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Die Kraft der Pferde

Ex Anima, die neuste Kreation des Pferdetheaters Zingaro, ist eine Hommage an eines der schönsten Tiere, mit dem der Mensch je in Berührung kam. Eine Ode an das Pferd.

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Marion Tubiana
09. April 2018
Insgesamt 36 Pferde kommen bei Ex Anima auf der Bühne zum Einsatz ganz ohne Reiter. In diesem Spektakel verschwimmt die Grenze zwischen Natur und Dressur.

Insgesamt 36 Pferde kommen bei Ex Anima auf der Bühne zum Einsatz ganz ohne Reiter. In diesem Spektakel verschwimmt die Grenze zwischen Natur und Dressur.


Langsam wird das Licht runtergefahren, im Publikum kehrt Stille ein. Da kann man sie im Halbdunkel schon erkennen, die Stars dieses Theaters der etwas anderen Art: Vierzehn Pferde ohne Sattel, ohne Zügel, ohne Reiter bewegen sich wild durcheinander. Sie galoppieren, traben, schnauben, legen sich hin, rollen sich sogar auf den Rücken und strecken die Beine in die Luft. Neue Pferde kommen dazu, andere verlassen die Bühne.

Freiheit als Quintessenz

Ex Anima ist bereits die 15. Show des französischen Pferdetheaters Zingaro. Doch die neuste Kreation von Zingaro-Gründer Bartabas (60) lässt sich mit ihren Vorgängern schwer vergleichen. Denn dieses Mal sind alle Schauspieler vierbeinig und selbstständig. Zweibeiner sind bei dieser Kreation nur flüchtige Schatten.

Ich wollte die Pferde als wirkliche Akteure feiern, erklärt Bartabas. Ich wollte ein Ritual ohne Erinnerung zeigen, eine Zeremonie, in welcher sich der Zuschauer dabei ertappt, wie er das Pferd als Spiegel der Menschheit sieht. Denn für den Schaffer von Zingaro ist klar: Wir sind diejenigen, die uns an der Seite der Pferde entwickeln, nicht umgekehrt. Der Reiter sagt, er sei zum Schluss gekommen, dass die Quintessenz des Pferdes seine Freiheit sei und es deshalb reiterlos bleiben sollte.

Wölfe für den Krieg

Bartabas, Schaffer des Pferdetheaters Zingaro.

Manchmal erhalten die Pferde auch andere tierische Unterstützung. Der Erste Weltkrieg etwa wird dargestellt durch zwei Wölfe auf der Bühne. Die Kohleminen, die erhaben in die Luft wachsen, inszeniert das Pferd Angelo mit der Kraft des Schicksals dieser Kameraden einem Abstieg in die schwarze Hölle, aus der sie nie wieder auftauchen werden.

Insgesamt 36 Pferde stehen bei der Ex Anima auf der Bühne. Im Verlaufe des Spektakels wird es immer schwieriger, zu unterscheiden, was aus Instinkt heraus entsteht und was erlernt ist. Was wie Improvisation wirkt, brauchte in Wahrheit acht Monate Arbeit. Doch für den Zuschauer verschwimmt die Grenze zwischen Angeborenem und Andressiertem.

Trotz monatelangem Proben verspricht Bartabas, dass jede Vorführung von Ex Anima einzigartig ist. Es gibt keinen Abend, an dem die Zuschauer dasselbe zu sehen bekommen, so der Franzose. Denn das Eingreifen des Menschen ist auf ein Minimum reduziert. Jede Bewegung, jede Kadenz, jede Reaktion, die der Zuschauer in Symbiose mit den Pferden wahrnimmt, könnte sonst nicht so entstehen.

Zurück in Avenches

Zingaro macht mit seinen Spektakeln jeweils in der Schweiz halt. So auch dieses Jahr. Verschlug es das Pferdetheater meist in den Kanton Genf, steht dieses Mal wieder Avenches VD auf dem Programm, wo die Truppe schon vor ein paar Jahren einmal zu Gast war. Bartabas freut sich, wieder drei Wochen in der kleinen Gemeinde im Kanton Waadt präsent zu sein. Auch für die Pferde ist das eine willkommene Abwechslung. Für sie ist das wie Ferien, denn wir machen mit ihnen lange Spaziergänge. Die Umgebung sei dafür geradezu prädestiniert. Ausserdem können wir von den Einrichtungen des dort ansässigen Nationalen Reitinstituts profitieren.

Doch bei aller Vorfreude auf Avenches eine solche Reise hat es in sich. Bartabas und seine Crew reisen in ihren Wohnwagen, wie der Pferdeflüsterer verrät. In diesen Wohnwagen leben wir auch das ganze Jahr hindurch auf unserem Platz in Aubervilliers bei Paris. Hinzu kommen etwa 40 Pferde und das ganze benötigte Material, darunter Pferdeställe und ein vollständig demontierbares Vorführungszelt mit 1500 Plätzen. Dafür braucht es rund 20 Autoanhänger.


Hommage an seine Lehrmeister

Wie das Pferdetheater seinen Anfang nahm, was der Auslöser für diese Leidenschaft war, das kann Bartabas heute nicht mehr sagen. Mich interessieren Kino, Tanz, Musik, Klänge. Zingaro sei ein bisschen aus all jenem entstanden. Nachdem er sein halbes Leben mit ihnen verbracht hat, betrachtet der 60-Jährige Pferde heute als seine Lehrmeister, denen er mit seinem neusten Werk ein feinfühliges Denkmal setzt.

Wie es nach diesem Spektakel weitergehen wird, weiss Bartabas nicht. Ex Anima ist die ultimative Schöpfung, denn sie birgt 30 Jahre Beobachten, Verstehen, Überlegen und Interagieren bei und mit den Pferden. Was kann nach einem solchen Erfolg noch kommen?In diesem Spektakel verschwimmt die Grenze zwischen Natur und Dressur.

Avenches im Juni

Nicht verpassen: Coop präsentiert das Pferdetheater Ex Anima vom 8. Juni bis 1. Juli im Nationalen Reitinstitut Avenches.

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