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So süss!

Das Aquatis in Lausanne hat sich ganz dem Leben im Süsswasser verschrieben. 10 000 Fische leben hier, an diesem Ort zum Staunen, Lernen und Nachdenken.

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Sedrik Nemeth, Martin Zimmerli
04. Februar 2019

Fast ein bisschen Geisterbahn-Stimmung: Im Tunnel durch das Aquarium.

Im «Löwen» brüllt kaum mal ein Löwe, im «Bären» tanzt selten der Bär, und die Ochsen im «Ochsen» haben meist nur zwei Beine. Im «Le Piranha» dagegen, da ist der Name noch Programm. Da durchpflügt ein Schwarm der räuberischen Fische das Wasser des Aquariums, das in die Wand eingelassen ist, und glotzt dem Gast in den Teller. Bedrohlich wirken sie gar nicht. Im Gegenteil, die Süsswasserfische aus Südamerika sind mit ihrem vorgeschobenen Unterkiefer, den glitzernden Schuppen und den roten Bauchflossen gar lustig anzuschaun.

«Le Piranha» ist das Fast-Food-Restaurant des «Aquatis», des grössten Süsswasser-Aquarium-Vivariums Europas in Lausanne VD. «Die meisten Leute denken, schöne, farbige Fische gebe es nur im Meer, im Salzwasser», sagt Sabine Wirtz, «wir beweisen das Gegenteil.» Die 45-jährige Doktorin der Zoologie ist spezialisiert auf die Verhaltens- forschung von Fischen und führt Gäste durch das Aquatis.

Auge in Auge mit den Piranhas.

Auch Rochen sind im Süsswasser-Aquarium zu bestaunen.

Zoologin Sabine Wirtz, hier im Aquatis-Tropenhaus, ist spezialisiert auf die Verhaltensforschung von Fischen.

Rund die Hälfte der 3500 Quadratmeter grossen Ausstellungsanlage ist Europa, konkret dem Lauf der Rhone, gewidmet. Unter dem nachempfundenen Rhonegletscher betreten wir die Ausstellung. Der Eindruck einer Geisterbahn ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Doch wunderschön inszenierte Aquarien, die die Unterwasserwelt des Stromes in einer möglichst naturnahen Umgebung zeigen, säumen den verwinkelten Gang. Sabine Wirtz erzählt von den Problemen der Seeforelle, sich gegen die amerikanische Schwesterart durchzusetzen, die hier einst von Fischern ausgesetzt worden ist; von den Aalen, die den Atlantik durchqueren, um in der Sargassosee östlich von Florida abzulaichen und dann zu sterben, und deren Bestand seit den 1970er-Jahren um 98 Prozent abgenommen hat; oder von den Felchen, die Anfang des 20. Jahrhunderts aus dem völlig überfischten Genfersee verschwunden waren und – oh Schreck für die Genfer – durch solche aus dem Neuenburgersee ersetzt werden mussten. Geschichten um Geschichten.

Der Besucher gerät ins Grübeln, richtet seinen Blick auf den Boden – und erschrickt. Tosend stürzt unter gläsernen Bodenplatten die Rhone über ein Stauwehr, Gischt steigt empor. Ein Blick nach oben schafft Klarheit: Die Szenerie wird von Projektoren an die Decke geworfen und von der vermeintlich gläsernen Bodenplatte reflektiert, die in Wirklichkeit ein Spiegel ist.

«19 Stauwehre versperren den Weg der Rhone bis zu ihrer Mündung in der Camargue», weiss Sabine Wirtz. 19 Hindernisse, die Fische vor grosse Probleme stellen. «Da nützen oft auch Fischtreppen nicht viel.» Forscher haben nämlich herausgefunden, «dass viele Fische sich an der Strömung des Wassers orientieren, und die ist durch die Stauungen massiv gestört. Deshalb finden sie die Fischtreppen gar nicht».

2 000 000 Liter Wasser

Trotz all der menschgemachten Probleme rund ums Wasser: Die darin lebende Tierwelt fasziniert. Vermutlich auch, weil wir sie kaum einmal zu Gesicht bekommen. Hier im Aquatis schon. 46 Aquarien, Vivarien und Terrarien mit fast zwei Millionen Liter Wasser, das grösste acht Meter tief, imitieren zwanzig verschiedene Ökosysteme. 10 000 Fische, 100 Reptilien und Amphibien (darunter der Australische Inlandtaipan, die giftigste Schlange der Welt, die mit einem Biss 100 Menschen töten könnte) und ein Säugetier (Zwergmanguste) leben hier.

Die mit den Eiern im Mund

Nachdem die Rhone ins Mittelmeer gemündet ist, führt der Weg durch die Ausstellung hinauf ins obere Stockwerk, hinauf zu den Themenbereichen Afrika, Asien, Ozeanien und Amazonien. Hier sind die Fische zugegebenermassen doch noch etwas bunter. Im ostafrikanischen Malawisee etwa, wo allein etwa 700 Buntbarsch-Arten leben; die meisten von ihnen Maulbrüter, die ihre Eier im Mund mit sich führen. Und am Ende, nach dem Durchqueren des 530 Quadratmeter grossen Tropenhauses, entdecken wir zu unserer Rechten einen Schwarm lustig anzuschauender Fische mit vorgeschobenem Unterkiefer, glitzernden Schuppen und roten Bauchflossen: das Piranha-Becken – diesmal von hinten.

Aquatis in Lausanne

Gut zu wissen

Nur 2,5 Prozent des auf der Erde vorkommenden Wassers ist Süsswasser, und davon sind rund zwei Drittel in Form von Eis gespeichert. Mit anderen Worten: Lediglich 0,8 Prozent des Wassers sind für Mensch und Tier direkt zugänglich. Diesen 0,8 Prozent und deren Schutz ist das Aquatis in Lausanne-Vennes gewidmet, das im Oktober 2017 eröffnet hat und im Schnitt von über 1000 Leuten pro Tag besucht wird.

Das Aquatis versteht sich als «Freizeitanlage, Umweltbildungszentrum und Austauschplattform für Öffentlichkeit und Wissenschaft» und will «für den Schutz der Gewässer und der Umwelt sensibilisieren». So bietet das Zentrum auch Workshops für Schulklassen an. Ein Rundgang dauert etwa zwei Stunden.

Die App Aquatis Xplorer kann kostenlos heruntergeladen werden und bietet Infos, zum Beispiel zu 150 Fischarten.