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Wo die Wolfsmilch wächst

Gran Canaria – ideal, um der Kälte des mitteleuropäischen Winters zu entfliegen. Dabei landete das erste Touristen-Flugzeug erst vor 60 Jahren auf der Insel.

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29. Oktober 2018

Die Playa de las Canteras, der Stadtstrand von Las Palmas.

«Unsere Copacabana!» Manolo Medina (58) präsentiert «seinen» Strand mit einer weit ausholenden Armbewegung im Stile eines Zauberkünstlers. Und tatsächlich, eine gewisse Ähnlichkeit ist nicht wegzudiskutieren. Von seiner Länge her zumindest kann es der Stadtstrand von Las Palmas de Gran Canaria mit demjenigen von Rio de Janeiro aufnehmen. Über 3,2 Kilometer zieht sich die Playa de las Canteras dem Wurmfortsatz im Nordosten der drittgrössten Kanareninsel entlang. Ganzjährig präsentieren hier Flaneure ihre mehr oder weniger gestählten Körper, bauen Kinder Sandburgen und versuchen Unsportliche ihr Glück als Stand-up-Paddler. Dass die Touristen hier nicht unter sich sind, sondern die Insulaner einen beträchtlichen Teil der Strandpopulation ausmachen, verleiht der Playa einen besonderen, irgendwie authentischen Reiz. Restaurants und Hotels, Imbissbuden und Souvenirshops reihen sich am Strand von Las Canteras lückenlos aneinander, dahinter wohnen die rund 380 000 Hauptstädterinnen und Hauptstädter. Zum Beispiel eben Manolo. Seit bald 30 Jahren führt er seine Gäste über die Insel, die er liebevoll «mein Büro» nennt. Er kennt jeden Winkel der 1560 Quadratkilometer. Und wenn nicht, dann ist er es kaum wert, gekannt zu werden.

«Bei den Aktivurlaubern haben wir noch ein grosses Potenzial.»

Manolo Medina, Guide

Jetzt, gegen Ende Oktober, sind die Temperaturen ausgesprochen angenehm. Die Hochsaison beginnt, sie dauert bis April. 3,7 Millionen Touristen suchten 2016 auf Gran Canaria Erholung. 

Tourismus ersetzt Tomaten

Erste vereinzelte Touristen besuchten die Insel schon Ende des 19. Jahrhunderts. 1891 wurde auch der erste von heute acht Golfplätzen eröffnet. 1957 landete dann das erste Flugzeug mit Touristen, deren 54 an der Zahl. Sie stammten aus Schweden, dem Land, das auch heute noch einen grossen Teil der Gäste stellt. Sie verbrachten ihre Ferien vorab im Norden der Insel, westlich von Las Palmas de Gran Canaria. Tourismus im Norden, Tomatenplantagen im Süden, lautete die Devise.

So ergab es sich in den folgenden Jahrzehnten, dass sich der eine oder andere Einheimische in den Discos der Hauptstadt in eine schwedische Touristin verliebte und so auf angenehme Weise eine Fremdsprache lernte. Einer von ihnen war Manolo Medina, damals noch aktiver Body Builder und krausköpfig. Noch heute kommt ihm diese Fähigkeit sehr zupass: Fast ein Drittel der Touristen stammt aus Skandinavien.

 Las Palmas de Gran Canaria: In der Hauptstadt der Insel wohnen 380 000 der 847 000 Bewohner Gran Canarias.

Der Massentourismus nahm seinen Anfang dann aber ganz im Süden mit dem Bau des ersten Hotels in San Augustin 1965. Hotel folgte auf Hotel. Offenbar war mit dem Fremdenverkehr einfacheres Geld zu verdienen als mit der Kultivierung von Tomaten. Die Plantagen verlotterten. Leider vergass man meistenorts, die Gewächshäuser zurückzubauen,  und so bedecken die eingefallenen Plastikhüllen ausserhalb der Touristenzentren noch heute beträchtliche Teile der offenen Landschaft, durchzogen von einem Netz verfallener Bewässerungskanäle.  

Jedem sein Strandplätzchen

Fragt man Manolo Medina nach den drei Orten, die der interessierte Tourist auf Gran Canaria auf jeden Fall besuchen sollte, so nennt er, man ahnt es, als ersten die Playa de las Canteras, gefolgt von den Dünen von Maspalomas und dem Roque Nublo, einem ehemals riesigen Stratovulkan, dem optischen Wahrzeichen der Insel. Den Strand der Hauptstadt haben wir bereits abgehandelt, in den Dünen von Maspalomas stehen wir jetzt, sie stehen unter Naturschutz. Hier pocht das Herz des Massentourismus. Der zugehörige Strand ist acht Kilometer lang. Doch ein ruhiges Plätzchen findet sich auch hier problemlos. Von West nach Ost besetzen traditionellerweise Badende in konventioneller (Bade-)Kleidung, FKK-Begeisterte und Homosexuelle ihre speziellen Strandabschnitte. Mit viel, viel Platz dazwischen.

Ein Schweizer auf Gran Canaria

Heute stehen auf der Insel fast 2600 Tourismus-Anlagen. Der Plafond scheint erreicht. «Nicht ganz», sagt Manolo Medina, «aber es dürfen nur noch Anlagen im Vier-Sterne-Segment und höher gebaut werden.» Kaufkräftigere Gäste sollen kommen. Auch andernorts ortet der Tourismus-Fachmann Potenzial: bei den Aktivurlaubern. Auf nur etwa ein Prozent schätzt er deren Anteil im Moment. Erstaunlich, denn Mountainbiker und Rennvelofahrer finden hier ideale, zugegebenermassen auch anspruchsvolle Trainingsstrecken. 

Auch Wanderer kommen auf ihre Rechnung. Auf diese freut sich René Forrer (61). Er brach vor bald fünf Jahren seine Zelte im St. Gallischen ab und zog nach Gran Canaria. Ohne Job, ohne Wohnung. Zwei Monate später hatte er beides, und heute arbeitet er als Wander- und Mountainbikeguide. 

Der Kanarengirlitz, die Urform des Kanarienvogels.

 Die endemische Kandelaber-Wolfsmilch (Euphorbia canariensis).

Ein verfallener Bewässerungskanal.

 Der Schweizer Wanderleiter René Forrer, im Hintergrund der Roque Nublo.

Er nimmt uns mit auf eine seiner Lieblingswanderungen hoch zum Roque Nublo. Der ist mit 1813 m ü. M. hinter dem Morro de la Agujereada (1956 m ü. M.) und dem Pico de las Nieves (1949 m ü. M.) zwar nur der dritthöchste Berg der Insel, aber dank der beiden senkrecht hochragenden Basaltkamine der bekannteste. Die Wanderung ist ideal, um das kennenzulernen, was Forrer an seiner neuen Heimat am meisten schätzt: die Natur. 

Ohne Bewässerung läuft gar nichts

«Auf den Kanarischen Inseln wachsen 532 endemische Arten, Pflanzen also, die nur hier vorkommen», sagt er. Auf den Britischen Inseln seien es nur deren zwölf. Das Aushängeschild ist die Kanarische Wolfsmilch (Euphorbia canariensis), das floristische Symbol Gran Canarias. Die Artenvielfalt ist dem abwechslungsreichen Klima geschuldet. Vierzehn Microklimazonen zählt man hier, Gran Canaria ist ein Miniaturkontinent auf engstem Raum, eine Insel des ewigen Frühlings. Im trockenen Süden herrscht eine Halbwüste vor, im Norden, der dank dem Nordost-Passat deutlich feuchter ist, wachsen – wo sie nicht gerodet wurden – Lorbeer-Bäume.

Von der Terrasse unterhalb der Basaltkamine aus bietet sich ein fantastischer Rundblick bis hinüber zur grössten der Kanarischen Inseln, Teneriffa mit dem Teide, dem höchsten Berg Spaniens (3718 m ü. M.). Gran Canaria selber ist in dieser Jahreszeit, am Ende des trockenen Sommers, vor allem braun. In ein, zwei Monaten, nach dem ersten Regen, wird sich ein ganz anderes Bild bieten: Dann ist sie grün. Aber: «Ohne Bewässerung ist Landwirtschaft hier unmöglich», sagt René Forrer. Das Wasser stammt aus 62 Stauseen und von Entsalzungsanlagen.

Klar, Gran Canaria ist eine Touristeninsel, auch wenn nur 28 Prozent der Erwerbstätigen direkt im Tourismus arbeiten. Klar auch, die beeindruckenden All-inclusive-Komplexe mit ihren riesigen Unterhaltungs-Angeboten sind, gelinde gesagt, nicht primär auf Individualtouristen ausgerichtet. Aber, es gibt sie, die kleinen, lauschigen Hotels, die Oasen und Rückzugsorte für nicht massentaugliche Individualreisende: an den Küsten des Nordens und Nordwestens, im hügeligen Landesinneren.


Gran Canaria - Tipps und Infos

Anreise: Edelweiss fliegt täglich von Zürich direkt nach Las Palmas de Gran Canaria. Flugzeit ca. 4,5 Stunden.
Temperaturen: Höchsttemperaturen Juni bis November 24 bis 27 Grad, Tiefsttemperaturen 22 bis 25 Grad. Im Winterhalbjahr 21 bis 23 bzw. 16 bis 20 Grad. 
Wasser: zwischen 18 Grad (Februar bis April) bis 23 Grad (September/Oktober).
In Zahlen: Flächenmässig ist Gran Canaria mit 1560 Quadratkilometern nach Teneriffa und Fuerteventura die drittgrösste Insel der Kanaren, einwohnermässig mit 847 000 Personen nach Teneriffa gar die zweitgrösste. 

Das muss man gesehen haben:

  • Die Playa de las Canteras, der Stadtstrand der Hauptstadt Las Palmas de Gran Canaria
  • Die langsam verschwindenden Wanderdünen von Maspalomas im Süden 
  • Der Vulkan Roque Nublo, das Wahrzeichen im Herzen der Insel Moya – ein Bergdorf mit Zuckerguss und Überresten eines Urwaldes
  • Der Palmitos Park mit unzähligen faunistischen und floristischen Attraktionen
  • Artenara, mit 1270 m ü. M. die höchstgelegene Gemeinde mit berühmten Höhlenwohnungen im Nordwesten 

«Ich will Zeit haben, das Leben zu geniessen»

Mit 57 hängte René Forrer seinen Job an den Nagel, verkaufte sein Haus in Wartau SG und zog nach Gran Canaria. Hier trafen wir ihn, machten mit ihm spontan eine Wanderung in der Region des Roque Nublo und liessen uns von seiner Faszination für Gran Canaria, seine Natur und die Bevölkerung anstecken.

Ein mutiger Schritt, mit 57 Jahren ein neues Leben in einem fremden Land zu beginnen.
Nein, nicht wirklich. Das Land war mir ja nicht fremd. Ich war zuvor schon mehrfach auf Gran Canaria, zum ersten Mal mit 18 Jahren, dann immer wieder. Bevor ich mit Arbeiten aufhörte, war ich noch einmal hier. Und dann war für mich klar: Hier will ich leben.

Wanderleiter und Mountainbike-Guide

Seit viereinhalb Jahren lebt der Ostschweizer René Forrer (62) auf Gran Canaria.

Gab es Alternativen?
Ja, Australien hätte mir gefallen. Ich wäre schon früher gerne nach Australien ausgewandert. Ich hatte dort sogar schon einen Job, aber meine Frau mochte nicht. Auch wegen der Kinder. Das war auch gut so. Und jetzt entschied ich mich aus dem gleichen Grund für Gran Canaria: Der Weg in die Schweiz, zu meinen Kindern und Enkelkindern, ist halt schon ein rechtes Stück kürzer als von Australien. Hier können mich die Kinder ohne grosse Umstände besuchen.

Hatten Sie schon vor dem Auswandern Kontakte zu Leuten auf Gran Canaria, die Ihnen dabei helfen konnten, auf der Insel Fuss zu fassen?
Nein, ich kam hierher und kannte niemanden. Aber ich wollte arbeiten, das war klar. Sonst wäre mir langweilig, obwohl ich ja wandere, jogge, bike und auch Rennvelo fahre. Spätestens nach ein paar Wochen wäre mir das verleidet. Ich setzte mir eine Frist: Wenn ich innert drei Monaten keinen Job gefunden hätte, wäre ich weitergezogen, vielleicht nach Thailand oder Australien, wer weiss, vielleicht auch zurück in die Schweiz.

Und?
Nach zwölf Tagen fand ich die passende Wohnung, und nach zwei Monaten einen Job. Eigentlich sogar meinen Traumjob, als Mountainbike-Guide. Dabei war mir von Nutzen, dass ich in der Schweiz in meinem Radverein den Mountainbike-Nachwuchs trainiert hatte: Ich hatte Erfahrung und war immer noch fit. Ich konnte mein Hobby zum Beruf machen.

Trotzdem war das Auswandern auch mit einem finanziellen Risiko verbunden.
Nein, ich wusste: Ich kann mich ohne zu arbeiten bis 65 durchbringen, also bis zur Pensionierung. Ich zahle hier weiterhin AHV und bis zur Pensionierung werde ich hier sicher als Wanderleiter und E-Bike-Guide etwas Geld verdienen.

Kannten Sie denn die Insel schon gut genug, um selber Touren zu führen?
Am Anfang begleitete ich einen erfahrenen Guide, hörte ihm aufmerksam zu, wenn er über Sehenswürdigkeiten, die Natur und die Geschichte der Insel referierte, und ich recherchierte selber im Internet.

Inzwischen haben Sie Ihren Traumjob aufgegeben.
Ja, ich habe jetzt einen noch traumhafteren Job: Ich bin selbstständig und hauptsächlich als Wanderguide tätig.

Und damit sind Sie ausgelastet?
Ich habe pro Woche durchschnittlich zwei bis drei Wanderungen, das reicht mir; ich will ja noch Zeit haben, um das Leben zu geniessen.

Was kostet es, einen Tag lang mit Ihnen zu wandern?
Das kommt auf die Gruppengrösse an. Für eine Person kostet es 120 Franken, für zwei Personen 160, für drei Personen 200 und für vier Personen 240 Franken. Eine Gruppe mit acht Personen bezahlt 440 Franken, aber dann miete ich einen Bus. Für Wandervereine oder Wandergruppen organisiere ich auch mehrtätige Wanderungen.

Je mehr Leute pro Mal, desto besser für Sie.
Finanziell, ja. Aber ich mag kleine Gruppen ganz gern. Und für die Leute ist es auch besser, dann kann man auf ihre individuelle Leistungsfähigkeit eingehen. Wenn ich mit einem Paar unterwegs bin und es hat genug, will nach Hause oder etwas trinken, dann machen wir das. Oder wenn eine Familie picknicken und etwas über die Ureinwohner erfahren will, machen wir das auch. Da richte ich mich voll nach meinen Gästen.

Klingt gemütlich.
Ja, aber ich habe auch einen Gast, der kommt jedes Jahr und will so schnell wie möglich tausend Höhenmeter zurücklegen – da muss ich dann an die Säcke.

Dann machen Sie hundert Mal die gleiche Wanderung – wie langweilig.
Überhaupt nicht. Vergessen wir nicht: Wir haben auf Gran Canaria rund 1000 Kilometer Wanderwege und ich biete über 50 verschiedene Wanderungen an.

Trotzdem, irgendwann hat mans gesehen.
Das Wandern macht mir Spass, klar. Aber noch viel interessanter sind für mich meine Gäste. Und bei kleinen Gruppen kommt man mit den Leuten viel besser in Kontakt, kann mit ihnen auch über private Dinge plaudern. In der Zwischenzeit habe ich auch schon Gäste, die immer wieder kommen. Das ist spannend, das interessiert mich.

Was hat Gran Canaria, was die Schweiz nicht hat?
Ach, da gibt es eine Menge – Positives wie Negatives. Positiv ist sicher das Klima: das ganze Jahr über angenehm mild, nicht zu heiss, nicht zu kalt. Und wenn du es an einem Tag etwas kühler möchtest, gehst du einfach in den Norden. Und man ist hier schon noch etwas freier als an der Schweiz, weniger beobachtet, obwohl die Leute sehr offen und gesellig sind. Aber wenn du hier ein paar Tage nicht arbeiten gehst, gehst du nicht arbeiten; da fragt keiner. In der Schweiz ist der soziale Druck halt schon recht gross.

Und wenn Sie dann 65 sind kommen Sie wieder zurück in die Schweiz?
Nein. Gut, man weiss nie, was das Leben bringt. Aber ich denke, ich werde hierbleiben.

Wie oft haben Sie Ihr Auswandern vor viereinhalb Jahren schon bereut?
Nie! Keine einzige Sekunde.

www.wanderguide-grancanaria.com

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