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Sensationsfund Millionen von Jahren wuchsen sie, tief im Fels verborgen. Dann wurden sie 2008 ans Tageslicht befördert. Die beiden Strahler Franz von Arx und Elio Müller erzählen vom bisher grössten Kristallfund der Alpen.

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zVg
21. Dezember 2015
Jäger des verborgenen Schatzes: Die Strahler Franz von Arx (l.) und Elio Müller vor ihrem Prachtstück im Sasso San Gottardo.

Jäger des verborgenen Schatzes: Die Strahler Franz von Arx (l.) und Elio Müller vor ihrem Prachtstück im Sasso San Gottardo.


Die Planggenstock-Kristalle

Es muss ein magischer Moment gewesen sein. Beim Anblick der Kristalle laufen mir noch heute, nach sieben Jahren, kalte Schauer den Rücken hinunter und mein Herz schlägt höher, sagt Franz von Arx. Die Gefühlsbewegung und die Lichtreflexe des Kristalls bringen seine Augen gleich doppelt zum Leuchten. Wir haben ihn zum Sasso San Gottardo begleitet, der einstigen Artilleriefestung der Schweizer Armee, die heute neben weiteren Ausstellungen die grösste in den Alpen gefundene Kristallgruppe beherbergt. 1,5 Tonnen schwer, erstreckt sie sich über drei auf drei Meter, der grösste Einzelkristall ragt einen Meter in die Höhe. Neben dem frisch pensionierten von Arx steht sein Teamkollege Elio Müller (29). Die beiden Urner, die am Fusse des Gotthardmassivs aufgewachsen sind, verbindet die Liebe zu den Kristallen, welche sie als Strahler lange gemeinsam gesucht haben.

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Die Suche nach dem Käseloch

Der 65-jährige Berufsstrahler von Arx hatte bereits 2005 mit Paul von Känel Riesenkristalle am Planggenstock gefunden, die heute im Naturhistorischen Museum in Bern ausgestellt sind. Auf 2600 m ü. M. setzte er die Sucharbeiten weitere vier Sommer lang fort. Dort besteht ein grosses Kluftsystem, in dem immer wieder Hohlräume mit Kristallen zum Vorschein kommen können, erklärt von Arx. Man kann das mit einem Emmentaler Käse vergleichen: Man sieht zunächst nur die Löcher im Anschnitt. Wenn man aber nochmals eine Scheibe vom Käse abschneidet, kommen wieder andere Löcher zum Vorschein. Für den Strahler besteht die Herausforderung darin, diese Löcher zu finden. Und das ist immer noch vor allem Knochenarbeit: Früher sind die Mineraliensucher mit ganz einfachem Werkzeug im Rucksack losgezogen, weiss von Arx. In unserem Fall ist die Ausrüstung zwar etwas umfangreicher, doch die körperliche Anstrengung ist immer noch dieselbe. Und auch heute gehört noch viel Glück dazu.

Aus dem Fels geborene Schönheit

Welches Gefühl sie überkam, als sie 2008 den zweiten Sensationsfund vor sich sahen? Es hat uns einfach die Sprache verschlagen. Wir fühlten uns wie Hebammen, die dieses Schmuckstück gerade zur Welt gebracht hatten, beschreibt von Arx das Erlebnis. Wir standen voller Demut und Dankbarkeit vor einer riesigen Kristallgruppe: Nach 18 bis 20 Millionen Jahren waren wir die Ersten, die sie zu Gesicht bekamen... Und Elio Müller ergänzt: Wissen Sie, wir haben das Gefühl, dass auch die Kristalle sich freuen, wenn sie in einem so guten Zustand gefunden werden. Sie glitzern genau wie unsere Augen bei ihrem Anblick. Diese emotionale Interpretation hat aber einen physikalischen Hintergrund nur selten werden vollkommen intakte Kristalle geborgen, weiss der Strahler: Oft setzen ihnen Wasser oder Erosion derart zu, dass die Kristalle Schaden nehmen. Eine Top-Qualität wie diese haben nur drei bis vier Prozent unserer Funde.

Ehrfürchtiges Staunen

Ob sie dort oben weitere Kristalle aufspüren werden, bleibt das Geheimnis des Berges. Eine Weisheit der Kristallsucher besagt, man könne immer nur das finden, was für einen bestimmt ist. Aber solange es Granitberge gibt, gibt es darin auch diese zauberhaften Schätze. Und das nicht ohne Grund, meint Franz von Arx: Wir denken, dass die Kristalle eine Aufgabe haben: Sie wollen, dass wir wieder staunen lernen.

Kontrollierte Explosionen

Nino Colasacco (62), Sprengstoffexperte

Während der letzten zehn Jahre meiner Tätigkeit beim Gotthard-Tunnelbau war ich Sprengstoffbeauftragter. Die Sicherheitsquerstollen, durch welche die beiden eingleisigen Tunnel alle 325 Meter miteinander verbunden sind, wurden unter Einsatz von vielen Tonnen Sprengstoff herausgebrochen. Wegen der speziellen Arbeitsbedingungen ist Erfahrung in diesem Bereich unersetzlich: Während wir Sprengungen durchführten, gingen
die Arbeiten rechts und links von uns weiter. Wir mussten Präzisionsarbeit leisten, da kein Material auf die Schienen der beiden Tunnel fliegen durfte. Aufgrund der geologischen Gegebenheiten war der Abschnitt zwischen Faido und Sedrun der schwierigste. Dennoch haben wir die Arbeiten planmässig abgeschlossen. Nach zehn Jahren Arbeit ist das eine grosse Genugtuung, die Laufbahn mit einer solchen Leistung zu beenden. Ich denke auch sehr gerne daran zurück, mit welcher Schnelligkeit mein Vorgesetzter, der IngenieurJens Classen, unsere Sprache erlernt hat. Am Anfang sprach er kein einziges Wort Italienisch!

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