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Tunnelblick

Erlebnis Für Automobilisten gehört der Stau am Gotthard ebenso zu Ostern wie für die Kinder der Hase. Wie schnell dagegen die Bahnreise künftig mit dem neuen Basistunnel wird, zeigt schon jetzt ein Besuch im Verkehrshaus der Schweiz.

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zVg
21. März 2016

Unter südlichen Palmen: Im Verkehrshaus der Schweiz führt der Weg durch das Gotthardtunnel-Modell direkt auf die Tessiner Piazza (Computervisualisierung).


Das neue Tor zum Süden

Wenn wir auf dem Weg in den Süden den Vierwaldstädtersee erreicht haben, rücken die Berge enger zusammen. Ob mit dem Zug oder im Auto: Ab nun heisst es noch gut zwei Stunden durchbeissen sofern nichts dazwischen kommt! , bevor wir endlich den ersten Espresso im lauen Frühlingswind auf der Piazza geniessen können.

Es geht aber auch schneller: Bloss knapp zehn Minuten vom Luzerner Bahnhof entfernt können wir ab dieser Woche unter Palmen flanieren, Glace geniessen und Pedalo fahren. Denn das Verkehrshaus der Schweiz hat für seine neue Sonderausstellung NEAT Tor zum Süden eine 1200 Quadratmeter grosse Wasserfläche in der Arena angelegt.

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Auch als Modell beeindruckend

Auf der offenen Freifläche in der Mitte des Museumsgeländes lässt sich auch ein kleines Stück der riesigen Röhre bestaunen, welche künftig das Tessin mit der Alpennordseite verbinden wird: ein 15 Meter langer Abschnitt des Gotthard-Basistunnels inklusive Bahntechnik in Originalgrösse und mit allen Details nachgebaut. Die Dimensionen der Neuen Eisenbahn-Alpentransversale (NEAT) so heisst das Gesamtprojekt respektive des Gotthard-Basistunnels als Kernstück kann man in der Schienenverkehrshalle erleben. Etwa beim Abschreiten eines 57 Meter langen Modells: Im Massstab 1:1000 stellt es einerseits das komplexe Tunnelröhrensystem dar, andererseits das Gebirgsprofil von Erstfeld bis Biasca mit Original-Gesteinsproben der rund 50 Schichten, durch die sich die Tunnelbauer hindurchgraben mussten. Der gigantische Bohrkopf der dazu eingesetzten Tunnelbohrmaschine Sissi steht bereits seit Sommer 2012 am Eingang zum Verkehrshaus. Neu ist direkt dahinter ein riesiges Wandbild zu sehen mit dem Blick durch den fertig ausgebauten Tunnel eine beeindruckende Perspektive.

Gesteinsschichten im Profil

Ein weiteres Element der Ausstellung ist das Relief San Gottardo, ein 25 Tonnen schwerer Monolith aus Granit, der die Landestopografie der Gotthardregion präsentiert. Das an der Expo Mailand im vergangenen Jahr erstmals gezeigte Modell ist eine Leihgabe der Kantone Graubünden, Uri, Tessin und Wallis. Ihm gegenüber stehen Repräsentanten aus drei Generationen der Verkehrsmittel, welche auf der Nord-Süd-Achse zum Einsatz kamen: die Gotthard-Postkutsche, die älteste noch erhaltene und fahrfähige Dampflokomotive Genf der Schweizerischen Centralbahn von 1858 und das SBB-Krokodil Be 6/8II, Baujahr 1920. Eine Galerie mit Fotos und Filmaufnahmen erzählt die Geschichte des NEAT-Projekts und gibt zugleich einen Ausblick in die Zukunft.

Ein Besuch der Sonderschau im Verkehrshaus der Schweiz lohnt sich in jedem Fall ob als Alternative zum Osterstau oder als Einstimmung auf das grosse Fest, mit dem im Juni der Gotthard-Basistunnel eröffnet wird.

NEAT Tor zum Süden ab 24.März 2016 im Verkehrshaus der Schweiz, Luzern.

Mehr über die Sonderschau auf der Verkehrshaus-Website

Graue Haare

Peter Guntli (55), Geologe

Seit 1993 arbeite ich als einer von 35 Geologen am Gotthard-Basistunnel mit. Wenn damals jemand von der Eröffnung sprach, galt er beinahe als Visionär. Und jetzt

1996 begann man mit dem Bau des Schachtes in Sedrun. Ich leitete das dortige Geologen-Team: 800 Meter tief, bereits das war eine sehr grosse Herausforderung. Mit solchen Dimensionen hatte ich keinerlei Erfahrung. Dank moderner Untersuchungs- und Berechnungsmethoden können wir zwar heute sehr genaue Prognosen über die Beschaffung des Untergrundes machen. Aber die Verhältnisse in 1000 Metern Tiefe und auf einer Länge von 57 Kilometern vorauszusagen das ist schlicht unmöglich. Da muss man die Resultate fortlaufend überprüfen und auf Überraschungen vorbereitet sein: Wassereinbrüche, Störzonen, sich verformende Gebirge usw.

Auch wenn ich in den letzten 23 Jahren ein paar graue Haare bekommen habe es war eine unglaublich interessante Arbeit. Und intensiv: Da wurde ja rund um die Uhr gearbeitet. Und nun, am Ende der Bauzeit? Die grosse Leere tut sich nicht vor mir auf. Zurzeit kann ich meine Erfahrungen beim Bau des zweiten Albula-Tunnels einfliessen lassen.

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