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Titelgeschichte

Im Reich der Düfte

Die Welt der Gerüche ist ebenso geheimnisvoll wie sexy. Wir alle lassen uns bewusst oder unbewusst von Düften leiten. Parfums spielen dabei eine wichtige Rolle.

28. November 2019

Ein Parfumeur hat den Kopf voller teils blumiger Riechstoffe.

«Er versuchte, sich an irgendetwas Vergleichbares zu erinnern und musste alle Vergleiche verwerfen. Dieser Geruch hatte Frische; aber nicht die Frische der Limetten oder Pomeranzen, nicht die Frische von Myrrhe oder Zimtblatt oder Krauseminze oder Birken oder Kampfer oder Kiefernadeln, nicht von Mairegen oder Frostwind oder von Quellwasser …, und er hatte zugleich Wärme, aber nicht wie Bergamotte, Zypresse oder Moschus, nicht wie Jasmin und Narzisse, nicht wie Rosenholz und nicht wie Iris. (…) Hunderttausend Düfte schienen nichts mehr wert vor diesem einen Duft. (…) Er war die reine Schönheit.» Patrick Süskind

So beschreibt Patrick Süskind (70) in seinem Roman-Klassiker «Das Parfum» den Moment, als seine Hauptfigur Jean- Baptiste Grenouille im stinkenden Paris des 18. Jahrhunderts den Geruch aller Gerüche wahrnimmt, ihm durch verwinkelte Gassen folgt und schliesslich ein junges Mädchen als Quelle jenes betörenden Duftes ausmacht, der seine olfaktorische Welt auf den Kopf stellt.

Unter Olfaktorik versteht man die Wissenschaft der Gerüche beziehungsweise die Riechforschung. Denn es ist klar, dass Gerüche psychologische Effekte haben. So lässt die Süsse von Mandeln und Rosen Menschen Schmerzen besser ertragen. Rosenduft fördert zudem während des Tiefschlafs die Gedächtnisbildung. Süsse und moschusartige Noten erinnern an den Geruch von Muttermilch und sorgen für Entspannung. Bestimmte Odore können einen also in die wohlige Welt der glücklichen Kindheit zurückversetzen – oder aber längst verdrängte, schlimme Erlebnisse an die Oberfläche holen.

So oder so ist die Welt der Gerüche eine faszinierende. Von ihr hat sich auch Andreas Wilhelm (42) verzaubern lassen. Wie das passiert ist? «Eigentlich wollte ich Goldschmied werden, aber da die Lehrstellen

limitiert waren, landete ich als Chemielaborant in der Forschung des Aromen- und Duftstoffherstellers Givaudan», erzählt der Chef der Firma Wilhelm Perfume in Zürich. «Der Rest war Liebe auf den ersten Blick.» Oder vielmehr auf den ersten Geruch.

«Ich kenne alle Gerüche der Welt, alle, die in Paris sind, alle, nur kenne ich von manchen die Namen nicht, aber ich kann auch sie alle lernen.»

Jean-Baptiste Grenouille, als er auf den Parfumeur Baldini trifft.

Riesiges Geruchsgedächtnis

Andreas Wilhelm hat sie alle gelernt und die sagenhafte Zahl von 10 000 Riechstoffen im Hirn gespeichert. Zur Schule gegangen ist die Supernase beim Duftstoffhersteller Luzi AG in Dietlikon ZH. «Ich startete mit circa 200 natür- lichen Riechstoffen sowie ätherischen Ölen und CO2-Extrakten. Später kamen dann etwa 500 synthetische Riechstoffe dazu», erinnert er sich. «Die Palette wird stetig ergänzt, bis man ungefähr 1800 verschiedene Düfte auswendig kennt, und dann gehts weiter mit dem Kreieren verschiedener Akkorde. Eine typische Übung wäre, dass man mit zehn bis zwanzig Riechstoffen eine Rose komponieren muss. Als Nächstes folgen andere Blumen, Früchte oder klassische Parfums wie Chanel No. 5.»

Es gibt keine typisch weiblichen oder typisch männlichen Rohstoffe für Parfums.

Das ist jener Duft, von dem Marilyn Monroe (1926–1962) sagte, sie trage nachts nichts ausser einem Hauch davon. Jenes Parfum auch, mit dem sich Coco Chanel (1883–1971) neben ihrer Mode unsterblich machte. Entstanden ist Chanel No. 5 in Grasse (F), dem im Hinterland von Cannes gelegenen Parfum-Mekka. Coco Chanel war 1921 dorthin gereist und bestellte bei einem Parfumeur ein «Parfum mit dem Duft einer Frau». Die Probe Nummer fünf gefiel ihr am besten: «Ich lanciere meine Kollektion am 5. Mai, im fünften Monat des Jahres. Lassen wir dem Parfum seinen aktuellen Namen, die Nummer fünf wird ihm Glück bringen.»

Aus Gerbern wurden Parfumeure

Grasse war im Mittelalter die Stadt der Gerber, von dort stammendes Leder sehr renommiert. Um den penetranten Geruch des gegerbten Leders zu über- decken, kam ein Gerber irgendwann auf die Idee, die Lederhandschuhe für seine feine Kundschaft in duftende Bäder aus Lavendel, Myrte, Jasmin, Rose, Mimose und Orangenblüten zu tauchen. Damit war er so erfolgreich, dass es ihm andere Gerber gleichtaten und sich der Ort langsam in eine einzige grosse Parfumerie verwandelte.

Offenbar liess sich Patrick Süskind von dieser Geschichte inspirieren, denn seine Romanfigur Grenouille ist zuerst Gerber-Lehrling, bevor er in den Dienst eines Parfumeurs wechselt. Und auch Grenouille landet im Laufe der Handlung in Grasse. Die Faszination des Duftes macht ihn aber zum Mörder: Er tötet erst das Mädchen in Paris, um dessen betörenden Geruch zu konservieren. Weil ihm dies nicht gelingt, wird er in Grasse schliesslich zum Serien killer, um mithilfe des Duftes seiner Opfer den perfekten Odor zu erschaffen.

Patrick Süskinds Romanfigur Grenouille fand den Duft eines jungen Mädchens absolut perfekt.

Andreas Wilhelm produziert ebenfalls viele Düfte, doch zum Glück mit harmlosen Ingredienzen. Mit seinem Team erfindet er nicht nur «normale» Parfums, sondern darüber hinaus Kosmetiklinien, Raumdüfte oder Signature Scents, das sind Firmendüfte beziehungsweise Duftlogos mit Erkennungscharakter. «Neben meinem Engagement für verschiedene industrielle Firmen in der ganzen Welt kreierte ich auch Düfte für diverse arabische Dufthäuser oder Kunstinstallationen», so der Meister. Gross ist die Duft-Palette auch in der Import Parfumerie.

Junior-Produkt-Managerin Jil Kaderli (26): «Es sind mehr als 2000 Damendüfte und über 1000 Herrendüfte.»

Der Weg zum Duft

Doch wie entsteht ein Duft überhaupt? «Am Anfang steht immer das Briefing, das aus Text, Bildern, Musik, Gegen- ständen, Orten, Markenidentität und Ähnlichem bestehen kann», erklärt der Parfumeur. «Dann beginne ich im Kopf die Düfte zu kombinieren und erstelle ein Rezept. Meine Assistentin oder – je nachdem, wer der Kunde ist – der Misch- roboter mischt die Ingredienzen nach Rezept und ich vergleiche das Ergebnis mit der Idee in meinem Kopf.» Natürlich muss es auch vor dem Kunden bestehen. Die eigentliche Duftentwicklung nimmt etwa zwei Monate in Anspruch, bis zur Lancierung des Produkts vergehen insgesamt drei bis sechs Monate.

Manche Klienten lassen sich von Andreas Wilhelm ihr persönliches Parfum erschaffen. Geht er bei Damen- und Herrendüften unterschiedlich vor? «Nein, die Rohstoffe sagen mir ja nicht, dass sie weiblich oder männlich riechen. Der Duft muss einfach zur Person passen.» Und was passt zu ihm selbst? «Ich trage Parfum nur zu besonderen Anlässen und wenn, dann ist es im Moment Living Coral aus meiner eigenen Linie perfume.sucks.»

Jemand wie Wilhelm hat es im Alltag manchmal bestimmt schwer, muss ab und an buchstäblich die Nase voll haben von irgendwelchen Gerüchen. Seine Antwort überrascht: «Nein, nie! Es gibt keine schlechten Gerüche, es gibt nur anerzogenen Ekel. Ich pflege zu sagen, dass sich auch im Mist schöne Apfelnoten finden – man muss nur etwas abstrahieren. Ich liebe also alle Düfte, sie sind wie meine Kinder.» Richtige Kinder hat Andreas Wilhelm übrigens auch – und deren Duft ist ihm sowieso der liebste.

Aber egal, ob es sich um den Geruch von Kindern, Chanel No. 5 oder Blumen handelt: Manche Düfte riechen zum Sterben gut. Jean-Baptiste Grenouille freilich nahm dies allzu wörtlich. 

Das sagen die Duftexperten

Das ist die Hitparade der Import Parfumerie:

Damen
1. Lancôme La Vie est Belle, Eau de Parfum (EdP)
2. Bulgari Omnia Crystalline, Eau de Toilette (EdT)
3. Chloé Signature (EdP)
4. Dior J'adore (EdP)
5. Carolina Herrera Good Girl (EdP)

Herren
1. Paco Rabanne 1 Million (EdT)
2. Dior Sauvage (EdT)
3. Paco Rabanne Invictus (EdT)
4. Hugo Boss Bottled (EdT)
5. Armani Code Profumo (EdP)

Wie viele Düfte verkauft die Import Parfumerie?

Etwas mehr als 2000 Damendüfte und über 1000 Herrendüfte. Das Sortiment ver- ändert sich jedoch laufend.t

Wie sehr wird fürs Weihnachtsgeschäft aufgestockt?

Die Bestände in den Filialen werden stark aufgestockt, denn die Weihnachtszeit ist für uns die wichtigste Zeit und ausschlaggebend für ein erfolgreiches Jahr.

Hat sich der Geschmack von Herrn und Frau Schweizer in den vergangenen Jahren verändert?

Meist werden über Jahre dieselben Düfte nachgefragt, der Markt ist aber auch stark von Neuheiten getrieben. Trotzdem gibt es auch bei den Parfums neue Trends, beispielsweise gewisse Inhaltsstoffe. So etwa Food-Ingredienzen wie Tonkabohne, Kaffee, Vanille, Beeren oder Pfirsich, die mit bewährten Duftnoten kombiniert wurden.

Für wen eignet sich welches Parfum?

Schwer zu sagen, da dies sehr individuell ist und jedes Parfum bei jeder Person leicht anders riecht. Auch die Annahme, dass schwere und intensive Parfums speziell für extrovertierte Personen sind und umgekehrt leichtere Versionen für introvertierte, greift viel zu kurz. Jede Person trägt zu unterschiedlichen Tageszeiten, Anlässen und je nach Lust und Laune unterschiedliche Düfte. Tendenziell greifen Männer eher zu Eau de Toilette und Frauen lieber zu schwereren und lang anhaltenden Düften.

Was ist Ihr persönlicher Favorit?

Aktuell das neu interpretierte Mugler Angel Eau de Toilette. Mugler Angel gehört seit Jahren zu den Klassikern auf dem Duftmarkt – ich liebe das Florale und Fruchtige im Duft und erhalte viele Komplimente dafür! 

Interview Jill Kaderli

Jil Kaderli (26) von Import Parfumerie trägt gerne Mugler Angel.