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Buchtipp

Der Schuss zum Schluss

Zum Jahresende die lang ersehnten Krimitipps unserer Kulturredaktoren: zum Verschenken oder Selberlesen. Aber spannend bis zum Schlussschuss.

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Getty Images, Fotolia
03. Dezember 2018

Hässliche Realität

Fiktion wirkt dann am erschreckendsten, wenn sie einen realen Bezug hat. Zwar kann ich das Buch nach dem Beenden weglegen, im Wissen, dass alles nur erfunden ist, aber ein mulmiges Gefühl bleibt trotzdem. Weil das Geschehene so passieren könnte. Oder vielleicht so passiert, aber nicht an die Öffentlichkeit geraten ist. Can wünscht sich auch, alles wäre nur erfunden. Doch für den deutsch-türkischen Kommissar ist der bestialische Mord an zwei jungen bulgarischen Roma auf dem Kölner «Schrottstrich» hässliche Realität. Weil seine Ex-Freundin, eine engagierte Linke, ebenfalls im Zuge dieses Falls ermordet wird und er unter einer komplizierten Nicht-Beziehung zu seiner Mitbewohnerin leidet, verbeisst sich Can viel zu emotional in dieses Dickicht aus Menschenhandel, moderner Sklaverei und Korruption.

Susanne Saygin knallt uns die aktuellen Probleme Deutschlands schonungslos ins Gesicht und schafft damit Betroffenheit. Auch wenn die Handlung nur Fiktion ist.

Susanne Saygin: «Feinde», Fr. 20.40.


Späte Genugtuung

An den Fall Flückiger erinnert sich David Wyss von der Regionalfahndung Burgdorf mit Grauen: Vor sechs Jahren kamen bei der Verfolgung eines Doppelmörders, an der er beteiligt war, vier Menschen zu Tode. Die Schuld lastet schwer auf ihm und beschert ihm Albträume. Da wird er ins Team zur Aufklärung des Mordes an Samuel Dürrenmatt berufen, einem Mitglied der Gurlitt-Taskforce. Doch Dürrenmatt sammelte auch Modellautos, was Fahnder Wyss an den Fall Flückiger erinnert, in dem ebenfalls ein seltenes Ferrari-Modell eine Rolle spielte. Dieses war Christian Sollberger gestohlen worden, dem jetzigen Ständeratskandidaten. Wyss verbeisst sich in die Vermutung, Sollberger könnte in die beiden Fälle verstrickt sein. Nicht zuletzt verspricht er sich davon auch die Verarbeitung seines Flückiger-Traumas.

Ein Krimi mit viel Lokalkolorit und – trotz Psychologie- und Liebesdingen – viel Drive. Ein gelungener Erstling. 

Martin Güdel: «Der Ständerat», Fr. 30.50.


Deutsch und very british

Kate Linville von Scotland Yard ist in Scarborough, weil sie ihr Elternhaus v erkaufen will. Dort ereignet sich gerade Schreckliches: Zwei 14-jährige Mädchen sind verschwunden. Die Leiche von Saskia ist bereits gefunden worden, nun befürchtet die Familie von Amelie das Schlimmste. Detective Caleb Hale ermittelt. Alle sprechen vom Hochmoor-Killer, der Druck auf Hale steigt. Kate Linville, die Amelies Eltern zufällig kennenlernt, will Cale nicht konkurrenzieren, kann es aber nicht lassen, der Sache im Verborgenen ebenfalls nachzugehen. Beide Ermittler haben Talent, aber auch private Probleme, er mit Alkohol, sie mit Männern. Als von einem weiteren Mädchen jede Spur fehlt, wird die titelgebende Suche immer dringender und das Buch noch spannender.

Der deutschen Erfolgsautorin Charlotte Link gelingt es, Schauplätze und Leute so zu beschreiben, als hätte sie selber dort gelebt. 

Charlotte Link: «Die Suche», Fr. 35.40.


Charitos’ Mörderjagd

Erholt kehrt Kommissar Charitos aus den Ferien zurück und erfährt, dass sein Vorgesetzter sich pensionieren lässt. Charitos übernimmt – allerdings nur interimistisch – dessen Aufgaben und wittert die Chance auf eine Beförderung. Gute Laune herrscht. Aber sein nächster Fall ist pikant: Der Minister für Verwaltungsreform wurde vergiftet. Ein Bekennerschreiben taucht auf. War es ein terroristischer Akt? Charitos ist voll gestresst, findet aber immer noch Zeit für ausgedehnte Tafelrunden mit seiner Familie – seine Tochter erwartet ihr erstes Kind – und den drei Grazien, die er und seine Frau Adriani in den Ferien kennengelernt haben.

Irgendwie kommt er einem vor wie ein gutmütiger, aber scharfsinniger Bär, dieser Kommissar Charitos. Und so ist auch Markaris’ Erzählstil: Ich-Form, Gegenwart, oft detailverliebt. Wie ein alter Film mit langen Einstellungen. Ein gemütliches Buch.

Petros Markaris: «Die drei Grazien», Fr. 33.50.


Russisches Vögelchen

Die Boulevard-Journalistin Grace Elliott aus Montreal steht im Herbst 2016 unverhofft vor ihrem beruflichen Durchbruch: Eine Porno- Darstellerin plaudert über ihr Verhältnis mit dem heissesten Anwärter auf die US-Präsidentschaft, einem grossmäuligen republikanischen Unternehmer. Na, klingelts? Doch das ist noch gar nicht der Knüller: Grace wird von ihrem Chef ausgebremst und mit der Star-Kolumnistin Elena Craig nach Prag geschickt. Diese ist die Ex-Frau des erwähnten Präsidentschaftsfavoriten. Grace beschliesst, ein Buch über das frühere tschechische Model zu schreiben, zumal sie herausfindet, dass Elena als Jugendliche von den Russen zur «Schwalbe» ausgebildet wurde, um sich an politisch einflussreiche westliche Männer heranzumachen. Und plötzlich wird Grace von skrupellosen Männern verfolgt …

Warum dieser fesselnde Thriller keinen Autorennamen trägt, ist schnell klar. Die ganze Zeit bohrt die brisante Frage im Hinterkopf: Wie viel davon ist wahr, Mrs. Trump?

Anonymous: «Codename Eisvogel», Fr. 30.40.


Globale Verschwörung

John Wallace konzentriert sich nach dem kräftezehrenden Kampf gegen den Serienmörder mit dem Spitznamen «Der Henker» wieder auf sein Kerngeschäft, die Kriegsberichterstattung. In Afghanistan ringt er mit seinem schlechten Gewissen. Er redet sich ein, für den Tod seiner grosse Liebe verantwortlich zu sein und hofft schon fast auf ein Fallen im Einsatz. Gleichzeitig stossen seine Weggefährten, der Polizist Patrick Bailey und die FBI-Agentin Christine Ash, in London beziehungsweise in den USA auf eine ganze Armee von «Henkern» und kommen einem Netzwerk namens «Freefall» auf die Spur. Die Wege der drei kreuzen sich schon bald wieder und erneut sehen sie sich mit unerbittlichen Jägern konfrontiert.

Wie sein Vorgänger «Pendulum» funktioniert auch «Freefall» hervorragend als Pageturner: Ein Buch wie ein packender Actionthriller im Fernsehen – mit seinen 677 Seiten wie gemacht für gemütliche Winterabende.

Adam Hamdy: «Freefall», Fr. 17.40.


Ein Diakon auf Abwegen

Wenn sich in einem Krimi eine Männergruppe im Pub zum Biertrinken und Stricken (!) trifft, ist die Schweiz wohl kaum der Schauplatz. Nein, wir sind in England. Auch den adligen Ermittler mit Faible für Massanzüge und Luxus- oldtimer kann es so nur im Vereinigten Königreich geben: Detective Inspector Lord Thomas Lynley, von US-Autorin Elizabeth George vor 28 Jahren zur Freude eines Millionenpublikums erschaffen. Auch im neuen Band «Wer Strafe verdient» arbeitet Lynley mit der eigensinnigen, talentierten, aber wenig selbstbewussten Barbara Havers zusammen. Der Fall ist verzwickt. Es gilt herauszufinden, wie der Diakon des Städtchens Ludlow zu Tode gekommen ist. War es Selbstmord? Der Mann mit dem tadellosen Ruf war eines schweren Verbrechens beschuldigt. Wie und wieso war er mit den leichtsinnigen, exzessiv Alkohol trinkenden Studenten verstrickt? Lynley und Havers müssen ein Geflecht von Geheimnissen entwirren. 

Elizabeth George: «Wer Strafe verdient». Fr. 38.–.