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Das Sessa-Gold

Bis in die 50er-Jahre wurde im Malcantone TI eine der grössten Goldminen der Schweiz betrieben. Nach jahrelangen Restaurationsarbeiten präsentiert sie sich nun der Öffentlichkeit und erzählt ein Kapitel Geschichte, das nur wenige kennen.

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Sandro Mahler
18. Juni 2018

Gold oder Pyrit? Das müssen die Experten entscheiden. Giuliano Zanetti zeigt einen der beiden gefundenen, intakten Förderwagen. Giuliano Zanetti an der Stollenkreuzung. Die Holzleiter führt zur unteren Ebene (für die Öffentlichkeit gesperrt). Rekonstruktion der Mine von aussen.

 

Der Mineneingang

Es gibt nur wenige Aufzeichnungen und die Bergleute, die hier gearbeitet hatten, redeten nur ungern über die Mine, erzählt Giuliano Zanetti (60), Vizepräsident der Associazione Miniera dOro di Sessa. Doch eines ist klar: Das Tessin wirkte Mitte des 19. Jahrhunderts auf Goldgräber ähnlich anziehend wie der Klondike. Nachdem das begehrte Edelmetall entdeckt worden war, erlebte das Malcantone einen veritablen Goldrausch.

In den knapp hundert Jahren, während derer die Mine von Sessa betrieben wurde, sicherte sie Dutzenden von Bergleuten einen Arbeitsplatz. Genaue Zahlen gibt es nicht. Auch nicht über die Menge des geförderten Goldes. Immerhin, Schätzungen besagen, dass hier nach Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur endgültigen Stilllegung 1952 rund eine halbe Tonne Gold im Wert von zwei Millionen Franken gefördert wurde.

 

Tausende Stunden Fronarbeit

 

Zanettis Verein begann vor mehreren Jahren mit der Restaurierung der Mine und der Erforschung ihrer Geschichte. Ich interessiere mich für die Mine seit meiner Kindheit. Damals besuchte ich sie heimlich, obwohl der Eingang gesprengt worden war, damit die Mine nicht betreten werden konnte. Zanetti fand trotzdem einen Weg und neben ihm noch andere neugierige, waghalsige Jugendliche aus der Gegend.

Dieses Interesse blieb bis ins Erwachsenenalter bestehen: Der Wunsch, mehr zu erfahren, verleitete Zanetti und seine Weggefährten zur Idee, die Mine öffentlich zugänglich zu machen. Mehrere Jahre lang arbeiteten sie an ihrem Projekt. Sie investierten 4800 Stunden freiwillige Arbeit und gut eine halbe Million Franken: für Sicherheitsmassnahmen, Beleuchtung der Stollen, Pumpsysteme, die Einrichtung eines Besucherzentrums und die Erforschung der Geschichte und geologischen Gegebenheiten. Nun ist die in vielerlei Hinsicht immer noch geheimnisumwobene Mine dem Publikum zugänglich. Zeit für einen Besuch.

Wir betreten den 375 Meter langen Hauptgang, der als einziger begehbar ist. Über uns befindet sich eine weitere Ebene, unter uns noch einmal zwei oder drei: Insgesamt sind Stollen mit einer Gesamtlänge von rund zwei Kilometern bekannt.

In den 30er-Jahren lief die Mine gut, vermutet Zanetti. Die Kumpels selektierten das Gestein, zerkleinerten und behandelten es chemisch. Per Bahn gelangte es in der Folge nach Belgien. Erst dort wurde das Gold aus dem Gestein extrahiert. Doch dann kam der Krieg, die Arbeiten ruhten und wurden erst danach wieder aufgenommen bis zu ihrem endgültigen Ende 1952. Nach dem Einbruch des Goldpreises war der Abbau nicht mehr profitabel, weiss Giuliano Zanetti.

Geheimnisvolle Atmosphäre

Wir betrachten die Holzleiter, die zu einem unter uns befindlichen Stollen führt, sowie die Durchgänge zu der oberen Ebene, die zahlreichen Haken für die Seilrollen und die Laternen, die Lüftungsschächte. Alte Pfeiler aus Kastanienholz als Stützen. Es scheint, die Mine sei in grosser Eile verlassen worden. Die Gleise für den Transport des ausgebrochenen Gesteins sind immer noch vorhanden, ebenso zwei Förderwagen allerdings vollkommen verrostet. Eine geheimnisvolle Stimmung.

Heute ist der Stollen beleuchtet und man kann sich ein Bild davon machen, unter welchen Bedingungen die Bergleute arbeiten mussten. Wir schätzen, dass sie ungefähr 50 bis 60 Zentimeter tief graben mussten, bis sie auf eine Goldader stiessen.

Anfangs gab es hier noch keinen Strom. Um vorzustossen, verwendete man Spitzhacken und Dynamitkerzen es sind noch mehrere Stellen erkennbar, an welchen die Sprengkörper positioniert waren. Eine gefährliche Arbeit. Uns ist bekannt, dass sich 1874 ein Unfall ereignete, bei dem zwei Bergleute zu Tode kamen, erzählt Zanetti, während wir uns in die Tiefen des Stollens vorwagen.

Verschiedene, gut erkennbare Gesteinsformationen erzählen die tektonische Geschichte des Bergs und verraten, wie die Goldadern entstanden sind. Hier und dort findet man kleine Stalaktite, und je weiter wir vordringen, desto häufiger erblicken wir glitzernde Stellen im Gestein: Das ist Pyrit, auch als Katzengold bekannt, dämpft Zanetti die in uns aufsteigenden Hoffnungen. Hier dürfe man auch gar nicht nach Gold graben, sagt er, uns stünde es jedoch frei, unser Glück am Flüsschen Lisora zu versuchen. Sein Name ist vielversprechend: oro, italienisch für Gold. Alles bereit für einen neuen Goldrausch?

Die Holzleiter führt zur unteren Ebene (für die Öffentlichkeit gesperrt).

Rekonstruktion der Mine von aussen.

Wissenswertes - La Miniera dOro in Sessa

Geschichte: Das Malcantone ist ein Teil des Bezirks Lugano TI und reich an Mineralien. Bereits im 18. Jahrhundert soll hier nach Gold, Silber, Eisen und Blei gegraben worden sein. Geordnete Haufen aus Pflastersteinen an den Dämmen des Flusses Lisora deuten darauf hin, dass sogar schon die Römer hier auf Goldsuche waren.

Zahlen: Das unterirdische Labyrinth der Miniera dOro ist rund zwei Kilometer lang und liegt auf fünf Stockwerken. In zweijähriger Arbeit wurden nun 375 Meter dieser Stollen restauriert und für Besucher zugänglich gemacht.

Besuch: Der Besuch der Mine ist ausschliesslich im Rahmen geführter Touren nach vorheriger (Online-) Anmeldung möglich. Erwachsene zahlen 15 Franken Eintritt, Kinder zwischen 6 und 15 Jahren 8 Franken und für die ganz Kleinen ist der Besuch gratis. Die Temperatur in der Mine beträgt ganzjährig 1112 C und es tropft von der Decke. Entsprechend warme Kleidung und festes Schuhwerk sind empfohlen.

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