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Museum im Wandel

Sie sind allseits beliebt, Einheimische besuchen sie ebenso gerne wie Touristen. Doch was können die Schweizer Museen tun, damit dies auch in einer digitalisierten Welt so bleibt?

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Christoph Kaminski, Mara Truog, Tobias Sienrecht, Samuel Mühleisen, Marcel Burkhardt, zVg
06. Februar 2017

Direktor Martin Bütikofer hat allen Grund zur Freude: Das Verkehrshaus in Luzern war letztes Jahr einmal mehr das meistbesuchte Museum der Schweiz.


Innovation

Der kleine Junge ist begeistert von der grossen Loki, stolz posiert er vor dem schwarzen Elefant für Mamas Handyfoto. Auf dem Gleis gleich nebenan geht es Martin Bütikofer ganz ähnlich: Dem Verkehrshausdirektor und Enkel eines Lokführers ist das Krokodil der Rhätischen Bahn besonders ans Herz gewachsen. Sogleich nutzt er die Gelegenheit zum Austausch mit den Besuchern: Sie seien Touristen aus China, erzählt der Vater. Dass ihnen ein Museumsdirektor höchstpersönlich etwas über die Exponate erzählt, habe die Familie bisher noch nirgends erlebt.
Es ist enorm wichtig, dass wir auf die Menschen zugehen und ihnen unsere Ausstellungsstücke näherbringen, sagt Bütikofer später. Er redet von Storytelling und Emotionalisierung. Möchte, dass im Verkehrshaus der Schweiz Geschichten erzählt werden und Kinderaugen leuchten. Das Museumspersonal als aktive Gastgeber das ist einer der Ansätze, mit denen er seine Einrichtung fit machen will für die Zukunft.

Über 100 Jahre im See: Der Saurer-Schiffsmotor wurde erst Ende 2015 geborgen, erzählt Direktor Bütikofer.

Den Museen geht es gut

Eigentlich muss sich Bütikofer keine Sorgen machen, denn bei den Besucherzahlen ist das Verkehrshaus in Luzern seit Langem spitze: Mehr als eine halbe Million kamen im vergangenen Jahr. Allgemein sind die Museen in der Schweiz beliebt: Knapp 60 Prozent der Bevölkerung besuchen mindestens einmal im Jahr ein Museum, sagt die neuste PDF herunterladen . Damit liegt die Schweiz auch im Vergleich mit den europäischen Nachbarn in der Spitzengruppe. Thematisch reicht das Angebot hierzulande von international renommierten Kunsthäusern und den staatlichen Sammlungen des Schweizerischen Nationalmuseums bis zu Spezial- und Dorfmuseen. Statistisch gesehen hat jede zweite Gemeinde ein Museum. Mehr als 1100 sind es gemäss dem Verband der Museen der Schweiz (VMS). Dessen Präsidentin ist Gianna A. Mina, Direktorin des bundeseigenen Museo Vincenzo Vela in Ligornetto TI. Sie betont, dass in der Schweiz historisch gesehen viele Museen aus privaten Sammlungen hervorgegangen und heute oft von Vereinen also aktiven Mitgliedern der Bevölkerung getragen seien. In anderen Ländern hätten oft Herrscher oder zentralisierte Instanzen grössere Institutionen dieser Art initiiert. Bei uns gibt es dagegen eine sozusagen natürlich gewachsene Nähe zwischen den Museen und der Bevölkerung, sagt Mina. Zudem sei man bei der Vermittlung der Museumsinhalte fortschrittlich, auch in kleineren Einrichtungen.

Moderne Museumstechnik

Einen Audioguide, mit dem die Besucher durch die Sammlung geführt werden, gibt es heute in vielen Museen, oft mehrsprachig, wie im Schloss Chillon am Genfersee, der meistbesuchten Touristenattraktion der Schweiz. Ergänzende audiovisuelle Informationen zu den Exponaten sind ebenso fast Standard. Dabei kommen zunehmend auch interaktive Touchscreens zum Einsatz für die Besucher attraktiv, für ein Museum aber teuer: Eine Loki oder Exponate aus der Raumfahrt das fasziniert auch noch nach vielen Jahren. Aber die Präsentationstechnik veraltet sehr schnell, stellt Verkehrshausdirektor Bütikofer fest.

gibt es nicht umsonst

Gianna A. Mina, Präsidentin Verband der Museen Schweiz

Heute mache es einen grossen Anteil der Museumsarbeit aus, Geld aufzutreiben, sagt Ausstellungsmacher Tristan Kobler. Man sucht Sponsoren und Partner, um die Kosten einer Ausstellung zu teilen. Auch für Events öffnen Museen ihre Tore. VMS-Präsidentin Gianna A. Mina sieht darin nichts Verwerfliches: Wenn ein Museum dabei seine Kernaufgaben in Forschung und Vermittlung nicht vergisst, ist das doch gut! Es gebe innovative und intelligente Möglichkeiten, um auf hohe Besucherzahlen angelegte Ausstellungen zu machen. Darüber dürfe man aber nicht die anderen Aspekte der Museumsarbeit vernachlässigen, mahnt die Verbandspräsidentin.

Das Staunen ist nicht durch Digitaltechnik zu ersetzen.»

Gianna A. Mina

Beim Publikum beliebte Events sind die Museumsnächte, die seit einigen Jahren in vielen Schweizer Städten und Regionen stattfinden. So wurden an der 17. Basler Museumsnacht vor zwei Wochen in den 37 beteiligten Museen und Kulturinstitutionen 95500 Eintritte gezählt trotz extrem frostiger Temperaturen kaum weniger als im Vorjahr.

Eine neue Generation

Ferdinand Hodler, Selbstbildnis mit Stehkragen, 1879. Mit Deep Zoom werden kleinste Details erkennbar.

Doch bekommt man auch die digital natives ins Museum? Lässt sich eine Generation, die mit Youtube-Videos und Twitter-Nachrichten aufgewachsen ist, noch für unbewegte Objekte begeistern und für Texte mit mehr als 140 Zeichen Länge? Schliesslich wird bereits heute Erstaunliches im Internet geboten. So machen zum Beispiel Museen aus aller Welt Teile ihrer Bestände via Google Arts&Culture zugänglich. Und dank des Einsatzes von Microsoft Deep Zoom lassen sich am heimischen Bildschirm auf Ferdinand Hodlers Selbstbildnis mit Stehkragen Details ausmachen, für die man bei einem Besuch im Winterthurer Museum Oskar Reinhart so dicht an das Gemälde herantreten müsste, dass schnell einmal das Aufsichtspersonal aufgeschreckt würde.

Der magische Moment

Für das virtuelle Museum spricht zudem die Möglichkeit, auf diese Weise Kulturgüter zu erhalten. Oder besser gesagt: ihr digitales Abbild. Als vor acht Jahren in Köln das Stadtarchiv beim Bau einer neuen U-Bahnlinie im Boden versank, verschwanden viele dort archivierte Kunstschätze sie sind unwiederbringlich verloren, da sie noch nicht digitalisiert waren.
Auch einige Schweizer Museen sind in der Netzwelt angekommen sie bieten unter der Federführung des VMS über die Plattform museums-online.ch Zugriff auf ihre Bestände. Allerdings sei nicht jede Sammlung zur Digitalisierung geeignet, erklärt die VMS-Präsidentin. Den erleichterten Zugang zum Museum via Internet sieht Gianna A. Mina durchaus positiv als ein Element der Demokratisierung der Kultur. Der Moment des Staunens vor dem Originalobjekt ist aber nicht durch Digitaltechnik zu ersetzen, sagt sie. Und darum plädiert sie dafür, in jedes Museum zu gehen, das einem auf dem Weg begegnet, und sei es auch noch so klein: Wenn man offen hineingeht und bereit ist für Neues, dann springt der Funke über. Und das macht süchtig!


Als offizieller Partner bietet Coop vergünstigte Tickets für das Verkehrshaus der Schweiz: Wer im Coop-Hello-Family-Club ist, hat 20 Prozent Rabatt auf alle Eintritte. Mit der Captain Coop-App können Familien zudem das Verkehrshaus spielend entdecken.

Museen

Ausgewählte Museen - anders als andere

Gelehrter Sammler

Europas erstes öffentliches Museum geht auf Basilius Amerbach (15331591) zurück. Seine Sammlung wurde 1661 von Stadt und Universität Basel gekauft. Der Münzkasten steht heute im Historischen Museum Basel.



Nationalmuseum

Wie im Château de Prangins und im Forum Schweizer Geschichte Schwyz, steht beim Landesmuseum Zürich die Geschichte der Schweiz im Zentrum. Im vergangenen Jahr wurde der Erweiterungsbau eröffnet.



Private Stiftung

Das Freilichtmuseum Ballenberg ob Brienz erhält historische Bauten aus allen Landesteilen, die samt Inventar hier wieder aufgerichtet wurden. Ländliche Traditionen und alte Berufe sind ebenfalls zu erleben.



Ausgegraben

In Hauterive am Neuenburgersee steht das grösste Archäologiemuseum der Schweiz. Vom Europarat ausgezeichnet, präsentiert das Laténium 50000 Jahre Geschichte von der Steinzeit bis ins Mittelalter.



Natur und Umwelt

Das Naturama in Aarau zeigt exemplarisch, wie sich eine naturkundliche Sammlung mit Wurzeln im 19.Jahrhundert in ein Erlebnismuseum verwandeln kann, in dem Kinder spielerisch und mit Begeisterung lernen.



Menschlichkeit

Von Henry Dunant bis zur Gegenwart das Internationale Rotkreuz- und Rothalbmondmuseum in Genf zeigt, wie Menschen für eine gerechtere Welt kämpfen. 2015 gab es dafür den Europäischen Museumspreis.



Industrielles Erbe

Zum Erfolg der St.Galler Spitze haben auch die Mustersammlungen der Fabrikanten beigetragen. Bewahrt wird die Tradition im Textilmuseum, das für seine ambitionierten Zukunftspläne auf Bundesmittel hofft.



Heimatverbunden

Das Museum Burg Zug, nominiert für den Europäischen Museumspreis EMYA 2017, bewahrt die Kulturgeschichte von Stadt und Kanton, so auch diese Gerätschaften einer alten Schuhmacherwerkstatt.



Besucherzentrum

Gleich zwei EMYA-Bewerbungen kommen aus Sempach, das Rathausmuseum und das Besucherzentrum der Vogelwarte. Das Modell macht erlebbar, wie sich ein frisch geschlüpftes Küken im Nest fühlt.



Digital und Weltweit

Bei Google Arts&Culture finden sich neun Schweizer Partner, wie das Olympische Museum Lausanne oder das Kunsthaus Zürich. Und das Basler Museum für Pferdestärken, 2016 geschlossen, lebt hier noch weiter.



Museumsland Schweiz

Informationen aus erster Hand

Der Verband der Museen der Schweiz VMS stellt im Schweizer Museumsführer mehr als 1100 Museen, Sammlungen und Ausstellungsorte vor. Neben der gedruckten Version gibt es ihn auch online. Mit der Gratis-App für iOS und Android lässt sich die Vielfalt der Museumslandschaft auch unterwegs per Smartphone entdecken. Neben einer Suchfunktion bietet die App Infos wie Adresse, Anreise und Öffnungszeiten oder Hinweise auf familien- und kinderfreundliche Angebote.

www.museums.ch/app

Interview

Wie die Besucher eine Ausstellung erleben, hängt nicht nur von den Exponaten ab, sondern vor allem von der Art, wie diese in Szene gesetzt sind. Das Zürcher Büro Holzer Kobler Architekturen ist international gefragt. Aktuelle Beispiele: Bourbaki Panorama Luzern oder Gedenkstätte Buchenwald in Thüringen.

Tristan Kobler, Architekt und Szenograf

Was bedeutet die Digitalisierung für die Zukunft der Museen?
Das Internet macht den Zugang zu Informationen einfach aber wer filtert sie? Die Debatte um Fake News zeigt: Wir wissen weniger denn je, was richtig ist und was falsch. Das Internet ist gesichtslos, anonym. Museen und Kuratoren exponieren dagegen Objekte, Geschichten und ihre Haltung öffentlich, stehen mit ihrem Namen dahinter. Digitalisierung kann Museen in Raum und Wirkung erweitern, aber Innovation und Kreativität in Denken und Handeln nicht ersetzen.

Warum ist diese Filterfunktion, das Kuratieren einer Ausstellung, so wichtig?
Ich sehe es als eine Riesenchance, etwas unter einem bestimmten Gesichtspunkt betrachten zu können und nicht einfach mehrheitsfähig sein zu müssen. Ähnlich wie im Theater, kann ich im Museum das Publikum für ein bis zwei Stunden verführen, in einem hoch konstruierten Raum Dinge und Botschaften zeigen, die ich unter dem gewählten Gesichtspunkt zueinander in Beziehung setze. Es ist eine Art Denkspiel.

Wie bekommen Sie die Besucher dazu, dass sie sich auf dieses Spiel einlassen?
Die Inszenierung soll die Besucher mit Geschichten anfixen. Die Ausstellung muss die Tiefe eines Themas erkennen lassen und unbedingt begeistern. Wenn sie sich auf ein Thema einlassen, werden die Besucher mit ihrem eigenen Wissen, das viel weitergeht als das gezeigte, Teil der Ausstellung. Gerade darum halte ich es für den falschen Ansatz, allzu sehr zu vereinfachen oder zu belehren. Reine Unterhaltung oder eine Überdosis von superteuren Installationen können die Beziehung der Museumsbesucher zum Objekt und die Ausstellung als Bewegungsort nicht ersetzen. Oberflächlichkeit lässt sich weder mit Geld noch mit Medien wettmachen.

Helfen dabei Apps und andere Gadgets?
Ich weiss nicht, ob es auf Dauer funktioniert, das Museum zum Spielplatz zu machen. Virtual-Reality-Brillen werden sich wohl in den nächsten Jahren so massiv ausbreiten, dass ein Museum kaum mithalten kann. Darum ist eine gute Geschichte und ihre präzise Darstellung nachhaltiger als Technik mit Halbwertszeiten von unter einem Jahr. Ich beobachte gerne Menschen, wie sie beim Einkaufen auf die oft ausgeklügelten Präsentationen reagieren. Wenn ich sehe, wie etwa Früchte und Gemüse im Coop präsentiert sind, dann ist das sehr durchdacht, erprobt und verführerisch. Und genau diese Verführung brauche ich auch im Museum.