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Die Lawinenwarner von Davos

Wissenschaftler am WSL-Institut für Lawinen- und Schneeforschung SLF versorgen alle, die in den Bergen unterwegs sind, mit wertvollen Informationen. Damit der Tag möglichst sicher wird.

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Stefan Schlumpf, Tanja Demarmels, ZVG. Infografik: Caroline Koella, Quelle: Harvey, Rhyner, Schweizer: Lawinenkunde (2012), Christine Pielmeier  
20. Februar 2017

Von der Karte können die Frauen ablesen, in welchem Gelände sie sind.


Davos

Über Nacht hat es fast einen halben Meter Neuschnee hingehauen. Und am Morgen fallen hier, etwas oberhalb von Davos, immer noch Flocken. Die Wolken hängen tief und verhindern eine gute Sicht. Berge, Boden, Himmel alles ist diffus und weiss. Mittendrin in der Schneewüste stehen Christine Pielmeier und ihre Kollegin Cornelia Accola. Was für Wintersportler wenig einladendes Wetter ist, finden die beiden Frauen aufregend. Ihre Passion nämlich ist: Schnee.

Video:Christine Pielmeier gräbt aus dem Schnee einen Schneeblock heraus, um ein Schneeprofil erstellen zu können. Ist der Schneeblock fertig, schaut sie sich die verschiedenen Härten der Schneedecke an. Ausserdem analysiert sie die Kornform- und -grösse, die Schneekristalle und den Temperaturverlauf der Schichten. Anschliessend legt die Lawinenforscherin eine Schaufel umgekehrt auf den Block. Mit Schlägen auf die Schaufel testet sie, wie stabil die Schneedecke ist. Bilden sich Risse im Block oder bricht er gleich zusammen, ist Vorsicht angesagt. Der Ort ist dann lawinengefährdet! In diesem Fall im Video scheint die Schneedecke allerdings recht stabil.

Wir erstellen gerade ein Schneeprofil, sagt Christine Pielmeier. Die 53-Jährige ist Lawinenwarnerin beim WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos. Neben ihrer Büroarbeit ist sie viel im Gelände unterwegs. Ich muss wissen, wie der Schnee tickt. Mit einer Schaufel hat sie ein Loch gegraben und eine scharfe Kante geschnitten. So kann ich alle Schneeschichten erkennen, erklärt sie.

Im Gelände testet die Lawinenwarnerin anhand des Profils die Beschaffenheit des Schnees

Bis zum Boden untersucht sie die Schichten auf ihre Beschaffenheit, wie weich oder hart sie sind. Auch die Temperatur jeder Schneeschicht diktiert sie ihrer Kollegin Accola ins Profilbüchlein. Wenige, mächtige, ähnlich beschaffene sind weniger gefährlich als viele unterschiedliche und dünne Ebenen, erklärt sie. Seit bald 20 Jahren befasst sich die Geografin und passionierte Skifahrerin mit Schnee und Lawinen. Ich liebe die Natur und finde es faszinierend, mich mit dem Material Schnee zu beschäftigen, sagt sie. Heute ist Christine Pielmeier eine von sieben Lawinenwarnern am Davoser Lawineninstitut.

Mit der Lupe untersucht sie verschiedene Schnee-kristalle. Ihre Grösse und Art sagen mir, wie alt der Schnee ist und wie stabil oder instabil eine Schneeschicht sein kann. Jedes Detail wird notiert.

Die Forschungseinrichtung, die 1942 gegründet wurde, geniesst heute Weltruf. Rund 140 Personen arbeiten hier mit dem Ziel zusammen, Instrumente für Behörden, Industrie und Schneesportler zu entwickeln. Durch sie soll das Risiko von alpinen Naturgefahren minimiert werden. Neben der Forschung werden Dienstleistungen angeboten, die bekannteste ist das Lawinenbulletin.

Pielmeier beim Rutschblocktest. Dazu schneidet sie einen Schneeblock von 200150 cm aus dem Schnee und springt mit den Ski darauf. Rutscht der Block ab, und ist die Neigung des Hangs mehr als 30 Grad, ist der Schnee instabil und lawinengefährdet

Am Morgen drängt die Zeit

Um 5.30 Uhr hat der Arbeitstag von Christine Pielmeier begonnen. Im Institut hat sie die Daten, die die über 170 automatischen Messstationen in der ganzen Schweiz geliefert haben, studiert. Das sind unter anderem Niederschlagsmengen, Temperatur, Windgeschwindigkeit, berichtet sie. Die Zeit ist recht knapp, sagt sie. Schliesslich geht um 8 Uhr unser erstes von zwei täglichen Lawinenbulletins heraus. Nachdem sie alle Details der Nacht zusammengetragen und sich ein umfassendes Bild gemacht hat, entschliesst sie sich, für Graubünden und das südliche Wallis, wo es in der Nacht mehr geschneit hat als erwartet, die Gefahrenstufe von mässig auf erheblich heraufzusetzen.

Für das Lawinenbulletin diskutiert sie mit den Kollegen ihre Erkenntnisse.

Noch ist das aber nicht offiziell. Die Lawinenwarner vom SLF erstellen das Lawinenbulletin immer in einem Team. So trägt Pielmeier um sieben Uhr einem oder zwei Kollegen ihre Beurteilungen vor. Gemeinsam gehen sie die Fakten noch einmal durch und justieren bei Bedarf noch die eine oder andere Aussage. Um acht steht dann das finale Lawinenbulletin online. Es ist bis 17 Uhr gültig, dann kommt bereits das zweite Bulletin des Tages heraus.
Für Schneesportler, Angehörige von Rettungsdiensten, Verantwortliche für die Sicherheit in alpinen Gemeinden und Dörfern, aber auch für Einwohner von Berggebieten sind die Lawinenbulletins eine wichtige Morgenlektüre. Mit ihnen kann man beurteilen, ob man zum Beispiel von einer Tour in ein bestimmtes Gebiet absehen sollte und ein anderes sicherer wäre, sagt Pielmeier. Aber Achtung: Die geschilderte Lage in den Bulletins ist eine generelle Einschätzung, gibt sie zu bedenken. Vor Ort muss noch einmal jeder selbst die Lage direkt überprüfen und beurteilen.

Morgendliche Lagebesprechung: Romano Pajarola teilt seine Leute zur Pistenmarkierung ein.

Pistensicherung mit Bulletin

Auch Romano Pajarola studiert das Lawinenbulletin jeden Morgen. Der Chef von Pisten und Rettung im Skigebiet Parsenn am Weissfluhjoch setzt die Einschätzungen in die Praxis um. Hat sich die Gefahrenstufe auf erheblich erhöht, weiss ich, dass es Handlungsbedarf gibt. Denn die Hauptaufgabe von ihm und seinem sechsköpfigen Team ist es, die Pisten zu sichern, zu markieren und zu signalisieren bevor die ersten Skisportler kommen. Bei viel Neuschnee müssen wir sprengen, sagt der in Davos aufgewachsene Mann. So lösen wir die Lawinen selber kontrolliert aus. Der 50-Jährige, der bald dreissig Winter hier oben arbeitet, kennt das Gebiet wie seine Westentasche. Welcher Hang wie viel Schnee verträgt, welcher abgesprengt werden muss, wissen wir sehr gut daher sind wir morgens auch schnell und effektiv. Wenn die Sichtbedingungen gut sind, nehmen sie die Lawinenauslösung mit dem Heli vor. Bei schlechtem Wetter müssen sie zu Fuss an die betreffenden Stellen gehen und die Ladungen von Hand in einen Hang werfen. Dann fahren wir aber auch schon um sechs morgens hoch, erklärt Pajarola.

An besonders unzugänglichen Stellen muss Pajarola eine potenzielle Lawine von Hand mit Sprengstoff auslösen.

Jede Meldung ist wichtig

Am Weissfluhjoch befindet sich auch eine der automatischen Messstationen, die die Wissenschaftler am Lawineninstitut mit Daten beliefern. Daneben tragen auch etwa 210 Beobachter in der ganzen Schweiz zur Entstehung des Lawinenbulletins bei, sagt Christine Pielmeier. Das sind langjährige SLF-Beobachter, Bergführer und weitere, vom SLF geschulte Personen, die täglich Neuschnee, Gesamtschneehöhe, Lawinenvorkommnisse und Triebschneebildung unserer Forschungseinrichtung übermitteln.
Als weitere Informationsquelle lädt das SLF alle Personen, die im Schnee unterwegs sind, dazu ein, besondere Vorkommnisse wie Lawinenabgänge oder Alarmzeichen etwa über die White-Risk-App (siehe Box) zu melden. Diese Beobachtungen stellen ein weiteres wichtiges Puzzleteil zur Beurteilung der Lawinengefahr dar, so Pielmeier. Das Institut hat mit den Laienbeobachtungen sehr gute Erfahrungen gemacht. Schliesslich kommen sie zum Grossteil von Leuten, die selbst ein Interesse daran haben, sicher in den Bergen unterwegs zu sein.

Interview

Am 24.März 2008 war Dieter Marbach (heute 52) aus Hochdorf LU mit seinem Bruder und einem Freund im Unterengadin als Tourengänger unterwegs. Auf 2850 Meter Höhe herrschten beste Bedingungen. Da löste sich ein Schneebrett.

Dieter Marbach, begeisterter Tourengänger.

Waren Sie auf eine Lawine vorbereitet?
An diesem Morgen hatte keiner von uns Bedenken. Wir hatten die Lage diskutiert. Gefahrenstufe mässig hatte das SLF herausgegeben. Wir waren guten Mutes zumal die Sonne vom stahlblauen Himmel schien. Alle äusseren Bedingungen versprachen, dass dies ein perfekter Tag werden würde.

Was ist passiert?
Beim Herunterfahren von einem Nordhang lösten wir eine Lawine aus und wurden von ihr mitgerissen.

Wie darf man sich das vorstellen?
Ich habe mich mehrfach überschlagen, es ist hell und dunkel, je nachdem, ob man oben an der Oberfläche oder weiter unten ist. In jede Ritze Deiner Kleidung, und auch Deines Körpers dringt derSchnee ein. Ich habe Unmengen an Schnee unfreiwillig geschluckt.

Wie lange hat es gedauert bis die Lawine zum Stillstand gekommen ist?
Angefühlt hat es sich wie eine Ewigkeit. Ich habe mir innerlich gedacht: Wann hört das endlich auf? Aber effektiv dauerte es nur etwa eine halbe Minute. Von der Distanz waren das ungefähr 750 Meter.

Was ging Ihnen währenddessen durch den Kopf?
Es hört sich abgedroschen an, aber das Leben ist wie ein Zeitraffer an mir vorbeigerast.

Hatten Sie Angst?
Währenddessen gar nicht, erst als die Lawine zum Stehen kam. Ich habe mich gefragt, wo die anderen waren. Ob ihnen etwas passiert war. Deswegen hat mich die Panik gepackt.

Was geschah dann?
Ich habe geschrieen wie verrückt. So stark, dass mir die Kehle weh hat. Aber der Schnee dämpft ja die Lautstärke stark.

War Ihr Kopf unter der Schneeoberfläche?
Als ich den Schnee mit Kopfschütteln etwas loswerden konnte und ihn ausgespuckt hatte, merkte ich, dass ich gerade herausschauen und atmen konnte. Aber mein restlicher Körper war im festen Schnee wie einbetoniert. Das war ein wahnsinniges Gefühl. Ich habe trotzdem mit Armen und Beinen versucht, mich zu bewegen. Dadurch habe ich mir meine Bänder überdehnt. Zum Glück meine einzige Verletzung.

Wann kam Hilfe?
Als ich erfasst wurde, wurden meine Skier sofort weggerissen. Mein Kollege konnte aus der Lawine herausfahren. Zum Glück. Er war schnell bei mir und grub mich mit den Händen aus.

Was passierte mit Ihrem Bruder?
Er wurde auf der anderen Seite der Lawine mitgerissen, wo es felsig war. Wie durch ein Wunder kam er nur mit ein paar Prellungen davon. Dafür waren seine Skischuhe in der Mitte durchgebrochen und die Skis stark verbogen.

Und dann?
Wir wurden von der Rega mit einem Heli abgeholt und ins Spital gebracht. Ich hab dauernd gedacht, warum das Ganze. Mir fehlte doch nichts. Als ich im Spital ankam und warme Decken bekam, liess das Adrenalin nach und ich schlotterte und zitterte heftig. Ich stand unter Schock. So gefroren habe ich nie in meinem Leben.

Wie gehen Sie mit dem Ereignis um?
Der Unfall kommt einem immer wieder ins Bewusstsein. Auch nach bald zehn Jahren ist es immer noch so, als wäre es gestern gewesen. Ich möchte das Ereignis auch nicht verdrängen. Es gehört zu meinem Leben. Mir ist aber sehr klar, dass wir drei unglaubliches Glück gehabt haben. Wie durch ein Wunder ist uns nichts Schlimmeres zugestossen.

Gehen Sie heute wieder in die Berge?
Es hat eine Saison gebraucht, bis ich wieder auf die Tourenski gestiegen bin. Aber ich bin ein begeisterter Tourengänger und Naturmensch. Ich liebe es, mich in der Natur zu bewegen. Nach wie vor. Wir machen wieder an die 20 Touren pro Saison.

Hat die Lawine Ihr Verhalten verändert?
Ja, wir bereiten uns noch sorgfältiger vor. Wenn wir im Gelände sind und merken, dass etwas nicht 100-prozentig sauber ist, gehen wir einen ungefährlicheren Weg. Auch passen wir unser Tagesziel gegebenenfalls der jeweiligen Situation an. Ich muss nicht mehr immer auf dem Gipfel gewesen sein. Ein Nebengipfel ist auch schön. Und zur Not kehren wir auch mal ganz um.

Haben Sie Alpträume?
Nein, das nicht. Aber wenn ich in den Bergen bin und ein dumpfes Geräusch höre wie zum Beispiel das Grollen eines Flugzeugmotors in der Ferne zucke ich jedes Mal zusammen. So ähnlich tönte nämlich auch unsere Lawine.

6 Tipps

Für mehr Sicherheit auf Touren

  1. Orientieren Sie sich, bevor Sie ins Gelände gehen, ausführlich über die Wetter- und Lawinensituation!
  2. Schnallen Sie sich Ihr Lawinenverschütteten-Suchgerät (LVS) um und stellen Sie es auf SENDEN. Vergessen Sie nicht, Lawinenschaufel und Lawinensonde in Ihren Rucksack zu packen.
  3. Sind Sie unterwegs, beurteilen Sie laufend die Lage neu und passen Sie Ihre Ziele den Gegebenheiten an, die Sie vorfinden.
  4. Umgehen Sie im Gelände frische Triebschneeansammlungen. Dabei handelt es sich um Schnee, der durch Wind verfrachtet wurde.
  5. Befahren Sie Schlüsselstellen und extreme Steilhänge nur einzeln.
  6. Beachten Sie vor allem im Frühjahr die tageszeitliche Erwärmung. Je wärmer es wird, desto höher ist das Risiko.

Lawinenschutz

Coop Patenschaft für Berggebiete: Lawinenschutz in Engelberg

Im Frühjahr muss auf Alpen und Wanderwegen jeweils jenes Geröll weggeräumt werden, das von Lawinen stammt. So auch in der Gemeinde Engelberg OW und im Ski- und Wandergebiet Brunni. Hier hat die Coop Patenschaft für Berggebiete das Lawinenschutzprojekt Sitenwald ins Leben gerufen. Im letzten Jahr hat Coop Bau+Hobby das Projekt unterstützt, indem der Bau- und Heimwerkermarkt während vier Monaten von jedem verkauften Produkt aus Schweizer Holz 15 Rappen an die Coop Patenschaft spendete. Mit dem Gesamterlös von über 150000 Franken werden auf einer Fläche von 5600 m2 insgesamt 950 Lawinenschutz-vorrichtungen aus Schweizer Kastanie gebaut. Als Schutzwald werden in diesem und im nächsten Jahr rund 5000 Fichten gepflanzt. 2016 hat die Coop Patenschaft für Berggebiete 145 Selbsthilfeprojekte unterstützt, die dazu beitragen, die Bergregionen zu stärken. Insgesamt hat sie im vergangenen Jahr rund 5,8 Millionen Franken für Projekte zur Selbsthilfe eingesetzt.

www.coop.ch/patenschaft

App

White-Risk-APP: Für Tourengänger und Freerider

Wer sich abseits gesicherter Pisten aufhält, für den ist die App White Risk eine ideale Plattform zur Lawinenkunde und Unfallprävention. Sie informiert über die aktuelle Schnee- und Lawinensituation in der Schweiz. Zudem bietet sie Hintergrundwissen zur Beurteilung der Lawinengefahr. Verschiedene Tools helfen, die Lage im Gelände zu analysieren. Welche Hänge begangen werden dürfen, muss aber selber entschieden werden.

Für iPhone und Android: www.whiterisk.ch Mehr Infos unter: www.slf.ch