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In der Krone läuft was

Der erste Baumwipfelpfad der Schweiz in Mogelsberg SG ist ein wahrer Besuchermagnet für das Toggenburg. Und ein Fest der Sinne.

FOTOS
Christian Bauer
18. Juni 2018

Ganz nah, aber gut geschützt. Der Personenzug fährt mit 200 km/h an den Besuchern hinter dem acht Zentimeter dicken Glas vorbei. Eine imposante Konstruktion: Der Baumwipfelpfad in Mogelsberg ist 500 Meter lang und bis 50 Meter über Boden.

 

Inmitten einer Baumkrone ist die Welt eine Wolke aus Männerparfüm: hölzern, herb, moosig mit einer Note Zitrus. Dazu gesellt sich ab und an das beglückende Aroma von frisch geschnittener Alpenwiese. Unsere ersten Meter auf dem einzigen Baumwipfelpfad der Schweiz oberhalb von Mogelsberg SG sind ein Fest für die Nase. Und eine Erholung für die Ohren: Mechanische Geräusche hört man hier kaum. Dafür trillern Vögel, zirpen Insekten und knarzen Bäume. Der Baumwipfelpfad ist vor allem eine Naturerfahrung wenn man sich zur Langsamkeit zwingt. Den 500 Meter langen Steg, der sich wie ein monströser Tausendfüssler durch die Bäume schlängelt, könnten wir in wenigen Minuten abmarschieren. Doch der Zauber liegt im scheinbar Unspektakulären: Blätter, Blüten, Baumrinde, Insekten.

 

Von hier oben, auf Augenhöhe mit den Baumkronen, ergeben sich unbekannte Einblicke in den Mikrokosmos Wald. Der Baumwipfelpfad, zum Teil 50 Meter über dem Boden, will nicht nur Attraktion sein, sondern auch Wissen vermitteln: An über 30 Stationen werden Fakten zu Baumarten, Tieren und zur Bedeutung des Waldes erläutert. Das regt an, mal genauer hinzuschauen: auf das reiche Insektenleben in den Furchen einer Rinde, die Staubsaugerwirkung des Waldes und die Kräfte eines Steinadlers ja, wer Glück hat, kann das majestätische Tier am Himmel erspähen. Zudem gibt es Informationen zur Kulturlandschaft des Toggenburgs, inklusive tolle Weitblicke auf die gewellte Voralpenlandschaft. Ein smarter Feldstecher projiziert gar Informationen zu den umliegenden Bergen ins Bild.

 

Abwechslung für Familien

 

Viele der Wissensstationen befriedigen auch den kindlichen Entdeckerdrang. Das trifft vor allem für den Erlebnisspielplatz unterhalb des Pfades zu. Kinder können sich an einer Kugelbahn, einem Waldquiz, einem Holzxylofon oder einer Seilbahn austoben. Zusammen mit den sechs Feuerstellen bietet das Areal genug Abwechslung für einen gelungenen Familiennachmittag.

Der Baumwipfelpfad hat in den ersten Wochen für einigen Wirbel und einen wahren Besucherstrom im verträumten Neckertal gesorgt. Fremde verirren sich sonst kaum hierher, denn dem Toggenburg fehlt es vom Ausflugsberg Chäserrugg mit seinem futuristischen Restaurant einmal abgesehen an Attraktionen mit Fernwirkung. Deshalb entstand schon im Jahr 2011 die Idee zum Bau einer Sehenswürdigkeit, welche den reichen Waldbestand der Region touristisch nutzt. Doch erst nach dem Abstimmungs-Nein zum Naturpark Neckertal im Jahr 2014 kam das Projekt in Schwung. Damals sagten wir uns: Und jetzt erst recht!, so Werner Ackermann (70), Verwaltungsratspräsident der Genossenschaft Baumwipfelpfad Neckertal. Drei Jahre der Planung vergingen, bis im August des Jahres 2017 der Bau begann.

Nebst dem grossen Enthusiasmus der Verantwortlichen war bei der Realisierung des Pilotprojekts auch eine gehörige Portion Glück im Spiel: Etwa ein Drittel der Gesamtkosten von 3,8 Millionen Franken sponserte die St.Galler Kantonalbank im Rahmen ihrer 150-Jahr-Feier. Und: Wälder sind neuerdings wieder hip. Bücher über die geheimnisvolle Kommunikation der Bäume sind Bestseller und Wissenschaftler entschlüsseln die heilsame Wirkung des Waldes auf Körper und Geist. Waldbaden nennt man in Japan den Trend, der auch schon in die Schweiz geschwappt ist.

Ob wir bei unserem gemütlichen Bummel in den Baumkronen und mit dem Waldparfüm in der Nase gesünder geworden sind, können wir nicht sagen. Ein Vergnügen war es allemal.
 

Der Baumwipfelpfad

Eintritt: Erwachsene 15 Franken, Kinder von 6 bis 16 Jahren 8 Franken, Kinder bis 6Jahre kostenlos, Familienkarte 40Franken (2 Erwachsene/2 Kinder)
Öffnungszeiten: Von April bis Oktober täglich 9.3018 Uhr. Ab November bis März MittwochSonntag, 1016 Uhr; Montag und Dienstag geschlossen.
Verpflegung: Im Kiosk gibt es Kleinigkeiten für ein Picknick sowie Bratwurst und Cervelat zum Selbergrillieren. Angeboten werden auch Stecken und Teig für Schlangenbrot. Grillstand
an Wochenenden.
Anreise: Mit dem Zug bis Mogelsberg, vom Bahnhof etwa 30 Minuten zu Fuss. Mit dem Auto zum ausgeschilderten Parkplatz und ca. 15 Minuten
zu Fuss.

Zur Webseite des Baumwipfelpfades