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INTERVIEW

«Ihr Schweizer seid ein gemütliches Volk»

Kapitän Marcel Duyx (38) führt mit der Excellence Countess ein nigelnagelneues Schiff über nordwesteuropäische Gewässer. 

02. September 2019

Herr Kapitän, kommen Sie …
… ha, ha, so hat mich bisher noch niemand angesprochen …

Ehre, wem Ehre gebührt! Sie sind hier auf dem Schiff der Chef eines kleinen Unternehmens mit fast 50 Angestellten.
Ja, es ist eine kleine Stadt auf dem Wasser. 

Mit Ihnen als Stadtpräsident.
Ich bin der Hauptverantwortliche, aber wir sind wie eine Familie. Ich fühle mich mehr als Teil der Crew, denn als Vorgesetzter. Ich stehe nicht darüber. Wenn etwas passiert, ist es mein Job, mich hinzustellen und Verantwortung zu übernehmen. 

Sie sind ja nicht immer der Captain auf der Countess.
Ich wechsle mich mit einem Kollegen ab. Wir fahren immer zwei Wochen, dann haben wir zwei Wochen frei. Die Matrosen machen vier Wochen und haben dann zwei Wochen frei. Und die Hotelcrew hat noch einmal ein anderes System. Nautik und Hotel sind ziemlich getrennt. 

Aber Sie sind der Chef über alle ...
... genau ...

... auch über die Passagiere.
Ich bin der Hauptverantwortliche.

Was ich am Anfang fragen wollte: Kommen Sie aus einer Seefahrerfamilie?
Nun, mein Vater ist auf der Holland-Amerika-Line gefahren. Aber das war nicht ausschlaggebend für meine Berufswahl. Ich bin mit zehn Jahren mal auf der Jacht meines Onkels mitgefahren und durfte selber lenken. Von da an war klar, welchen Beruf ich erlernen wollte.

Führen Sie auch grosse Kreuzfahrtschiffe auf dem Meer?
Nein, das ist eine komplett andere Welt, da kenne ich mich nicht aus. Nur schon die Geschwindigkeiten (lacht): Auf dem Meer fahren sie mit Seemeilen und Knoten, wir haben Kilometer und Stundenkilometer.

Sie wollten nie aufs Meer?
Nein. Ich habe bis 2010 Flusskreuzfahrten gemacht und mir dann ein eigenes Frachtschiff gekauft. Und vor zwei Jahren habe ich es dann wieder verkauft und bin als Ablöser zum Reisebüro Mittelthurgau gegangen. Da habe ich gesehen: Das ist es, da will ich bleiben.

Was ist der Unterschied für Sie als Captain eines Frachtschiffes oder eines Passagierschiffes?
Hier habe ich ein viel besseres Leben. Man hält Ansprachen, kommt mit vielen Leuten ins Gespräch. Auf dem Frachtschiff dagegen sitzt man den ganzen Tag am Steuer, führt das Schiff und kuckt dabei Fernsehen (lacht) – das war ein Witz. Auf dem Frachtschiff ist es viel langweiliger, finde ich, man ist immer mit sich allein. Anderen gefällt das. 

Was ist das für ein Gefühl, ein nigelnagelneues Schiff zu fahren?
Ich hatte zuvor noch nie ein neues Schiff, das ist für mich eine grosse Ehre. Und eine Herausforderung, denn jedes neue Schiff hat Kinderkrankheiten. Mitzuhelfen, diese zu erkennen und zu beheben, ist eine tolle Sache. Die Countess hat zwar die gleichen Systeme wie die direkten Vorgängerschiffe – etwa die der Excellende Queen –, wurden aber upgedatet und weiterentwickelt. Hier haben wir nur noch Touchscreens. Bevor wir aus dem Hafen rausgefahren sind, haben wir gewusst, wie das Schiff funktioniert – oder wie es funktionieren soll. Ganz genau weiss man das ja nie. 

Ärgern Sie sich nicht manchmal, wenn Sie von den Passagieren immer wieder angesprochen werden?
Nein, dazu sind wir da ...

... nein, Sie sind zum Führen des Schiffes hier!
Klar, aber die Passagiere bezahlen meinen Lohn, und ich bin dafür zuständig, dass die Leute eine gute Reise haben, dass es ihnen gutgeht, dass sie ausgeruht wieder zuhause ankommen. Dass der Motor nicht die ganze Zeit schlägt und es an Deck nicht rumpelt und macht.

Die Countess fährt sehr ruhig. Ist das wegen dem Kapitän oder wegen dem Schiff?
Ja, da gehen die Meinungen auseinander (lacht) ... Nein, das Schiff fährt sich wunderbar und für mich ist es Ehrensache, dass es nicht dauernd knallt und schüttelt. Klar, das ist kaum zu verhindern: Wir haben es mit Wind zu tun, mit Strömungen. Und wenn man mal ein, zwei Sekunden zu spät ist, machts halt mal Bumm und schüttelt. 

Haben Sie selber auch schon eine Kreuzfahrt gemacht – als Gast meine ich?
Nein. Aber wenn wir mal eine machen, wollen wir in die Karibik, etwas Richtiges. Auch eine Flusskreuzfahrt ist natürlich etwas Wunderschönes. Aber für mich persönlich wäre das nichts, ich hätte die ganze Zeit das Gefühl, ich müsste dem Captain erklären, wie er das Schiff zu führen hat. 

Wie würden sie die Passagiere auf Ihrem Schiff charakterisieren?
Sagen wir: Ich habe viele Jahre Amerikaner gefahren, und ich bin im Juli 2018 bewusst zu Excellence gekommen, einem Schweizer Unternehmen. Was mir hier gefällt: Die Schweizer sind immer gut drauf, ihr seid ein gemütliches Volk. 

Fahren Sie verschiedene Routen?
Ja, aber immer Nordwesteuropa: Ijsselmeer, Belgien, Rhein. Auf der Donau bin ich schon so oft gefahren – ich bleibe lieber in der Nähe meiner Heimat Nijmegen. Ich wohne zehn Kilometer entfernt. Dass ich die Gewässer vor meiner Haustüre befahren kann, betrachte ich als grosses Privileg. Viele Kapitäne müssen mit dem Flugzeug zur Arbeit, ich nehme das Fahrrad. 

Immer zwei Wochen auf die Familie zu verzichten, das stelle ich mir schwierig vor, vor allem auch für die Töchter.
Nein, die sind sich das gewöhnt. Auf dem Frachtschiff bin ich ja mit meiner Frau gefahren, da waren die Töchter auch an Bord. Als meine ältere Tochter zur Schule musste, ging meine Frau an Land. Dann bin ich noch zwei Wochen allein gefahren, dann hatte ich die Schnauze voll. Da wusste ich: Ich muss verkaufen, sonst wird mir das viel zu langweilig. Da hat man einen einzigen Matrosen. Um 5 Uhr geht der Wecker, dann steht man von 6 bis 20 Uhr am Steuer, schaut TV und geht wieder ins Bett. Jeden Tag der gleiche Rhythmus. Hier ist man unter den Leuten.

Haben Sie Ihren Lebensjob gefunden?
Möglich, ich denke, ich möchte hier alt werden.

Herr Kapitän, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Die Niederlande in Kürze

Name: Die Niederlande wird oft fälschlicherweise als Holland bezeichnet. Doch Holland, das war die zentrale Provinz, die 1840 in die zwei Provinzen Nord- und Südholland geteilt wurde.
Einwohner: 17,290 Mio. (CH: 8,482 Mio.)
Fläche: 41’543 km2 (CH: 41’285 km2)
Hauptstadt: Amsterdam seit 1983 (Provinz Nordholland)
Regierungssitz: Den Haag (Provinz Südholland)
Grösste Stadt: Rotterdam (Provinz Südholland)
Staatsform: konstitutionelle Monarchie
Staatsoberhaupt: König Willem-Alexander

Die Provinzen: 
•    Drente (Hauptstadt: Assen) 
•    Flevoland (Lelystad)
•    Friesland (Leeuwarden)
•    Gelderland (Arnhem)
•    Groningen (Groningen)
•    Limburg (Maastricht)
•    Nordbraband (‘s-Hertogenbosch)
•    Nordholland (Haarlem)
•    Overijssel (Zwolle)
•    Südholland (Den Haag)
•    Utrecht (Utrecht)
•    Zeeland (Middelburg)