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Loipenfieber: Auf Spurensuche im LA-LA-Langlauf-Land

Ski-Langlauf begeistert heute Sportler querbeet durch alle Generationen. Ein Erklärungsversuch zwischen Sedrun und Einsiedeln.

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Yannick Andrea, Keystone
22. Januar 2018

Beim Langlaufen geht ganz schön die Post ab: Anita Hendry, Nina, Giulia, Anna-Lea und Matia vom Club da skis Sedrun. Langlauf ein Sport der Generationen: Roman Decurtins (77), Anita Hendry (31) und Matia (11). Sie kamen, sahen und waren sehr angetan vom Langlaufsport: Anfängerin Andrea Müller (25) und Wiedereinsteiger Rico Hasler (30) aus Zürich.


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Wie wilde Pferde warten die Langlauf-Schüler von Anita Hendry (31) darauf, loslaufen zu dürfen. Wir befinden uns in Sedrun GR, beim Gasthaus Ustria Campadi Rein, einem beliebten Treffpunkt für Ski-Langläufer. Noch liegt die Sonne versteckt hinter dem Berg, es ist kalt kein Wunder, wollen sich die jungen Ausdauersportler des Club da skis Sedrun endlich bewegen. Sie sind wahnsinnig motiviert, sagt Hendry, sie lernen schnell und messen sich gerne mit den anderen.

Bei den ein bis zwei gemeinsamen Trainings pro Woche achtet Hendry auf möglichst viel Abwechslung; dazu gehört auch schon mal ein Ballspiel auf den Ski. Nun sind die Kinder gerade ein wenig schüchtern, die elfjährige Anna-Lea sagt immerhin, dass sie nicht jede Sportart möge, schon gar nicht Fussball, aber Langlauf macht mir grossen Spass. Matia, ebenfalls elf Jahre alt, findet seinen Sport einfach cool, weil man sich mit dem ganzen Körper austoben kann.

Austoben ist der absolut passende Ausdruck, denn als sie endlich auf die Loipe dürfen, geht so richtig die Post ab. Mit schnellen Bewegungen kraxeln sie die Steigung hoch, Hendry jagt hinter ihnen her. Sie, die hauptberuflich als Behindertenbetreuerin arbeitet, kam selber erst vor fünf Jahren zum Langlauf. Als ich mich von meinem Freund endlich überreden liess, nahm es mir sofort den Ärmel rein. Ihr erging es wie vielen Anfängerinnen und Anfängern: Umfragen in den Langlaufschulen zeigen, dass heute 95 Prozent nach dem ersten Mal bei ihrer neuen Sportart bleiben wollen. Langlaufen erfreut sich grosser Beliebtheit und anders als früher querbeet durch alle Altersschichten.

Langlauf ist jugendlicher geworden, bestätigt Roman Decurtins, der mit seinen 77 Jahren ebenfalls beneidenswert jung geblieben ist und in der Langlauf-Beiz mithilft. Decurtins begann in den 50er-Jahren mit dem Sport, als die Langläufer die Spuren noch selber durch den Schnee ziehen mussten oder das richtige Wachsen der Ski oft zur Lotterie verkam. Von den Kleidern wollen wir schon gar nicht reden: Oben zogen wir einen dicken Pullover an, unten trugen wir Knickebocker. Ein Leben lang hat der Bündner sich im Langlaufsport engagiert, hat Anfänger unterrichtet und Rennen mitorganisiert oder ist selber mitgelaufen. Am 11.März nimmt er am 50. Engadin Skimarathon teil, es wird ein besonderer Lauf: Decurtins zählt zu den 13 Giubilers, die seit Beginn immer dabei waren.

Sie kamen, sahen und waren sehr angetan vom Langlaufsport: Anfängerin Andrea Müller (25) und Wiedereinsteiger Rico Hasler (30) aus Zürich.

Dario Cologna als Magnet

Dass der Langlaufsport gerade bei Kindern und Jugendlichen so gut ankommt, schreibt Decurtins auch dem Cologna-Effekt zu. Dario Cologna hat das Langlaufen dank seiner Erfolge wieder ins Bewusstsein der Sportfans gerückt; das lange eher auf Ski alpin fokussierte Schweizer Fernsehen ist während der Rennen live dabei. Der 31-jährige Olympiasieger und Weltmeister hat eine sympathische Ausstrahlung, wurde zum Sportler und gar Schweizer des Jahres gewählt. Ihm eifern die Jüngeren nach. Im vergangenen Winter nahmen laut Mariette Brunner (50), Präsidentin Loipen Schweiz, trotz Schneemangels 12500 Läufer am Dario Cologna Fun Parcours teil so viele wie noch nie; dabei werden Schüler und Schülerinnen in einer zweistündigen Lektion auf spielerische Art und Weise mit dem Ski-Langlauf vertraut gemacht.

Cologna ist tatsächlich ein Glücksfall, sagt einer, der einst selber ein Segen für den weissen Ausdauersport war: Alois Wisel Kälin. Wir treffen den 78-Jährigen in Einsiedeln, wo er auf der Loipe Bolzberg den Teilnehmern eines Anfängerkurses zusieht und sie in Sachen Material berät. Kälin ist ein charismatischer Geschichtenerzähler, der sich den glasklaren Blick auf die Gegenwart bewahrt hat. 1968 gewann er in Grenoble in der Nordischen Kombination Olympiasilber, indem er sich nach dem verpatzten Skispringen mit einer grandiosen Langlauf-Leistung von Rang 24 auf den zweiten Platz katapultierte. Am Ende fehlten mir ein paar mickrige Sekunden auf den Sieger, erinnert er sich.

Langlauf erfuhr damals den ersten grossen Aufschwung, erst recht, als die Schweizer Staffel 1972 im Medaillen-Regen von Sapporo sensationell Bronze holte. Es folgten die Boom-Jahre mit einer Million (!) verkauften Langlauf-Ski pro Jahr; an Volksläufen wie dem Engadin Skimarathon schossen die Teilnehmerzahlen in die Höhe, der Slogan Langläufer leben länger war in aller Munde. Kälin erzählt von 300 Schweizern, die in jenen Jahren jeweils am 90 Kilometer langen Wasa-Lauf in Schweden teilnahmen.

Skatingtechnik als Lebensretter

Doch dann, gegen Ende der Siebziger- jahre, ging es steil abwärts. Viele empfanden das Langlaufen im klassischen Stil plötzlich als zu gemächlich, gerade im Vergleich zu den neuen Trendsportarten Inlineskaten oder Mountainbiken, die hohe Tempi und reichlich Action garantierten. Um zu überleben, musste sich die Sportart neu erfinden und tatsächlich: Die Skatingtechnik mit Schlittschuhschritt und Doppelstockeinsatz sorgte für frischen Wind und einen neuerlichen Aufschwung, der bis in die Gegenwart anhält. Beim Skaten sind höhere Geschwindigkeiten möglich. Ohne diese Innovation, sagt Kälin, wäre der Langlaufsport in der Schweiz heute tot.

Stattdessen lebt er und wie! Gegen 40 Teilnehmer von jung bis alt haben sich an diesem Morgen in Einsiedeln für den Einsteigerkurs eingeschrieben, obwohl es nur wenig Schnee hat und das Wetter trüb ist zumindest zu Beginn. Sie alle werden von Dario Cologna (wem sonst?)begrüsst, der ab Tonband viel Spass wünscht: Langlauf isch mi Liideschaft und Natur pur. Bevor mir uff dPischte gönd, mache mir no es Iwärme. Den weltmeisterlichen Ratschlag befolgen auch Andrea Müller (25) und Rico Hasler (30), die aus Zürich angereist sind. Hasler lernte den Sport als Dreikäsehoch in den Skiferien im Goms kennen, für Müller hingegen bedeutet er Neuland. Sie ist gespannt, was da auf sie zukommt und ob Langlaufen wirklich ein Ersatz fürs Skifahren ist, das ihr verleidet ist.

Zwei Stunden später zeigen sich die beiden begeistert: Sie, weil man draussen in der Natur etwas Gutes für den Körper tut, er, nach ein paar spektakulären Stürzen im Übermut, weil es ganz schön anspruchsvoll ist. Langlauf ist in der Tat ein perfektes Ganzkörpertraining, das das Herz- und Kreislaufsystem fördert und Arme, Beine, Rücken und Rumpf kräftigt aber auf gelenkschonende Art und Weise. Das Langlauf-Paar Müller/Hasler wird, da ist es sich sicher, auf die Loipe zurückkehren, und zwar schon bald. Weit ist es von Zürich aus ja nicht.

Schön, dass Langlaufen wieder so beliebt ist.»

Alois Wisel Kälin (78), Schweizer Langlauf-Legende

Noch schneller auf den Langlauf-Ski sind Nathalie (37) und Christian Birchler (44) aus Einsiedeln, die mit dem Velo und dem Kinderanhänger angerauscht kommen. Innert weniger Minuten haben sie diesen umgerüstet und die Räder durch Ski ersetzt, um damit die Loipe befahren zu können. Vivien (1) hält im Anhänger Mittagsschlaf, die zwei Jahre ältere Schwester Muriel hingegen will unbedingt auf ihren Mini-Ski mitlaufen. Die Birchlers erachten es als unschätzbaren Vorteil, dass beim Langlaufen alles so unkompliziert ist: nebst den kürzeren Wegen kein Anstehen am Skilift, kein Gedränge auf der Piste. Gleichzeitig laut Nathalie Birchler ein schöner Nebeneffekt kostet der Sport auf der Loipe viel weniger als das Skifahren oben auf dem Berg, wo eine Familie nur schon für eine Woche schnell einmal über tausend Franken berappen muss; der freiwillige schweizweite Langlaufpass für die ganze Saison kostet hingegen bloss 140 Franken. Und die Unfallgefahr ist um einiges geringer als beim Skifahren oder Schlitteln, sagt die Primarlehrerin, die mit ihrer Schulklasse zwischendurch auch mal auf die Loipe geht.

Keine zu klein, um Langläuferin zu sein: Muriel (3) begleitet ihr Mami Nathalie Birchler.

Dann zieht die Familie los und ihre Spur durch den Schnee, vorbei an Wisel Kälin, der noch immer am Loipenrand steht und nun Nathalie Birchler zuwinkt; einst machte sie in seinem Sportgeschäft ihre Lehre. Langlauf, sagt der Altmeister, ist wirklich ein Sport für alle Generationen.

Zum Engadiner Skimarathon Coop Sponsoring

Einzigartige Erfolgsstory

Das waren noch Zeiten! Ein Bild von 1977, als die Langläufer noch die Spur benutzten.

Der Engadin Skimarathon feiert Jubiläum und blickt auf 49 Austragungen mit einigen Meilensteilen zurück. Mit 300 Läufern rechneten die Organisatoren des ersten Engadin Skimarathons im Jahre 1969. Am Ende schrieben sich überraschend 945 Teilnehmer ein der Beginn einer einzigartigen Erfolgsgeschichte. Am 50. Jubiläumslauf am 11.März werden so viele wie noch nie mitlaufen, nämlich 14200. Das Ziel befand sich zu Beginn in Zuoz; 1998 wurde es nach S-chanf verlegt, wo eigens für das Grossevent eine Bahnhaltestelle errichtet wurde: S-chanf-Marathon.

Ein weiterer Meilenstein waren 1987 die getrennten Spuren, die für die klassische und freie Technik eingerichtet wurden; heute laufen nur noch fünf Prozent der Teilnehmer im alten Stil. 1993 wurde der spektakuläre, zugleich aber auch für viel Hektik sorgende Massenstart zugunsten von fünf Blockstarts aufgegeben was sich bewährt hat. 2000 folgte der erste Frauenlauf. Und dann war da noch die Austragung im Jahre 1991, die wegen eines Wärmeeinbruchs wortwörtlich ins Wasser fiel. An die bis heute einzige Absage erinnert sich Rekordteilnehmer Roman Decurtins noch bestens: Für einmal feierten wir schon am Vorabend, weil wir ja wussten, dass der Lauf am Sonntag nicht stattfindet. Für die ganz Unentwegten 150 an der Zahl wurde trotzdem ein Lauf mit stark verkürzter Strecke von Bever nach Zuoz organisiert.

Françoise Stahel (80) aus Klosters hat als einzige Frau alle Engadiner bestritten.

Die Frau am Skimarathon

Françoise Stahel (80) absolvierte als einzige Frau alle Engadiner Skimarathons.