanie zeichnet die Sendung normalerweise auf und schaut sie sich zu einem späteren Zeitpunkt an. Ihre Freundin Sarina Gnecchi (27) aus Rolle VD war schon ein Fan der beiden Vincents, als die Sendung noch 120 secondes hiess und eine Radiosendung auf Couleur 3 war: Seit die Sendung im Fernsehen läuft, finde ich sie aber noch besser, sie ist dynamischer. Wir wollten wissen, wie eine solche Sendung abläuft und haben die Aufzeichnung der Ausgabe vom 17.Oktober besucht. Komiker Vincent Kucholl schlüpft in die Rolle eines grummeligen Bauern und fragt das Publikum Gehts gut?. Jaaaa!, schreit dieses. Ich stelle fest, dass es mehr junge Leute im Studio hat als vor dem Fernseher, sagt Kucholl. Denn wer sitzt schon am Samstagabend um 20.10 Uhr vor dem TV?

Sogar die Politik hat Platz

Es folgt ein Beitrag über die Freizeitgestaltung von Kindern während der Ferien: egal, welche Aktivität, sie kleben an ihrem Smartphone. Während eines Museumsbesuchs fragt der Animateur die Kinder: Gibt es noch Fragen? Antwort: Ja, wie lautet der WLAN-Code? Auch politische Themen werden in der Sendung aufgegriffen. Zu Gast ist heute der Regisseur Fernand Melgar, dessen Film Vol spécial die Ausweisungspraxis abgewiesener Asylsuchender anprangert. Ein von Vincent Kucholl gespielter junger SVPler herrscht den Regisseur an: Eingebürgerte Ausländer halten die Fresse! Der eingebürgerte Filmemacher zieht ihn ins Lächerliche: Wenn die Schweiz im Fussball siegt, gewinnt die Schweiz. Wenn sie verliert, ist es wegen Shaqiri und seinen albanischen Kumpeln! Damit hat er die Lacher im Publikum auf seiner Seite.

Das junge Publikum konsumiert enorm viele Videos.»

Gilles Marchand, Direktor von RTS

Jugendliche schauen mehr Videos

Gilles Marchand, Direktor von RTS, freut sich über die Zuschauerzahlen: 26 minutes hat enormen Erfolg, insbesondere bei den Jugendlichen. Es ist interessant festzustellen, dass die Sendung ein fast so grosses Publikum in der Web- und Social-Media-Community erreicht wie am TV. Laut Marchand müsse man differenzieren, wenn man vom audiovisuellen Konsum der Jugendlichen spricht: Es ist ein ziemlich unbeständiges, mobiles Publikum, das sich nicht leicht in die klassischen Verhaltenskategorien einordnen lässt. Das junge Publikum konsumiere enorm viele Videos, darunter auch die vom Fernsehen produzierten. Aber es schaut sie à la carte, blockweise und auf mobilen und interaktiven Bildschirmen. Es gibt heute mehr Geräte und Formen für den TV-Konsum. Daher ist es für das Fernsehen wichtig, Inhalte anzubieten, die das junge Publikum erreichen. Videos, Apps und Streaming nehmen zu. Sendungen für ein junges Publikum von RTS und SRF sind beispielsweise Break ups (schräge Sendung über Beziehungen) sowie diverse Zambo-Sendungen für jüngere Kinder und Jugendliche und Virus-TV von SRF. In Tas vu lactu? von RTS kommentieren Jugendliche das aktuelle Geschehen. Mehrsprachige Produktionen der SRG SSR möchten das Interesse dieses Publikums an Politik wecken: das Spiel Tabula Rasa sowie die Sendung und das Spiel (mit App) Politbox zu den Schweizer Wahlen. Nebst Online-Videos von TV-Sendern finden vor allem Videoportale wie Youtube Anklang bei den 12- bis 19-Jährigen in der Schweiz. Rund 79 Prozent gaben in einer Umfrage an, sie würden täglich oder immerhin mehrmals wöchentlich auf Videoportalen surfen.

Sarina Gnecchi (l.) und Mélanie Ganz (beide 27) sind grosse Fans von 26 minutes.

29% der 15- bis 29-Jährigen sehen sich die Sendung 26 minutes zeitversetzt an.»

RTS erreicht mehr junges Publikum

Möglicherweise sind es Sendungen wie 26 minutes, die extra auf ein jüngeres Publikum zugeschnitten sind, die RTS1 (12 Prozent) einen höheren Marktanteil in der Altersgruppe der 15- bis 29-Jährigen bescheren als SRF1 (7,9 Prozent). SRF1 produziert mit Virus-TV und Zambo-Formaten zwar auch Sendungen für ein junges Publikum, doch scheint der Sender diese Gruppe damit weniger gut zu erreichen. Das zeigt sich auch an der mit 26 minutes vergleichbaren Informationssendung mit satirischem Touch von SRF Giacobbo/Müller. Ihr Marktanteil beträgt 20 Prozent bei den 15- bis 29-Jährigen, 26 minutes hingegen erreicht 38 Prozent. Gemäss SRF sei die derzeit erfolgreichste Sendung unter den 15- bis 29-Jährigen Der Bestatter (74000 Zuschauer, Marktanteil 36 Prozent), die gar nicht spezifisch für diese Zielgruppe konzipiert wurde. Es scheint, dass man die Jungen mit Serien lockt.

Serien sind beliebt

Hierfür spricht auch eine schweizweite Umfrage des Link-Instituts: 61 Prozent der 15- bis 29-Jährigen schauen regelmässig bis zu drei Serien. Gilles Marchand bemerkt: Wir haben Game of Thrones auf Englisch mit französischen Untertiteln bereits 24 Stunden nach der Ausstrahlung in den USA gezeigt. So etwas hat bei Jugendlichen eine grosse Wirkung!

Das Video der 26 Minutes vom 17 Oktober 2015 (Französisch) Zur Internetseite der Sendung 26 Minutes (Französisch)

Jugendliche (12 bis 19 Jahre) bevorzugen anderes

Quelle: James-Studie 2014

Au Taquet!

Romain Carrupt (21), Chamoson VS, Rechtsstudent an der Universität Neuenburg

Er schaut vor allem RTS und Canal9 auf seinem Computer. Französische Sender schaue ich weniger, aber ich bin nicht gerade repräsentativ für Leute in meinem Alter, sagt der Romand. Carrupt sieht sich als Journalist. Die Billag-Gebühr findet er gerechtfertigt. Ich finde, Canal9 und RTS produzieren sehr gute Sendungen. Auch die Webseite des öffentlichen Fernsehens lobt er: Der Zugriff auf Sendearchive ist bei französischen Sendern komplizierter und oft kostenpflichtig.

Zur Internetseite der Sendung Au Taquet (Französisch)

Interview

Bakel Walden, Leiter Programmstrategie bei SRF 

Wir erreichen auch beim linearen Fernsehen viele Junge.»

Bakel Walden, Leiter Programmstrategie SRF

In der Alterskategorie der 15- bis 29-Jährigen liegt der Marktanteil des SRF1 bei knapp 8 Prozent. Droht das SRF den Zugang zum Publikum der Zukunft zu verlieren?
Dieses düstere Szenario droht nicht. Selbst beim guten, alten Klassiker, dem linearen Fernsehen, erreichen wir von den 15- bis 29-Jährigen jede Woche rund sechs von zehn Deutschschweizerinnen und Deutschschweizern. Aber natürlich gibt es insbesondere in dieser Zielgruppe einen starken Trend zur Nutzung neuer, digitaler Plattformen. Dort spielen SRF-Inhalte oft noch keine prominente Rolle. Da müssen und werden wir noch zulegen.

Inwieweit richten Sie sich an Ihrem zukünftigen Publikum aus?
Es wird für SRF unter anderem in Zukunft entscheidend sein, neben den eigenen Kanälen stärker auf Plattformen präsent zu sein, auf denen sich junge Zielgruppen bewegen. Ein gelungenes Beispiel ist unser junges Digitalangebot zu den Wahlen, Politbox, das auch auf Facebook, Instagram und Twitter zu finden war.

Was bietet das SRF der Generation Smartphone an Inhalten?
Wir haben einiges im Angebot, das von der jungen Zielgruppe immer stärker genutzt wird. Meine drei persönlichen Highlights: Die SRF3-App das ist nicht nur gute Musik zum Mitnehmen, sondern man ist mit den 3 News zum Zmorge gleich auf dem neuesten Stand. Im SRF-Player und auf Youtube gibt es Roiber und Poli, eine skurille Ganovengeschichte, die als extrem unterhaltsame Webserie produziert wurde. Und jeden Mittwoch gibt es kompetente Game-Kritiken auf SRF Online.

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