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Die Villa mit Mehrbettzimmer

Über 53 Millionen Nächte hat das Schweizer Beherbergungswesen 2017 verbucht. Viele Gäste schliefen klassisch im Doppelzimmer. Aber nicht alle. Immer mehr zieht es in die Parahotellerie. Die wuchs 2017 um sieben Prozent.

FOTOS
Philipp Eyer, Thomas Compagno, Seraina Kunz
17. August 2018
Die Villa Edera in Auressio TI.

Die Villa Edera in Auressio TI.


Nein, ein Geheimtipp ist das Onsernonetal nicht mehr. Immerhin wussten schon der als Anarchist bekannt gewordene Michail Bakunin (1814–1876), der Historiker Golo Mann (1909–1994), Max Frisch (1911–1991) und der deutsche Schriftsteller Alfred Andersch (1914–1980) um die Schönheit des Gebietes. Sie alle zog es in die Abgeschiedenheit des Locarneser Seitentals, wo sie Stille und Inspiration suchten. Mike Keller (36) erwähnt sie gerne, diese «Influencer» aus dem 19. und 20. Jahrhundert, um damit das Onsernonetal zu bewerben. Keller will als Betreiber des Hostels «Villa Edera» in Auressio TI Leute ins Tal locken und sie so sehr von dessen Schönheit überzeugen, dass sie wiederkommen oder sogar bleiben. «Im Moment gibt es hier noch etwa 800 Einwohner, verteilt auf zehn Dörfer», sagt Keller. Dabei wäre das Tal ideal für junge Unternehmer, die dank der modernen Technologie ortsungebunden arbeiten können. «Arbeit und Freizeit wären dann ganz nah beisammen. Das ist ein grosser Standortvorteil unseres Tals.»

Die Lage der Villa Edera ist so idyllisch wie der Blick ins Onsernonetal, der sich hinter Mike Keller präsentiert.

Parahotellerie – schwer zu erfassen

Aber eigentlich ist Keller nicht Wirtschaftsförderer, sondern Hostelbetreiber. Das «s» ist wichtig, denn Hotelbetreiber wäre nichts für Keller. «Ich bin ein Hostel-Typ. Ich liebe den sozialen Austausch in dieser Art von Beherbergung und habe selber auch immer in Hostels oder als sogenannter Couchsurfer übernachtet. Es gibt ein grosses Segment von Gästen, die genau das suchen: den Kontakt und Austausch mit anderen.» Damit hat er wohl nicht unrecht. Die Hostels gehören zur sogenannten Parahotellerie, und die ist kräftig gewachsen. 2017 zählte sie in der Schweiz 15,9 Millionen Logiernächte, ein Plus von sieben Prozent gegenüber 2016, wie das Bundesamt für Statistik vor Kurzem mitteilte.

Zur Parahotellerie gehören alle Unterkunftsmöglichkeiten, die nicht der Definition «Hotel» entsprechen: Appartements, Alphütten, Bed & Breakfast, Berghütten, Campingplätze, Ferienhäuser, Ferienwohnungen, Hostels, Jugendherbergen, Bauernhofgüter, Naturfreundehäuser, Pensionen, Airbnb und so weiter.

Aber das ist noch nicht alles. Die Parahotellerie ist nicht gleich gut zu erfassen wie die Hotellerie. Vieles läuft hier unter dem Radar der Statistik, die nur die kommerziell bewirtschafteten Ferienwohnungen, Kollektivunterkünfte und Campingplätze erfasst. Zahlen zur gesamten Schweizer Parahotellerie wurden zuletzt 2003 im Rahmen einer umfassenden Erhebung ermittelt. Basierend auf diesen Zahlen und der Logiernächte-Entwicklung schätzt man das Volumen der ganzen Parahotellerie auf etwa 36,5 Millionen Logiernächte. Sie ist damit also etwa gleich gross wie die Hotellerie (37,4 Millionen Logiernächte). Den grössten Brocken innerhalb der Parahotellerie, etwa 25 Millionen Logiernächte, entfallen auf Ferienwohnungen. Das zeigt sich laut Dominic Keller (42), Leiter Markt Schweiz bei Schweiz Tourismus, auch in der Wertschöpfung. Etwa 60 Prozent der Parahotellerie-Gäste kommen mit weniger als 100 Franken pro Tag aus. Dagegen geben 60 Prozent der Hotelgäste pro Tag zwischen 100 und 300 Franken aus.

Die Villa Edera innen: durchgestylt und wohnlich.

Was die Parahotellerie-Betriebe unter anderem verbindet, sind die tieferen Kosten: Die Unterkünfte sind meist günstiger, bieten aber weniger oder gar keinen Service. Hostels zum Beispiel zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht primär Zimmer (Einzel- oder Doppelzimmer) vermieten, sondern einzelne Betten in Mehrbettzimmern. «Wir bieten dafür ganz viel anderes», sagt dazu Mike Keller. Der 36-Jährige betreibt sein Hostel mit Leib und Seele. Der mondäne Bau aus dem 19. Jahrhundert mit 30 Betten liegt inmitten einer grossen Gartenanlage mit freiem Blick ins Onsernonetal. «Hier findet der Gast Ruhe, Natur und viel Gemeinschaft», schwärmt Keller. Sein Hostel verfügt über zwei Einzel- und zwei Doppelzimmer sowie einen 6er-, einen 8er- und einen 10er-Schlafsaal. «Zu uns kommen Gäste, die andere Menschen kennenlernen wollen, nicht Hotel-Besucher, die sich ins Zimmer zurückziehen», sagt Keller. Dieses Bedürfnis habe natürlich nicht jede Generation gleich stark. «Unsere Gäste sind in der Regel zwischen 18 und 35 Jahre alt.»

Gäste nutzen das ganze Angebot

Auch andere Anbieter aus dem Bereich Parahotellerie suchen das besondere Etwas. Wer sich etwa auf der Website von Bed & Breakfast umsieht, findet Unterkünfte auf Bäumen und in Fässern. Auch die Zeltplätze bieten heute mehr als flache Rasenflächen für Zelte an, und die Jugendherbergen etwa sind heute moderne Hostelbetriebe mit Wellness- und Restaurationsangebot. Und anders als der Name andeutet, keineswegs nur für junge Backpacker.

Fünf der grösseren Anbieter der Schweizer Parahotellerie haben sich vor sechs Jahren organisiert. Fredi Gmür (59), CEO Schweizer Jugendherbergen, ist Präsident von Parahotellerie Schweiz. Er hält die Parahotellerie deshalb für unverzichtbar für die Schweiz, weil sie zusätzliche Unterkunftsmöglichkeiten anbietet und somit die Vielfalt an Beherbergungsformen erhöht. «Das entspricht einem Gästebedürfnis», meint Gmür, denn die Erholungssuchenden hätten sich zu Gästen entwickelt, die das gesamte Parahotellerie- und Hotelangebot nutzen. «Der Gast kann an einem Weekend eine Jugendherberge für einen Moutainbikeausflug mit Freunden buchen, an einem anderen Wochenende einen Campingplatz für ein Camperweekend mit der Familie oder ein Wellnesshotel für Erholung mit dem Partner.»

  

Hier können Sie buchen:

Parahotellerie Schweiz

Swiss Hostels

Schweizer Jugendherbergen

Schweizer Reisekasse Reka

TCS Camping

Bed and Breakfast

Interhome

Mike Kellers Hostel