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Reportage

Wasserkanäle am Abgrund

Als Abbildung auf der neuen 100-Franken-Note wird die Grand Bisse d’Ayent als einzigartige Walliser Wasserversorgung auf der ganzen Welt bekannt.

FOTOS
Nicolas Sedlatchek
09. September 2019

Die Suone von Ayent wurde teils in schwindelerregender Höhe in den Fels gehauen ? ohne Maschinen, ohne Kräne. Den abgebildeten Abschnitt (oben) hat man nicht vollständig erneuert, sondern durch eine Kanalisation ersetzt. Weil sie in der Regel flach verlaufen, sind die Wanderwege entlang der Suonen eine Touristenattraktion.

Die 9. Banknoten-Serie

Als letzte erscheint die 100-Franken-Note

Die Blaue mit Alberto Giacometti hat ausgedient: Letzte Woche präsentierte die Schweizerische Nationalbank (SNB) die neue 100-Franken-Note, ab Donnerstag dieser Woche kommt sie offiziell in Umlauf. Die Scheine der neuen Notenserie – es ist die neunte seit 1907 – erscheinen seit 2016 und haben das Thema «Die vielseitige Schweiz». Verschiedene Aspekte des Landes kommen dabei zum Zug: Ordnungssinn, Kreativität, Abenteuer, humanitäre Tradition, wissenschaftliche Berufung und Kommunikation. Jede dieser Facetten wird grafisch durch ein Hauptelement dargestellt: Zeit, Licht, Wind, Wasser, Materie, Sprache. Haupt- themen der 100-Franken-Note, die als sechste und letzte Note erneuert wird, sind die humanitäre Tradition und das Wasser. Die Luzerner Grafikerin Manuela Pfrunder (40) würdigt darauf unter anderem die bald 600-jährige Geschichte der Suone von Ayent.

In einigen Regionen des Wallis haben Niederschläge Seltenheitswert. Es herrscht schon fast eine wüstenartige Trockenheit. «Eine umso wichtigere und entscheidendere Bedeutung hat das Wasser in der Region», erklärt Gaëtan Morard (35), Direktor des Musée des Bisses in Ayent. Mit seinen 600 Suonen, auch Bissen genannt, verfügt das Wallis seit der Römerzeit über ein Bewässerungssystem, das einzigartig im Land ist; 300 sind heute noch in Betrieb.

Suonen sind Höhenbewässerungskanäle aus Holz, Metall oder Stein. In ihnen wird das Wasser auf landwirtschaftliche Flächen geleitet. «Ohne sie könnte die Walliser Landwirtschaft fast nicht existieren», betont Morard. «Schätzungsweise 80 Prozent der Suonen dienen zur Bewässerung von 80 Prozent der landwirtschaftlichen und weinbaulichen Flächen des Kantons. In Ayent liefern sie sogar Trinkwasser. Das macht deutlich, wie wichtig sie sind!» So wichtig, dass eine von ihnen, die Suone von Ayent, auf der neuen 100-Franken-Note abgebildet ist. «Das war eine grosse Überraschung und macht uns stolz.»

18 Kilometer in Fels gehauen

Die Suonen werden entweder von einer Genossenschaft, von Gemeinden oder von Verbänden verwaltet. «In Ayent ist es eine Genossenschaft mit 500 Mit- gliedern und drei Partnern», erzählt Gustave Savioz (72), Präsident der Genossenschaft Grand Bisse d’Ayent. Mitglieder sind die Familien, die einen Teil des Wassers besitzen und nutzen. Und die drei Partner sind die Gemeinden Grimisuat und Ayent sowie die Electricité de la Lienne SA, Betreiberin des Rawyl- Staudamms und des Tseuziersees, aus dem das Wasser kommt.

Die Suonen von Ayent wurden zwischen 1448 und 1464 gebaut. «Wenn man bedenkt, dass die Suonen mit blossen Händen an die Felsflanken gebaut wurden, wird klar, wie lebensnotwendig das Wasser gewesen sein muss.» Die Suone von Ayent ist 18 Kilometer lang; die längste, die Suone von Sion, gar 32.

Die Bisse im Original und auf der 100- Franken-Note.

Weil sie in der Regel flach verlaufen, sind die Wanderwege entlang der Suonen eine Touristenattraktion.

Regelmässig müssen die Rinnen von eingeschwemmtem Schmutz befreit werden.

Das Wasser der Grand Bisse d'Ayent kommt aus dem Tseuziersee.

Es war die Pest von 1350, die in der Geschichte der Suonen entscheidend sein sollte. «Sie löschte die Hälfte der Walliser Bevölkerung aus, und unversehens stand den Überlebenden mehr Platz zur Verfügung. Sie nutzten den Platz und gingen von Selbstversorgung zur Kuhhaltung über», erzählt Gaëtan Morard. Die Viehzucht aber erfordert eine Wiese und eine gut funktionierende Wasserversorgung. «Dank des Wassers und damit der Möglichkeit, Nutztiere zu besitzen, florierte der Handel und es entwickelte sich eine wirtschaftliche Dynamik: Fleisch, Leder, Transport usw.»

Bis heute hat sich die Walliser Landwirtschaft stark verändert, das Wasser aber hat seine Wichtigkeit behalten: Die Zahl der Kühe in der Gemeinde Ayent sank von 2000 im Jahr 1970 auf heute 200. Die gleichnamige Suone bewässert heute hauptsächlich den Weinberg oberhalb der Suone von Clavau. Der Klimawandel erfordert eine optimierte Nutzung der Wasserressourcen.

Neben ihrer lebenswichtigen Rolle bei der Verteilung von Wasser sind die Suonen seit einigen Jahren auch eine überaus beliebte Touristenattraktion: Den Wasserkanälen entlang führen über 1000 Kilometer gut ausgebaute Wanderwege durch die atemberaubende Landschaft der Walliser Alpen. Nicht zuletzt aufgrund dieser neuen Funktion wurden die Suonen gerettet und restauriert statt vergraben, wie es in den 1930er- bis 1970er-Jahren viel diskutiert worden war. Die schwindelerregende Suone von Ayent befindet sich heute wieder im selben Zustand wie im 15. Jahrhundert. Zur Freude der zahlreichen Wanderinnen und Wanderer, aber auch der Bevölkerung der Region.