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Garten

Wo Pflanzen und Menschen gewinnen

Gut gehts den alten Kulturplfanzen im Pro-Specie-Rara-Schaugarten der Solodaris-Gärtnerei in Solothurn. So gut, dass sie nicht nur Augen und Gaumen erfreuen. Man kann aus ihnen auch Saatgut produzieren.

FOTOS
Peter Mosimann
18. August 2019

Blick in  offene Gärten

Wenn die Blüte- und Ernte-Zeit im Garten vorbei ist, reift das Saatgut für die kommende Saison heran. Die Sortenbetreuerinnen und -betreuer von Pro Specie Rara sammeln dann in ihrem Garten die Samen, die sie zuhanden der Samenbibliothek einsenden zur Erhaltung alter Gemüse- und Zierpflanzensorten. 
Am 24. und 25. August öffnen einige von ihnen ihre Gartentore für die Öffentlichkeit und geben Auskunft.

Welche Gärten Sie besuchen können, erfahren Sie hier

Über 80 alte und seltene Staudensorten wachsen im Pro-Specie-Rara- Schaugarten der Solodaris-Stiftung in Solothurn. Alle mit einer Tafel schön beschriftet. Dies ist das Reich der Zierpflanzenexpertin Martina Föhn (57). «Im Frühling blühten hier Schwertlilien und Pfingstrosen», sagt die Gartenbau-Ingenieurin. Sie ist angereist, weil der Schaugarten am Stadtrand von Solothurn an diesem Augusttag 2018 musikalisch untermalt eingeweiht wird. «Enzian und Mohn sind natürlich schon verblüht», sagt sie und deutet auf die entsprechenden Stauden, die auch an ihren Blättern erkennbar sind. Unter einer Staude versteht man eine mehrjährige, nicht verholzende Pflanze, die jährlich oberirdisch abstirbt, als Wurzelstock überwintert und im Frühjahr wieder austreibt. Typische Stauden sind Rittersporn oder Pfingstrosen.

Am Blühen sind jetzt Astern und Herbst-Anemonen. Am prächtigsten sticht der Ruten-Weiderich Rose Queen heraus. Fürs Foto stellt sich Martina Föhn zur ebenfalls karminrosa blühenden Raublatt-Aster Barr’s Pink, die zur Freude der Fachfrau gerade rege von Bienen besucht wird. Man nennt sie auch Neuengland-Astern, denn die samtig behaarten Raublatt-Astern stammen von der Ostküste Nordamerikas her.

Zierpflanzenexpertin Martina Föhn zwischen Ruten-Weiderich und Neuengland-Astern.

Win-win durch und durch

Wie bei jedem ihrer Besuche hat Martina Föhn neue Pflanzenzöglinge mitgebracht. Solodaris-Chefgärtnerin Diana Eichenberger (51) wird die Iris-Rhizome zuerst in Töpfe setzen und dann auspflanzen lassen: Eine Iris kommt in den Schaugarten, der nach und nach 120 PSR-Staudensorten beherbergen soll. Die anderen Iris kommen ins Mutterpflanzenquartier. In diesem Gartenteil quartieren fleissige Solodaris-Gärtner und -Gärtnerinnen die Wurzelstöcke der Stauden ein, um sie dann zu vermehren. Das ist eine Arbeit, die einerseits die Pflanzensorte vor dem Aussterben bewahrt und dazu die Lebensfreude und Gesundheit der Mitarbeitenden stärkt: gewinnende Menschen um gewinnende Pflanzen herum.

Sinnstiftende Handarbeit

«Aussergewöhnliche Menschen pflegen aussergewöhnliche Pflanzen» lautet in diesem Bio-Garten das Motto, denn die Solodaris-Stiftung bietet Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung neben diversen Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten eine sinnstiftende und aufbauende Tätigkeit. Das Ganze begann vor vier Jahren, als der damalige Chefgärtner ein neues Projekt suchte, das zum Betrieb passt. Im Kontakt mit Pro Specie Rara (PSR) zeigte sich rasch, dass sich hier wichtige Ressourcen wechselseitig sehr gut ergänzen könnten. In der PSR-Samenbibliothek lagert nämlich Saatgut von unglaublichen 1600 alten Gemüse- und Zierpflanzensorten. Nur wenn immer genügend frisches Saatgut vorhanden ist, können die raren Sorten überleben. PSR sucht für diesen rettenden Nachschub nicht nur laufend ehrenamtliche Freizeitgärtner und -gärtnerinnen, sondern auch professionelle Gärtnereien mit grosser Anbaufläche. «Dass wir hier viel Handarbeit leisten können und Fachpersonal mit passenden Ausbildungen haben, sind natürlich Pluspunkte», erklärt Diana Eichenberger. Für alle Beteiligten ist es spannend, am ganzen Kreislauf der Pflanzen mitzuwirken: Sie säen, pikieren, jäten, pflegen, gewinnen Samen und vermehren Stauden – alles von Hand und gemäss den jeweiligen Fähigkeiten.

Stangenbohnen der Sorte Herrenböhnli: bald reif für die Samenernte.

Üppiges Kürbisbeet

Die Kürbisse im grossen Beet sind nicht zum Verzehr bestimmt, sondern zur Vermehrung. Gärtnerin Diana Eichenberger entfernt ein paar verdorrte Blätter von den stark rankenden Pflanzen und nimmt eine der leuchtend orangegelben Rive-Riesenkürbisse prüfend in beide Hände. Die Expertin stellt fest, dass das fast zehn Kilo schwere Prachtexemplar noch etwas reifen soll. Die grünlichen Streifen auf der Schale weisen auf die baldige Vollreife hin. «Wir ernten die Samen aber erst dann, wenn die Kürbisse überreif sind», sagt sie. Das ist der Moment, in dem sie und die Gärtner ihres Betreuungsteams die stundenweise mitarbeitenden IV-Rentner anleiten, die Kürbisse zu zerschneiden, die grossen weissen Samen herauszuklauben und in Zuckerwasser gären zu lassen. Nach einigen Tagen sinken die guten Samen, während die schlechten obenauf schwimmen und entsorgt werden. Die guten Samen werden gesiebt, getrocknet, gereinigt und abgepackt.

Solodaris-Chefgärtnerin Diana Eichenberger prüft den Reifegrad eines Rive-Kürbisses.

Neben den Kürbissen sind Ende August auch die Stangenbohnen der Sorte Herrenböhnli reif für die Samenernte. Kopfsalate lässt man im Beet stehen, bis sie verblüht sind. Für die Samenernte muss der Samenstand trocken sein, der beste Zeitpunkt ist der Nachmittag. Die Mitarbeitenden lieben die feine Arbeit der Reinigung und Trennung der Samen von der Hülle. Und am Schluss landet die ganze Ernte in der PSR-Samenbibliothek.

Seltene Sorten

Helfen Sie bei der Rettung!

Möchten Sie zum Überleben von Herrenböhnli und Co. beitragen, engagieren Sie sich als Sorten- betreuer/in bei Pro Specie Rara! Bestellen Sie das für Gönner kostenlose Probierset, mit dem Sie die Saatgutvermehrung ausprobieren können. Sagt es Ihnen zu, können Sie einen Samenbaukurs besuchen und offiziell eine Sorten- betreuung übernehmen. Samen von Pro-Specie-Rara- Pflanzen finden Sie natürlich auch bei Coop Bau + Hobby.