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Gärten und Häuser von einst für heute

Die Gärten im Freilichtmuseum Ballenberg sind so interessant wie die Häuser selber. Zusammen ergibt das ein Gesamterlebnis der Schweizer Vergangenheit.

FOTOS
Peter Mosimann
02. Juli 2018

Der Ziergarten beim prachtvollen Bauernhaus aus Ostermundigen BE. Expertin Beatrice Tobler beim Gemüsegarten des Taglöhnerhauses aus Detligen BE. Blick auf die Felder, wo Getreide, Flachs und Kartoffeln angebaut werden. Unter dem mächtigen Walmdach des Madiswiler Hauses wird Flachs getrocknet. Noch ist der Flachs am Wachsen. Chefgärtnerin Marianne Eggenschwiler beim Arbeiten. Der Rebberg beim Weinbauernhaus aus Richterswil ZH. Im Garten des Hauses aus Villars-Bramard VD wachsen Artischocken. Das barocke Bauernhaus aus Ostermundigen BE mit prächtigem Garten. Bescheidener ist der Garten des Bauernhauses aus Adelboden. Zwei Spezialistinnen: Beatrice Tobler und Marianne Eggenschwiler.

 

Das Weinbauernhaus aus Richterswil ZH.

Wer kennt nicht die alten Bauernhäuser auf dem Ballenberg? Über 100 sind es schon. Doch achten Sie beim nächsten Besuch auf dem Areal oberhalb Brienz BE einmal auf die Gärten. Die sind nicht einfach angelegt, um ein bisschen Farbe auf die Waldlichtungen mit den Häusern zu bringen. Wie viel Überlegung und Sorgfalt hinter diesen Gärten und den Feldern mit den Nutzpflanzen steckt, ist auch dem Schweizer Heimatschutz aufgefallen. Er beehrt das Freilichtmuseum Ballenberg in Hofstetten bei Brienz mit dem Schulthess Gartenpreis 2018.

Nicht nur Wohlstandsgärten

Beatrice Tobler leitet die wissenschaftliche Abteilung auf dem Ballenberg. Die 50-jährige Volkskundlerin und ihr Team sorgen dafür, dass in und um die Häuser alles stimmig und richtig ist. Das betrifft die Inneneinrichtung, aber auch die Pflanzen und Gärten.

Angekommen beim Taglöhnerhaus von 1760, fällt Tobler auf, dass dort Konfitürengläser mit etwas zu neuen, farbigen Deckeln stehen. Oha, die gehören nicht hierhin, sagt sie und schüttelt schmunzelnd den Kopf. Der Garten hingegen ist goldrichtig. Beim Haus der armen Taglöhner ist kein Prachtsgarten angelegt, sondern ein bescheidener Gemüsegarten mit Saubohnen und Topinambur. Zum Überleben arbeiteten die Taglöhner auf den Höfen von Grossbauern. Diese pflanzten zwar auch Gemüse an, doch dieses ist umrahmt von eleganten Blumenrabatten wie etwa beim barocken Bauernhaus aus Ostermundigen von 1797. Unsere Besucher sollen vom Garten ablesen können, welcher Stand im Haus lebte, erklärt Beatrice Tobler.

Blick auf die Felder, wo Getreide, Flachs und Kartoffeln angebaut werden.

Unter dem mächtigen Walmdach des Madiswiler Hauses wird Flachs getrocknet.

Noch ist der Flachs am Wachsen.

Über den Winter kommen

Ein Gang auf dem Ballenberg erzählt auch von der einst so mühsamen Beschäftigung mit der Nahrungsbeschaffung und dem Anlegen von Wintervorräten. Gemüse kam in den Chabiskeller, Obst und Bohnen wurden gedörrt, Fleisch geräuchert. Wichtig sind zudem die regionalen Besonderheiten. Weisskohl, Kohlrabi oder Rüben kannte man schon früh in der ganzen Schweiz. Artischocken hingegen wachsen hier nur im Garten des Hauses aus Villars-Bramard VD, denn dieses Gemüse brachten die Hugenotten in die Schweiz; es war lange nur in der Romandie bekannt.

Der Emmentaler Zeitzeuge

In einem typischen Emmentaler Bauernhaus aus dem 17.Jahrhundert verbrachte der 1945 geborene Samuel Bähler in Eggiwil seine Kindheit. Er konnte dem Ballenberger Wissenschaftsteam berichten, wie eine Kleinbauernfamilie damals ohne Strom und fliessend Wasser lebte, wie die Stube eingerichtet war und was im Garten wuchs. So wählten wir im und ums Haus als Zeitschnitt das Jahr 1946, kurz bevor der Hof elektrifiziert wurde, sagt Tobler.

Nicht jedes Haus zeigt also die Einrichtung aus der Zeit seiner Erbauung. Im Fall des Wohnhauses aus Schwyz von 1336 wäre das schon deshalb nicht möglich, als kaum etwas übers damalige Wohnen bekannt ist. Doch einen kleinen Gemüsegarten haben die Ballenberg-Gärtnerinnen beim uralten Schwyzer Haus angelegt. Vier Frauen halten die 15 Ballenberg-Gärten in Schuss, sie pflanzen an, jäten, ernten und verarbeiten die Produkte. Immer im Juni wächst uns alles ein bisschen über den Kopf, verrät Chefgärtnerin Marianne Eggenschwiler (42) lachend. Doch sie liebt an ihrer Arbeit gerade deren Vielfalt.

Ballenberg - Landschaftstheater

Erleben Sie auf dem Ballenberg vom 4.Juli bis 18. August 2018 das Mundartdrama Steibruch Zrugg us Amerika mit Hanspeter Müller-Drossaart (62). Das von Coop unterstützte Stück spielt im fiktiven Friedlichwil in den 1950er-Jahren.

Mehr über das Landschaftstheater Ballenberg

Vom Flachs zum Leinenstoff

Was es mit dem Flachs für eine Bewandtnis hat, der nebst Getreide und Kartoffeln hier wächst, erzählt Chefgärtnerin Marianne Eggenschwiler. Flachs säen wir wie unsere Vorfahren immer am 100. Tag des Jahres an, nach 100 Stunden spriesst die Pflanze aus der Erde., nach weiteren 100 Tagen ziehen wir sie samt den Wurzeln aus dem Boden, sagt die 42-jährige Expertin. Nach diesem so genannten Raufen im August macht das Gartenteam Flachsbündel, welche es unter das mächtige Walmdach beim Madiswiler Haus zum Trocknen aufhängt. Es folgt das Riffeln, bei dem die Frauen auf dem Riffelbock die Flachssamen abstreifen. Im Spätsommer legen sie die Bündel zum Rotten auf einer Wiese aus. Durch Regen und Sonne beginnen sich die Flachsfasern dort vom Holz zu lösen. An der Brächete am 13. und 14. Oktober werden die Bündel erst auf dem Brechfeuer geröstet. Danach brechen die vier Frauen auf dem Brechbock das Holz endgültig aus den Flachsfasern heraus. Weil man alle diese Schritte an zwei Tagen sehen kann, ist die Brächete jedes Jahr eine richtig grosse Sache, berichtet strahlend Marianne Eggenschwiler.

Wie viel Mühe dann das Spinnen und Weben des Leinengarns verursacht, kann auf dem Ballenberg ebenfalls miterlebt werden. Aber wenigstens dafür sind nicht die vier fleissigen Gärtnerinnen zuständig.