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Vertikale: die Strasse der Extreme

Wir wagen uns mit Chauffeur Antoine Dessimoz auf die eindrucksvollste Strecke, die von einem Postauto befahren wird.

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Olivier Maire
02. Oktober 2017

Derborence

Chauffeur Antoine Dessimoz befördert nicht nur Passagiere, sondern auch Waren für die Restaurants hoch zu Berg.

Mit strahlendem Lächeln begrüsst uns Antoine Dessimoz. Wir befinden uns oberhalb von Conthey VS, wo der Bus steht, der uns nach Derborence bringen soll. Untadeliges Gilet, Krawattennadel in Postautoform und Bundfaltenhose: Antoine Dessimoz ist bereit, sich auf die Route zu begeben, die er seit seiner Kindheit kennt. Er arbeitet seit 13 Jahren bei Postauto. Davor war er als Lastwagenfahrer auf den Strassen in der Schweiz und in Italien unterwegs. Das passte mir gut, denn ich bin ein Einzelgänger. Ich hätte nie gedacht, dass ich eines Tages Buschauffeur werden würde. Aber ich geniesse es, vor allem den Kontakt zu den Menschen, erklärt der 53-jährige Buschauffeur. Er rückt die Sonnenbrille zurecht und startet den Motor des gelben Busses.

Bevor es so richtig losgeht, halten wir bei der Post, am Zeitungsladen und dann beim Lebensmittelhändler des Dorfes. Wir bringen den Menschen, die den Sommer dort oben verbringen, Post und Zeitungen und den beiden Restaurants Brot, Salat und Frischprodukte. Manchmal werden wir auch um Medikamente gebeten.

Einige Minuten hinter dem Dorf betätigt der Buschauffeur mit dem Fuss das berühmte Dreiklanghorn: Tü-ta-to! Der Bus biegt um eine 90-Grad-Kurve, umfährt einen Bergkamm und befindet sich plötzlich mitten auf einem senkrechten Felsen, der 400 Meter unter uns in den Fluss Lizerne eintaucht. An manchen Stellen befindet sich kaum ein Meter Boden zwischen den linken Rädern des Busses und dem Nichts. Auf der anderen Seite des Hohlwegs schlängeln sich lange, graue Granitwände bis auf den Boden des Abgrunds. Doch diese atemberaubende Kulisse scheint Antoine Dessimoz nicht zu beeindrucken. Zum Glück! Wir Chauffeure sind daran gewöhnt. Manchen Fahrgästen wird schwindlig und sie setzen sich auf einen anderen Platz. Aber es ist noch nie jemandem schlecht geworden, erzählt er.

Öffnungen für die Kühe

Ich bin auch ein Pöstler: Antoine Dessimoz ist viel mehr als einfach nur ein Buschauffeur.

Ein Blick zurück: Weisse Alpengipfel strecken sich in einen unerhört blauen Himmel. Vorne tut sich im Berg ein schwarzer Schlund auf: der Eingang zu den Tunneln, welche die Einwohner der Region 1951 unter Einsatz ihres Lebens gegraben haben. Vor Beginn der Arbeiten hatte der Präsident der Gemeinde herausgehandelt, dass Öffnungen in die Tunnel eingelassen werden, damit die Kühe sich hindurchtrauen, erklärt Dessimoz. Und: Sie sollten die Kühe im Frühling und Herbst einmal erleben! Der Klang ihrer Glocken schallt von den Wänden wider und jagt ihnen Angst ein. Sie durchqueren die Tunnel im Galopp!

Ich hätte nie gedacht, dass ich Buschauffeur werden würde.»

Antoine Dessimoz (53), Chauffeur auf der Derborence-Linie

Schon hat der Tunnel den Autobus verschluckt. Antoine Dessimoz steuert sein Fahrzeug mit sicherer Hand zwischen den grauen Tunnelwänden hindurch, die nur wenige Zentimeter von den Fenstern entfernt vorbeigleiten. Wir Chauffeure nutzen Orientierungshilfen, zum Beispiel die Aussenspiegel. Und jeder Chauffeur hat einen festen Bus, an den er gewöhnt ist. Nur ganz selten gibt es mal einen Zwischenfall. Das grösste Problem sind sowieso die anderen: Zwei Fahrzeuge können hier unmöglich aneinander vorbeifahren. Das geht ausschliesslich an den wenigen Ausweichstellen, von denen aber nur die Einheimischen auswendig wissen, wo sie sich befinden. Seit der Eröffnung der Strasse im Jahr 1957 werden viele Anekdoten erzählt: Es kommt oft vor, dass wir Chauffeure aus dem Bus steigen und eigenhändig ein Auto zurücksetzen, dessen eingeschüchterter Fahrer sich das nicht mehr traut. Und alle erinnern sich noch an den rechts gesteuerten englischen Bus, den sie ins Tal hinuntersteuern mussten, weil dessen Chauffeur zu grosse Angst hatte.

Seit diesem Jahr gibt es eine Verkehrsampel. Die Buschauffeure können einen Code auf ihrem Telefon wählen und die Ampel dadurch auf Rot schalten. So müssen die Autos rund 15 Minuten warten, bis der Bus vorbeigefahren ist. Bedeutet die Ampel das Ende des berühmten Dreiklanghorns (s. Online-Beilage)? Nein, denn manchmal ist ein Auto schon unterwegs und andere bemerken die Ampel nicht.

Kreuzen unmöglich: Die imposante Strecke wurde 1957 eröffnet.

Nach diesem aufregenden Engpass legt Antoine Dessimoz an einem Briefkasten einen ersten Halt ein. Er wirft den Nouvelliste und einige Briefe hinein. Manchmal warten die Leute an der Strasse auf uns. Dann grüsst man sich und sie sagen, dass sie etwas brauchen. Zweiter Halt ist die Auberge du Godet. Die Gastwirtin nimmt die erwarteten Lebensmittel in Empfang. Danke, Antoine, sagt sie und lächelt ihm zu. Zurück im Bus gehts auf zum letzten Halt am Refuge du Lac. Der Bus fährt normalerweise um 9:10 Uhr in Sitten los und kommt um 10:11 Uhr in Derborence an. Dort hat es sich Antoine Dessimoz zur Angewohnheit gemacht, sich sofort zurückzuziehen und in der Stille eines kleinen Wohnwagens, der sich am Wald- rand versteckt, ein Nickerchen zu machen. Es ist nichts Besonderes, aber für mich ist es das Paradies, meint er lächelnd. Um 11:50 Uhr fährt er zurück nach Sitten. Nachmittags gibt es eine weitere Hin- und Rückfahrt.

Gefragte Linie

Denn anders, als man vielleicht denken könnte, ist diese touristische Linie anstrengender als normale Linien. Doch nicht wegen der Strasse, sondern wegen des Andrangs der Fahrgäste: Vor allem zu Beginn der Saison wird der Bus in Sitten von den Touristen geradezu gestürmt. Sie können sehr aufgeregt und fordernd sein. Damit muss man umgehen können. Das gleiche Bild dann auch in Derborence: Ich weiss nie, wie viele Fahrgäste dort einsteigen. Manchmal muss ein zweiter Bus kommen, damit alle zurückgebracht werden können, vor allem sonntags.

Trotz dieser Schwierigkeiten fährt er die Tour gern. Ist es denn weniger anstrengend zum Beispiel Schüler zu fahren? Auf jeden Fall! Seit es in allen Bussen WLAN gibt, sind die Kinder mucksmäuschenstill. Früher haben sie mehr herumgetobt

Atemberaubende Linien

Die höchste Linie

Die Stelvio-Linie verbindet das Münstertal (GR) mit dem italienischen Veltlin. Auf dem Stilfserjoch (2757 m) befindet sich die höchstgelegene Bushaltestelle der Schweiz. Ab Tirano bringt die Rhätische Bahn die Reisenden auf einer landschaftlich äusserst reizvollen Strecke zurück ins Oberengadin.

Linie 821, Müstair (GR)Tirano (I), 2 h 45, Juli bis Oktober.

Die steilste Linie

Von Reichenbach (BE) fährt das Postauto auf der steilsten Busstrecke Europas (Steigung bis zu 28 %) zur Griesalp im Kiental hinauf. Gegenüber bildet das Blüemlisalphorn eine imposante Kulisse. Entdecken Sie bei atemberaubenden Wanderungen die Schönheit dieser Landschaft.

Linie 220, ReichenbachKientalGriesalp, 45 min, Mai bis Oktober.

Die längste Linie

Ab Meiringen (BE) braucht der Bus 8 h 45, um die vier Alpenpässe Grimsel, Nufenen, Gotthard und Sustenpass zu überqueren und Sie wieder zurückzubringen. Dabei überwinden Sie insgesamt 10 366 Höhenmeter, ohne umzusteigen.

Linie 682, MeiringenGrimselNufenenGotthardSustenMeiringen, von Juni bis Oktober.

Interview

Daniel Landolf, CEO von Postauto

Welche Bedeutung haben die touristischen Linien für Postauto?
Freizeitreisende machen etwa einen Viertel unserer Postautofahrten aus. Die ungefähr 50 touristischen Linien sind saisonal. Sie gehören zur Schweiz und sind wichtig für einheimische Ausflügler und für Touristen aus aller Welt.

Wer entscheidet über das Linienangebot von Postauto?
Es sind in erster Linie die Kantone, die das Angebot im öffentlichen Verkehr definieren und zusammen mit dem Bund auch finanzieren. Beim Linienverkehr entscheidet also die öffentliche Hand und Postauto fährt in deren Auftrag. Bei den rein touristischen Linien, die keine Abgeltungen der öffentlichen Hand erhalten und die wir selber finanzieren, können wir hingegen selber über das Angebot entscheiden.

Welche Linien mögen Sie persönlich am liebsten?
Keine spezielle. Aber die Postauto-Linien rund ums UNESCO-Welterbe Jungfrau- Aletsch, die touristischen Perlen in Graubünden und last but not least die Zentralalpen-Pässe sind alles wunderbare touristische Erlebnisse.

Posthorn

Die berühmte, lautstarke Hupe der Postautos ist unverkennbar. Porträt eines Instruments mit drei Tönen und einer Lautstärke von über 100 Dezibel.

Tü-ta-to »

Es geht um viel mehr als eine Hupe das Posthorn gehört fast zum Schweizer Nationalerbe. Wohl jeder erinnert sich an Ausflüge als Kind, zu denen das charakteristische Tuten des Posthorns untrennbar dazugehörte. Seine Funktion: Es soll entgegenkommende Fahrzeuge warnen. Der Hersteller des Horns, Moser-Baer in Sumiswald im Emmental (BE), stattet etwa 700 Schweizer Postautos aus. Hier erzählt man sich, dass ein nach Australien ausgewanderter Schweizer einst ein Horn bestellte, um damit sein Heimweh zu stillen

Bevor die mit Druckluft betriebenen Modelle eingeführt wurden, die der Chauffeur mit dem Fuss bedient, kündigten die Postkutscher ihre Abfahrt und Ankunft an, indem sie in ein echtes Horn das aussieht wie eine um sich selbst gewickelte Trompete bliesen. Man brauchte schon eine gute Portion Geschick, um die Zügel zu halten und gleichzeitig das Horn erschallen zu lassen. Und damit nicht genug: Man musste die Töne des A-Dur-Dreiklangs treffen A, Cis, E , die auch heute noch zum Einsatz kommen. Wobei früher mit dem Horn auch andere Klänge gespielt wurden, an denen sich zum Beispiel erkennen liess, wie viele Wagen oder Pferde angespannt waren.

Das heutige Dreiklanghorn wurde zunächst in Frankreich erfunden und hergestellt. 1924 wurde es zum ersten Mal an einem Postauto angebracht. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird es ausschliesslich in der Schweiz produziert. Seine 100 Dezibel entsprechen einem Presslufthammer. Sie sind notwendig, damit man den Bus auf engen Strassen schon von Weitem hört. Theoretisch dürfen die Chauffeure das Horn nur auf Bergstrassen betätigen, die mit einem gelben Horn auf blauem Grund beschildert sind. Aber niemand weiss heute, wie viele solcher Strassen es in der Schweiz gibt. Denn die Beschilderung ist seit 1992 Sache der Kantone. Und es existiert nirgends ein Register.