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Die Digitalisierung kostet Jobs – und schafft neue. Mithalten kann nur, wer sich stetig weiterbildet. Lebenslanges Lernen lautet die Devise. Aber ist das überhaupt möglich?

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02. September 2019

E-Didaktiker David Appel: «Die technischen Möglichkeiten ersetzen den persönlichen Kontakt nicht.»

Kurz und Bündig

  • Fast jeden vierten Arbeitsplatz wird es 2030 aufgrund der Digitalisierung nicht mehr geben.
  • Vergleichbar viele neue Jobs werden entstehen.
  • Digitalswitzerland und der Arbeitgeberverband lancieren die Kampagne «Lebenslanges Lernen», um für die stetige Fortbildung zu motivieren.
  • Alter und Lernen ist kein Widerspruch – der reiche Erfahrungsschatz hilft sogar.

Über eine Million der heutigen Arbeitsplätze fallen in der Schweiz bis 2030 weg; das ist fast jeder vierte. Dies hat die Unternehmensberatung McKinsey vergangenes Jahr herausgefunden. Denn aufgrund der Digitalisierung werden immer mehr Arbeiten automatisiert. «Dass Jobs wegfallen, gab es schon immer. Oder wie viele Hutmacher gibt es heute noch?», sagt Benni Lurvink (52). «Der Unterschied ist: Heute läuft diese Entwicklung einiges schneller.»

Arbeitswelt im steten Wandel

Als Verantwortlicher für die Ausbildung der Lernenden und Mitarbeitenden von Coop weiss Lurvink deshalb: Es kommt einiges auf ihn zu. Denn McKinsey sagt nicht nur, dass die Digitalisierung Arbeitsstellen kostet, sondern dass sie gleichzeitig ungefähr dieselbe Anzahl neuer Jobs schafft. Nur sind für diese andere Fähigkeiten gefragt, weshalb Unternehmen ihre Arbeitskräfte umschulen und weiterbilden müssen. Und auch die Jobs, die nicht verschwinden, sind dem Wandel unterworfen. «Eine Ausbildung oder ein Studium absolvieren und danach das ganze Berufsleben mit nur diesem Wissen bestehen wollen – das funktioniert nicht mehr.»

«Eine Ausbildung oder ein Studium absolvieren und danach das ganze Berufsleben mit nur diesem Wissen bestehen wollen – das funktioniert nicht mehr.»

 

Coop investiert jährlich gut 45 Millionen Franken in die Aus- und Weiterbildung ihrer Mitarbeitenden, unterstützt sie finanziell und indem sie einen Teil der Ausbildungstage als Arbeitszeit abbuchen können. «Arbeitgeber sollten bei ihren Angestellten das Bewusstsein dafür fördern, wie schnell sich die Arbeitswelt wandelt, und ihnen die Möglichkeiten bieten, sich weiterzuentwickeln», findet Lurvink. «Aber eigentlich sollten Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen selber grösstes Interesse haben, den eigenen Arbeitsmarktwert zu steigern – oder mindestens auf nützlichem Niveau zu halten.»

Christian Lundsgaard-Hansen und Danièle Castle wollen Lust machen, in sich selber zu investieren.

Diese Überzeugung teilt auch Digitalswitzerland. In diesem Verband engagieren sich über 150 Mitglieder – mehrheitlich Firmen, aber unter anderem auch Kantone oder Bildungsinstitutionen – mit dem Ziel, die Schweiz als Standort für digitale Innovation zu stärken. Jährlich führt der Verband den Digitaltag durch (siehe Seite 22). Dieses Jahr ist dieser Anlass gleichzeitig der Startschuss für eine neue Kampagne von Digital- switzerland und dem Schweizerischen Arbeitgeberverband. Unter dem Motto «Lebenslanges Lernen» soll die Bevölkerung dafür sensibilisiert werden, dass man in Zeiten der schnellen Innovation nie ausgelernt hat. «Die Kampagne soll motivieren, inspirieren und Lust machen, in sich zu investieren», betont Danièle Castle (59), die zusammen mit Christian Lundsgaard-Hansen (30) die Kampagne bei Digitalswitzerland verantwortet. «Wir dürfen die Digitalisierung nicht bloss als Bedrohung sehen, sondern auch als Chance.»

Absichtserklärung unterzeichnet

Die Kampagne besteht aus zwei Hauptelementen. Zum einen hat Digitalswitzerland über 100 persönliche Geschichten von Menschen gesammelt, die mit lebenslangem Lernen zusammenhängen. Diese Geschichten sollen Lust wecken, sich selber weiterzubilden, und sind zusammen mit über 500 Kursen zum Entwickeln von digitalen Fähigkeiten auf der Kampagnenwebseite zu finden. Den zweiten Teil steuern Arbeitgeber bei: Rund 100 Organisationen haben sich bereit erklärt, eine Absichtserklärung zu unterzeichnen. Darin erklären sie sich unter anderem bereit, für ihre Angestellten Weiterbildungsprogramme zu ermöglichen, damit diese für die digitale Zukunft gewappnet sind.

Teil der Absichtserklärung ist auch das Lernen abseits der traditionellen Weiterbildungspfade zu würdigen und nicht nur auf Diplome zu achten. «Die Digitalisierung ist ja auch ein Hilfsmittel», sagt Lundsgaard-Hansen. Diverse Apps und Internetseiten ermöglichen es heute, neue Fähigkeiten zu erwerben, ohne eine spezifische Ausbildung zu machen und dafür ein Diplom zu erhalten. «Mein Lieblingsbeispiel ist Youtube: Dort findet man Anleitungsvideos für alles Mögliche. Ich zum Beispiel habe mir mithilfe von Youtube-Tutorials beigebracht, wie ich eine Webseite für mein Unternehmen erstellen kann. Ein Diplom habe ich dafür aber nicht erhalten.»

«Es ist keine Frage des Alters, sondern der persönlichen Neugierde.»

 

Castle und Lundsgaard-Hansen sind überzeugt: Jeder kann sich fortbilden und mit dem digitalen Wandel mithalten – auch ältere Mitarbeitende. «Das ist keine Frage des Alters, sondern der persönlichen Neugierde», sagt Castle.

Lernen, auch im Alter

Fehlende Neugier können sich heute auch Leute nicht mehr leisten, die bereits aus dem Arbeitsleben ausgeschieden sind. Auch sie haben keine andere Wahl, als dazuzulernen. Nach und nach schliessen Ticket-, Bank- und Postschalter. So muss immer mehr digital erledigt werden. «Ohne Technologie geht es heute nicht mehr – wir werden förmlich von ihr gejagt», sagt Barbara Baumeister (59). Sie ist Gerontopsychologin und Studiengangleiterin für Soziale Gerontologie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Veränderungen des Erlebens und Verhaltens im hohen Alter – Geron ist Altgriechisch für Greis – sind ihr Fachgebiet. Sie weiss: Lernen und Alter – das ist kein Widerspruch.

«Zwar nimmt die Schnelligkeit im Alter ab», erklärt die Hochschul-Dozentin. Die sogenannte fluide Intelligenz lässt nach. «Aber vieles wird durch die kristalline Intelligenz kompensiert. Das heisst, man verknüpft Neues mit Erfahrungen. Und das können ältere Menschen wiederum besser als jüngere.» Mit zunehmendem Alter wird die Motivation immer entscheidender: Gelernt wird nur, was einen weiterbringt. «Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass kleine Fehlleistungen bei Älteren bereits eine starke Beunruhigung auslösen. Schlechtere Leistungen im Alltag sind oft eher eine Folge von Zweifeln an sich selbst als eine tatsächliche Abnahme der Leistungsfähigkeit.»

Gerontopsychologin Barbara Baumeister: «Wir werden von der Technologie förmlich gejagt.»

Oft sei der Grund, weshalb manche ältere Menschen mit der Technologie Mühe haben, aber viel banaler, erklärt Baumeister. «Im Alter lassen die Sinne nach. Kleine Buchstaben, schlecht beleuchtete Bildschirme – all das sind Hürden.» Allerdings, das Bewusstsein für dieses Problem wächst: Barrierefreiheit sei auch in der digitalen Welt ein grosses Thema.

Nur das Tempo, in welchem die technologische Entwicklung vor sich geht, das bereitet Baumeister dann doch Sorgen. Dass es kritische Stimmen dagegen gibt, findet die Gerontopsychologin wichtig. Auch ihr Kollege David Appel (43), Spezialist für E-Didaktik an der ZHAW, pflichtet bei: «Wenn sich ältere Menschen mit den technologischen Neuerungen schwertun, sollte man das nicht leichtfertig als Verweigerungshaltung abtun. Das sind Menschen, die noch wissen, wie gut vieles auch ohne Technologie funktioniert hat. Sie fragen zuerst nach dem Wieso, bevor sie sich einfach anpassen. Die Digital Natives, die mit diesen Technologien aufgewachsen sind, sind da manchmal zu naiv, zu leichtgläubig.»

Technologie ist nicht alles

«All diese Möglichkeiten ersetzen nicht den persönlichen Kontakt.»

 

Auch in Hinblick auf das lebenslange Lernen warnt Appel davor, die Technologie zu überhöhen. «Natürlich bietet sie ganz viele Vorteile», ist er überzeugt. «Wer zum Beispiel voll im Arbeitsleben steht und eine Familie hat, dem bietet die Digitalisierung viel mehr Flexibilität, um Neues zu lernen, als herkömmliche Präsenzveranstaltungen. Wer in der Mobilität eingeschränkt ist, hat so viel einfacheren Zugang zu Bildung. Auch speziellen Bedürfnissen kann man viel besser gerecht werden: Man kann zum Beispiel Vorlesungen immer wieder anhören, kann sich Texte vorlesen lassen und selbst bestimmen, wann man lernen will und wie oft man Pause macht.» Und doch folgt ein Aber: «All diese Möglichkeiten ersetzen nicht den persönlichen Kontakt. Grundlagenwissen kann man sich gut zu Hause aneignen. Aber die Vertiefung dieses Wissens findet am effektivsten im Austausch mit anderen Menschen statt.» Wenigstens da können uns die Computer nicht so leicht ersetzen. 

Vielfältiges Programm

Digitaltag 2019

Am Dienstag, 3. September, findet der dritte nationale Digitaltag statt. Über 80 Organisationen und Firmen zeigen an zwölf Standorten verteilt in der ganzen Schweiz mit kostenlosen Aktivitäten die Facetten der Digitalisierung auf. Am Hauptbahnhof Zürich zum Beispiel präsentieren sich diverse Anbieter, darunter auch der Online-Marktplatz Microspot.ch. An dessen Stand erfahren Sie unter anderem, wie die Digitalisierung uns beim Lernen unterstützen kann. Auch ein Gespräch mit Bundespräsident Ueli Maurer (68) wird am Zürcher HB stattfinden. Anlässlich des Digitaltags wird zudem die Kampagne «Lebenslanges Lernen» zusammen mit der Webseite www.lifelonglearning.ch lanciert. Das ganze Programm finden Sie unter: www.digitaltag.swiss


Wwweiterbildung

Vieles, wofür man früher Kurse besuchen musste, kann man heute auch übers Internet lernen. Ein paar Beispiele.

Sprachen lernen

Zahlreiche Anbieter für Sprachkurse tummeln sich im Internet. Als revolutionär gehandelt wird Rosetta Stone. Denn er funktioniert nicht wie das Sprachenlernen in der Schule, sondern durch Immersion, also Konfrontation mit der Sprache, statt Wörter und Grammatikregeln büffeln. Der Kurs ist allerdings auch entsprechend teuer. Klassischer, dafür günstiger, lernt man mit Babbel. Zu den bekanntesten Anbietern gehört Duolingo: Dieser Anbieter punktet mit Gamification, liebevoller Gestaltung und der Tatsache, dass das Angebot kostenlos genutzt werden kann.

Vorlesungen besuchen

Sogenannte Moocs (Massive Open Online Courses) haben zum Ziel, Lernen zu demokratisieren: Die Top-Universitäten der Welt bieten gratis Kurse an, für die Wohnort und finanzielle Situation keine Rolle spielen. Zu den bekanntesten gehören das von Harvard und dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) lancierte edX und von der Stanford University initiierte Coursera. Auf beiden finden sich allerdings keine bis wenige deutschsprachige Kurse. Deutsche Alternativen sind unter anderem Oncampus und OpenHPI.

Geografie-Kenntnisse verbessern

Online findet man nicht nur Karten und Informationen zu allen erdenklichen Regionen der Welt. Es gibt auch viele Möglichkeiten, seine geografischen Kenntnisse spielerisch zu verbessern. Auf Seterra zum Beispiel müssen Städte, Länder, Flüsse und Co. durch Klicken auf eine Karte richtig zugeordnet werden. Ähnlich funktioniert auch Toporopa, das auf Europa begrenzt ist, dafür beispielsweise auch Vulkane und Häfen abfragt. Der Geoguessr wiederum zeigt einem ein Panorama aus Google Street View. Anhand des Bildes, oder indem man sich noch ein bisschen durch die Strassen klickt, gilt es herauszufinden, wo man sich befindet.