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Schöne Heimat: Parklandschaft Schweiz

30 Gegenden nutzen heute ein Label, um sich zu vermarkten. Bald sollen zwei neue Nationalpärke entstehen. Sie sollen den Tourismus fördern und die Natur schützen ein Widerspruch?

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FOTOS
zVg
04. Juli 2016

Forschungsleiter Ruedi Haller beobachtet Tiere im Schweizerischen Nationalpark. Im Hintergrund der Piz dal Botsch. Impressionen eines Morgenbesuchs im Nationalpark von unserem Fotografen Yannick Andrea

Impressionen eines Morgenbesuchs im Nationalpark von unserem Fotografen Yannick Andrea

Impressionen eines Morgenbesuchs im Nationalpark von unserem Fotografen Yannick Andrea

Pärke

Vom Bartgeierprojekt zum Forschungsleiter: Ruedi Haller im Nationalpark.

Mit dem Feldstecher sucht Ruedi Haller (50) im Park der Pärke, dem Schweizerischen Nationalpark, die Kämme der umliegenden Bergketten ab. Haller ist Leiter Forschung und Geoinformation und kam einst als junger Student in den Nationalpark. Er half mit, Bartgeier auszuwildern. Inzwischen ist der Aargauer seit 20 Jahren im Engadin. Er hat sich an diesem Tag früh ins Gebiet Margunet aufgemacht. Das hat sich gelohnt: Zahlreiche Steinbockweibchen turnen mit ihren Jungen auf den Wiesen herum. Man kann sie hier von näher beobachten als anderswo, erklärt Haller, denn sie haben sich daran gewöhnt, dass die Menschen sich ihnen nicht nähern.
Hundert Jahre lang gabs in der Schweiz einen Nationalpark und daneben viele schöne Landschaften. Das war einmal. Heute spriessen Naturpärke und Naturerlebnispärke wie Pilze aus dem Boden, Unesco-Biosphären und Unesco-Welterbestätten buhlen um Gäste und Ausflügler. Sogar zwei Nationalpärke sollen entstehen, der Nationalpark Adula im Gebiet Graubünden-Tessin und der Nationalpark Locarnese. Während der bestehende Nationalpark ein streng geschütztes Reservat ist, in das der Mensch gar nicht eingreift, werden die Regionalen Naturpärke genutzt und sollen eine nachhaltige, regionale Wirtschaft fördern. Die Bevölkerung der Parkgemeinden verpflichtet sich, diese Kulturlandschaft zu erhalten und respektvoll zu nutzen. Und nun kommt mit den geplanten neuen Nationalpärken Adula und Locarnese eine neue Kategorie hinzu: Im Adula sollen 145 Quadratkilometer als Kernzone ausgeschieden werden, in der der Schutz der Natur im Vordergrund steht. Dazu kommt eine Umgebungszone, in der eine nachhaltige Nutzung ermöglicht werden soll. Mit einer Fläche von über 1000 Quadratkilometern wäre der neue Nationalpark sechsmal so gross wie der Schweizerische Nationalpark im Engadin. Im November finden in den 17 beteiligten Gemeinden im Graubünden und im Tessin Volksabstimmungen statt.

Die Tiere haben sich daran gewöhnt, dass die Menschen sich ihnen nicht nähern.»

Ruedi Haller (50), Forschungsleiter Nationalpark

Vom Menschen ungestört

Nun kann man Hirsche, Steinböcke, Füchse und Fledermäuse nicht nur in Parks sehen. Wozu also braucht es Natur- und Nationalparks? In einem Nationalpark geben wir der Natur Raum, damit sie sich vom Menschen ungestört entwickeln kann, sagt Ruedi Haller. Aufgabe des Nationalparks sei weder die Konservierung eines Gebiets noch der Schutz der Natur. Es gibt hier keinen Urwald. Vor 100 Jahren, als der Nationalpark gegründet wurde, wurde dieses Gebiet intensiv genutzt. Man betrieb Alp-wirtschaft und nutzte den Wald zur Herstellung von Holzkohle daher kommt auch der Name Ofenpass. Heute überlasse man die Natur sich selber und beobachte, was passiere. Deshalb wird zum Beispiel auch das Geschiebe, das mehrere Rüfen von den Hängen herunter geschwemmt haben, liegen gelassen. Den Murmeltieren gefällt das nicht, dafür wachsen Pflanzen auf diesem neuen Boden, die sonst chancenlos wären, erklärt Haller. Es sei in der Natur immer so ob mit oder ohne menschliche Eingriffe: Eine Veränderung verdrängt die einen, die anderen freuen sich.

Naturpärke werden bewirtschaftet

Das Geschiebe, das Rüfen hinunter- schieben, wird zum Nährboden für Pflanzen, die sonst nicht wachsen könnten.

Wer dieses Prinzip versteht, für den wird auch klar, welche Bedeutung die Naturpärke haben, die in den letzten zehn Jahren entstanden sind. Dort wird die Natur nicht sich selber überlassen, sondern bewirtschaftet und gepflegt, sagt Haller. Das schaffe Lebensraum für andere Tierarten. Eine nachhaltige Nutzung der Landschaft sorge ausserdem für eine hohe Biodiversität, eine höhere noch als im Nationalpark. Das bestätigt auch die Waldpädagogin Marlis Labudde (62) vom Naturpark Gantrisch. Dort stellt sie seit 2009 eine Bestandeszunahme bei der Fledermausart Kleine Hufeisennase fest. Die Population wuchs von 200 auf über 500 erwachsene Tiere. Für bestimmte, als förderungswürdig beurteilte Tierarten werden ausserdem Strukturen geschaffen, damit sie langfristig gesicherte Habitate erhalten, so für Hermelin, Mauswiesel, Raufusskäuze, Sperlingskäuze und Hochmoorperlmutterfalter. Verlässliche Zahlen über ihre Bestandeszunahme gibt es noch nicht, dafür ist der Naturpark Gantrisch noch zu jung. Aber er vermochte viele Freiwillige zu motivieren, sich zu engagieren, freut sich Marlis Labudde.

Moos entlang eines Baches.

Dieses Engagement müssen sich die Promotoren des Nationalpark-Projekts Parc Adula erst noch erkämpfen, denn an der Kernzone scheiden sich die Geister, weil man dort nicht jagen, keine Alp bewirtschaften, ja nicht einmal die Wege verlassen darf. Das gefällt nicht allen. Für Ruedi Haller vom Nationalpark im Engadin gehört das Wegegebot jedoch zu den Grundpfeilern eines Nationalparks: Wenn es nicht möglich ist, dass sich Wanderer und Berggänger in der Kernzone nur auf den vorgegebenen Wegen bewegen, sollte man die Idee des Nationalparks ganz fallen lassen, meint er.

Flora und Fauna in guter Balance

Blick auf den Munt Chavagl. Im Vordergrund: eine junge Arve, die sich im Schutz von Totholz entwickeln kann.

Die Erfahrung zeige aber, dass das ohnehin kein Problem sei. Wer eine Wanderung macht oder auf einen Gipfel will, der will ja vorwärtskommen. Das geht auf den Wegen am besten.
Zu den kritischen Stimmen in der Adula-Diskussion gehört unter anderem der Schweizer Alpenclub, der im Gebiet die Terrihütte betreibt, die mit dem Helikopter beliefert wird. Natürlich habe man gewisse Bedenken, wie man die Hütte in der Kernzone in Zukunft betreiben könne, meint Giochen Bearth, der lange Jahre Präsident der Sektion Piz Terri war. Doch das sei eine Frage der Rahmenbedingungen. Mehr stört er sich am Wegegebot, das den Berggängern den freien Zugang zur Kernzone einschränken würde. Diese geplante Kernzone muss in den Augen von Bearth gar nicht geschützt werden: Wir haben eine gute Balance von Fauna und Flora, weil unser Respekt vor der Natur sehr gross ist. Das sieht Martin Hilfiker (47), Direktor des Nationalpark-Projekts Parc Adula, naturgemäss anders. Man habe nun die grosse Chance, einen zweiten Nationalpark zu schaffen. Die sollten wir packen. Die Umgebungszone, die wirtschaftliche Aktivitäten erlaubt, soll zudem eine Wertschöpfung ermöglichen und so die Entwicklung der Region fördern, sagt Hilfiker. Schliesslich kämpfe die Surselva wie alle anderen Regionen der Peripherie stark mit der Abwanderung. Der Schweizerische Nationalpark zeige, dass Schutz auch touristische Wertschöpfung generiere.
Inzwischen ist Haller auf einem Aussichtspunkt angekommen und stellt an diesem Tag ein letztes Mal sein Fernrohr auf. Er blickt in die Felsen und ist sprachlos: Auf zwei Felsnasen hocken zwei Bartgeier. Vermutlich sind das Nachkommen unserer ausgewilderten Bartgeier, schätzt er, denn die Tiere kehren immer wieder dorthin zurück, wo sie geboren wurden. Ihnen geht es wie Haller: Sie fühlen sich im Schweizerischen Nationalpark einfach wohl.

Pärke und Unesco

Parc Naziunal Svizzer
Der Schweizerische Nationalpark ist gemäss Weltnaturschutzunion (IUCN) ein Wildnisgebiet der Kategorie 1A und erfüllt die strengsten Normen, die es international für Schutzgebiete gibt.

Nationalpärke
In den Kernzonen der Nationalpärke kann sich die Natur frei und dynamisch entfalten. In den Umgebungszonen werden die traditionellen Kulturlandschaften gepflegt und nachhaltig genutzt. Im Unterschied zum Schweizerischen Nationalpark sind in den neuen Nationalpärken wirtschaftliche Aktivitäten erwünscht.

Regionale Naturpärke
Regionale Naturpärke sind Wirtschaftsräume und keine eigentlichen Schutzgebiete. Sie verfolgen drei Ziele: die Erhaltung und Aufwertung der Naturwerte und der Landschaft, die Stärkung der nachhaltigen Regionalwirtschaft und die Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Naturerlebnispärke
In unmittelbarer Nähe der Städte bieten Naturerlebnispärke Tieren und Pflanzen ungestörte Lebensräume. In den Übergangszonen werden besondere Naturerlebnisse ermöglicht.

Unesco-Welterbe
Das Unesco-Welterbe will Natur- und Kulturgüter von aussergewöhnlichem Wert unter die Obhut der gesamten Menschheit stellen. Die Liste umfasst zurzeit 1007 Kultur- und Naturerbestätten in 161 Ländern (Stand: August 2014). In der Schweiz gibt es 11 Welterbestätten.

Interview

Produkte, die das Label Schweizer Pärke tragen, werden im Wesentlichen innerhalb des Parkgebiets hergestellt, und zwar nachhaltig.

Wir fördern regionale Produktion»

Roland Frefel, Leiter Frischprodukte bei Coop

Coop hat diverse Produkte mit dem Label Schweizer Pärke im Sortiment. Wie viele Produkte sind es insgesamt?
Wir führen über 150 Naturparkprodukte aus sieben Pärken. Sie sind jedoch nur regional er- hältlich. Dabei legen wir hohen Wert auf saisonale Produkte.

Was für Produkte sind dies?
Frische Alpmilch aus dem Naturpark Diemtigtal, Bärlauchteigwaren aus dem Naturpark Thal, Bauernhof-Glace aus dem Entlebuch, regionale Trockenfrüchte aus dem Jurapark Aargau oder innovative Backmischungen aus dem Gantrisch, um einige Beispiele zu nennen.

Coop bietet diese Produkte regional an. Was bringt das?
Mit dem Angebot an Spezialitäten aus Pärken fördert Coop die regionale Produktion. Zudem leisten wir so einen wichtigen Beitrag zum Unterhalt einzigartiger Kulturlandschaften, zur Förderung einer nachhaltigen Landwirtschaft und zum Erhalt des kulinarischen Erbes.

Ist das Engagement aus Sicht von Coop eine Herzensangelegenheit?
Nicht nur. Die Produkte haben zwar ihren Preis, sind aber auch hochwertig und werden gut akzeptiert. Es lohnt sich für uns und für die Produzenten, dass wir diese Produkte im Sortiment führen. Zudem liegt Coop die Regionalität sehr am Herzen. Wir können dadurch auch kleinere Produzenten unterstützen, die dank Coop einen zusätzlichen Absatzkanal erhalten.

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