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Tourismus

Die Schätze Äthiopiens

Das ostafrikanische Land ist stolz auf sein Erbe: Heimat der ältesten Mutter und 13 Unesco-Welterbestätten, darunter die eindrücklichen Felsenkirchen von Lalibela.

FOTOS
Thomas Compagno, Getty Images
31. Dezember 2018

Die Tississat-Wasserfälle des Blauen Nils sind eine der grössten Attraktionen Äthiopiens. Auf einer Breite von 400 Metern stürzt das Wasser 42 Meter in die Tiefe.

Äthiopien

Tipps und Infos

Reisen: «Let’s go Tours» organisiert individuelle Reisen nach Äthiopien. Die 9-tägige Rundreise «Höhepunkte Äthiopiens» beispielsweise kostet 4395 Franken pro Person im Doppelzimmer (ohne Anreise) bei zwei Reisenden.

Anreise: Ethiopian Airlines fliegt dreimal wöchentlich mit einem Direktflug von Genf nach Addis Abeba (via Mailand oder Wien). Kosten für einen Rückflug in der Economy-Klasse: ab 760 Franken, Flugdauer pro Weg: 9 Stunden. Ab Addis Abeba gibt es gute Anschlüsse für weitere Ziele in Afrika, unter anderem Kenia, Tansania, Ruanda, Uganda etc.

In Zahlen: Äthiopien ist 1,1 Mio. Quadratkilometer gross (rund dreimal die Fläche Deutschlands) und hat 105 Mio. Einwohner. Amtssprache ist Amharisch.

Höhe: Äthiopien ist ein Hochland. Im weitläufigen Hochgebirge Abessiniens liegt auch die Hauptstadt Addis Abeba (2370 m ü. M.). 50 Prozent der Staatsfläche liegen höher als 1200 Meter, 25 Prozent sogar über 1800 m ü. M.

Berühmte Äthiopier findet man vor allem auf den Langstrecken in der Leichtathletik: Kenenisa Bekele (36) zum Beispiel, oder Haile Gebrselassie (45). Beide mehrfache Olympiasieger und Weltmeister. Der berühmteste Äthiopier aber ist eine Äthiopierin: Lucy (3,2 Mio. Jahre), unser aller Urmutter. 1974 fand ein britisches Forscherteam ihre Knochenreste im Awash-Tal, während die Beatles «Lucy in the sky with diamonds» im Radio sangen. So bekam sie ihren Namen. Heute ist Lucy im Nationalmuseum in Addis Abeba zu bewundern.

Nun wird niemand Äthiopien bereisen, nur um das Nationalmuseum zu besuchen. Hingegen hat das Land viel an Natur- und Kulturerbe zu bieten. Zum Beispiel Bahir Dar, die Kleinstadt mit 167 000 Einwohnern am Tanasee, die mediterranes Flair verbreitet. Gästeführer Mas (34), der mich hier begleitet, hat gleich zwei Programmpunkte parat: «Wir besichtigen heute die Wasserfälle des Blauen Nils, inklusive afrikanischer Massage.» Das klingt verlockend. Während vor meinem inneren Auge bereits eine schöne Afrikanerin mit sanften Händen auftaucht, erklärt mir Mas, dass er mit der «afrikanischen Massage» die Strassenverhältnisse zwischen Bahir Dar und dem Unesco-Weltnaturerbe meine. Ich müsse mich auf eine Naturstrasse mit vielen Schlaglöchern einstellen. Schade!

Die Massage stellt sich als weniger dramatisch heraus als befürchtet. Unser Fahrer umfährt die gröbsten Schlaglöcher elegant, wie man es in Äthiopien immer macht. Die Fahrspur ist nämlich nicht zwingend die rechte Strassenseite, sondern einfach die, auf der man besser fahren kann. Auf die eigene Stras- senseite zieht man sich höchstens bei Gegenverkehr kurz zurück.

Eine Trauerzeremonie bei der St.-Georgs-Kirche, der Bet Giyorgis, in Lalibela. Die Kirche wurde um das Jahr 1250 als Monolith aus dem Fels herausgearbeitet.

Hotelière Desta Demissie (24) schenkt äthiopischen Kaffee aus.

Friede nach 27 Jahren Krieg

Äthiopiens Infrastruktur ist erst am Entstehen. Der 27 Jahre dauernde Kriegszustand mit Eritrea, der erst im Juli 2018 beendet wurde, hat dem Land eine lange wirtschaftliche Stagnation beschert. Seit Ministerpräsident Abiy Ahmad (42) eine Politik der Aussöhnung mit der einstigen Provinz Eritrea betreibt, herrscht aber totale Aufbruchsstimmung. Es werden neue Strassen gebaut, und Luxushotels entstehen, die den hohen Ansprüchen westlicher Besucher genügen sollen. Wer in Äthiopien reist, der spürt: Die Menschen hier wollen lernen, gute Gastgeber zu sein, denn das Land braucht Geld. Und das kommt auch aus dem Tourismus.

Die Wasserfälle des Blauen Nils, etwa 30 Kilometer oder eine knappe Autostunde von Bahir Dar entfernt, verfügen weder über eine Zufahrtsstrasse, geschweige denn über einen Parkplatz. Wer sie sehen will, muss von der Hauptstrasse aus rund 20 Minuten wandern. Doch die Fälle sind imposant, auch wenn Mas nicht so recht glücklich ist. «Das waren einmal die viertgrössten Wasserfälle der Welt», erklärt er, «ehe man 1969 für ein Kraftwerk einen Teil des Wassers vor den Fällen umleitete.» Später wurde das Werk sogar noch erweitert; noch mehr Wasser wurde umgeleitet. Heute produziert das Kraftwerk keinen Strom mehr, aber zwei Drittel des Blauen Nils fliessen an den Fällen vorbei, die dadurch ihre einst imposanten Ausmasse verloren haben. «Touristisch gesehen ist das ganz schlecht», sagt Mas. In der Trockenzeit ist manchmal nur noch ein Rinnsal zu sehen.

Zweites Unesco-Naturerbe der Welt

Drei Autostunden weiter nördlich liegt Gondar. Die ehemalige Kaiserstadt auf 2200 Metern über Meer ist Ausgangspunkt für Ausflüge in den Nationalpark im Semian-Gebirge. Dieser ist mit seinen gut 400 Quadratkilometern zwar ein Mini-Nationalpark. Aber er ist das zweitälteste Unesco-Weltnaturerbe – nach dem Yosemite-Nationalpark in den USA. Der lokale Führer, der sich mit Sugar (32) vorstellt, ist stolz auf diesen Fast- Rekord. «Damit sind wir das älteste Reservat in ganz Afrika», sagt Sugar. Und jetzt sei auch eine Vergrösserung geplant. Auf der kleinen Wanderung zu den Aussichtspunkten begleitet uns ein bewaffneter Wächter. Er nennt sich Mr. Fantastic – das wird kaum sein richtiger Name sein, ist für uns Gäste aber sicher einfacher zu merken. Mr. Fantastic (56) hat seine Waffe noch nie gebraucht, beruhigt mich Sugar, denn Leoparden oder Hyänen kämen kaum in die Gegend, und die Wölfe würden die Menschen meiden. «Warum nimmt er die Waffe denn mit?» – «Sicher ist sicher.»

Der Semian-Nationalpark bietet trotz seiner kleinen Fläche eine grosse Tier- und Pflanzenvielfalt. 70 grosse Säugetierarten sind dort zu Hause, unter anderem drei endemische: der Walian-Steinbock, der Äthiopische Wolf und der äthiopische Pavian.

Hochlandkaffee aus Äthiopien

Äthiopien ist der fünftgrösste Kaffeeproduzent weltweit und kennt eine lange Kaffeetradition. Kaffee wird hier nicht einfach gekocht wie bei uns, sondern in einer Zeremonie zubereitet (siehe Video). Kaffee ist auch das Hauptexportprodukt des Landes, zusammen mit Ölsaaten, Gold, Hülsenfrüchten und Khat, das zur Herstellung einer berauschenden Droge dient. Der berühmte Hochlandkaffee wird bis auf eine Höhe von gegen 2000 Meter über Meer angebaut.

Landwirtschaft wird allerdings noch sehr traditionell betrieben. Einen Traktor sucht man im Hochland vergebens. Ochsen ziehen die historisch anmutenden Pflüge, Esel transportieren die Waren. Beide sind im Unterhalt günstiger, denn sie fressen, was am Wegesrand wächst. Das Durchschnittseinkommen eines äthiopischen Bauern liegt umgerechnet bei etwa 70 Franken im Monat, erklärt mir Tadijos (27), der mich vier Tage lang als Fahrer begleitet.

Mit der Landwirtschaft decken die meisten Bauern vor allem den Eigenbedarf. Gemüse wächst bis auf eine Höhe von 4000 Metern. Auch Gerste wird auf dieser Höhe angebaut, denn die vulkanische Erde ist sehr fruchtbar. Die Gerste verkaufen die Bauern an die Brauereien des Landes. «Das garantiert ihnen ein Basis-Einkommen», erklärt Achenef (60), der lokale Führer in Lalibela. Man mag gar nicht glauben, dass die Fotos von hungernden Menschen, die unser Bild von Äthiopien bis heute prägen, in dieser Gegend entstanden sind. «Es hatte in den Jahren 1984 und 1985 zwei Jahre lang nicht geregnet, auch nicht in der Regenzeit. Jeden Tag verhungerten allein in Lalibela 40 Menschen», erinnert sich Achenef. Dabei mag er gar nicht mehr zurückdenken an diese Zeiten. «Das Schlimme war, dass es genug Nahrung in Äthiopien gab. Aber es herrschte Krieg und die Lebensmittel kamen nicht hierher.» Äthiopien könne genug Nahrung für seine Menschen produzieren, sagt Achenef. «Was wir brauchen, sind Frieden und Stabilität.»

Zwei Priester in der Bet Medhane Alem, der grössten monolithischen Kirche der Welt.

Blutbrustpaviane bei ihrer Hauptbeschäftigung.

Kirchen werden noch verwendet

Diese Stabilität ist auch für den Tourismus wichtig, mit dem Achenef heute sein Geld verdient. Er führt die Besucher durch die elf Felsenkirchen Lalibelas. Die nach König Lalibela benannte einstige Hauptstadt des Königreichs Äthiopien liegt auf 2500 m ü. M. und ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Sie zählt inzwischen etwa 50 000 Einwohner. Das schafft vor allem in der Wasserversorgung Probleme. Weil aus den Bergen zu wenig Wasser kommt, wird Grundwasser in der Ebene auf rund 1800 m ü. M. gefasst und nach Lalibela hinaufgepumpt. «Wir haben halt teures Wasser», erklärt Achenef lakonisch. Der 60-Jährige ist wie die meisten Äthiopier tiefgläubig. Die Kirchen sind für ihn mehr als touristische Baudenkmäler. Jedes Mal, wenn Achenef eine Kirche betritt, verneigt er sich kurz und deutet einen Kuss an die Mauer an. In jüngeren Jahren war er als Diakon tätig, und das Haus seiner Familie, in dem er auch zur Welt kam, steht nur wenige Meter neben einer der Felsenkirchen. Aus dem Haus allerdings wurden er und seine Familie vertrieben, als die Felsenkirchen 1978 Unesco-Weltkulturerbe wurden. «They kicked us out. That was not nice», formuliert Achenef vorsichtig. Man spürt den Kloss in seinem Hals dennoch. Auch so ein Ereignis, an das Achenef ungerne zurückdenkt. Viel lieber erzählt er von den Kirchen, die er alle in- und auswendig kennt. Die Kirche Madhani Alam, die Kirche von Mercorios, die Kirche Emmanuel, die Kirche Gabriel und Raphael und so weiter. «Noch heute werden alle Kirchen verwendet», sagt Achenef. Und küsst den Torbogen, ehe er die letzte verlässt. 

Der Autor reiste auf Einladung von «Let's go Tours» und Ehtiopian Airlines nach Äthiopien.

Einige Impressionen der Reise