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Tourismus

Pulsierendes Herz des Orients

Feiern, als gäbe es kein Morgen, lautet das Motto Beiruts. Die unverwüstliche libanesische Hauptstadt besticht durch überraschende Gegensätze: Zwischen Kriegstrümmern und glamourösem Nachtleben liegen oft nur wenige Meter.

FOTOS
Nicolas Brodard, Martin/Figarophoto/laif, Daniel Ammann, Shutterstock; Karte: Janina Noser
03. Juni 2019

Praktische Informationen

Reise nach Beirut

Reisen: Die kostengünstige Fluglinie Germania bedient Beirut ab Zürich zweimal pro Woche und bietet auch einen Mietwagen-Service an (Drive&Fly). Vier Stunden Flugzeit. Andere Fluggesellschaften fliegen ab Genf.

Sprachen: Arabisch, Englisch und Französisch.

Währung: Libanesisches Pfund und US-Dollar.

Weitere Informationen hier: https://www.eda.admin.ch

Moscheen, Kirchen und spektakuläre Wohn- und Bankentürme neben Gebäuderuinen mit Schusslöchern. Zwei Millionen Einwohner, 18 Konfessionen. Seit Menschengedenken ist die östlichste mediterrane Metropole ein sagenhaft spezieller Ort. In ihrer 3500-jährigen Geschichte lebten hier Phönizier und Römer. Beirut gehörte zum Reich der Osmanen, bis es an die Franzosen fiel. Nach dem Bürgerkrieg (1975–1990) zwischen maronitischen Christen und Muslimen sowie späteren Konflikten zwischen der Hisbollah und Israel geniessen die Beiruter heute jeden Tag, als wäre es ihr letzter. Auch wenn nicht allen alles erlaubt ist, der Libanon ist das liberalste arabische Land.

Ob verhüllt oder nicht: Im Herzen der Altstadt, beim «I love Beirut»-Logo, machen alle gern ein Selfie.

Weltweit beliebt: die libanesischen Mezze-Häppchen.

Auf der berühmten, frisch sanierten Küstenstrasse Corniche flanieren die Jungen, Schöngeborenen und die Noch-schöner-Operierten den Klippen entlang. Sehen und Gesehenwerden ist die Devise. Im gleichen Satz spricht man Arabisch, Französisch und Englisch, man raucht Shisha und siegt beim Backgammon, flirtet und fädelt dabei am Smartphone am eigenen Netzwerk. In lange Mäntel und Kopftücher gehüllte Frauen füllen die zahllosen Cafés und Restaurants – bis der Ruf zum Nachtgebet erschallt. Zum nächtlichen Durch- tanzen und Feiern verbleiben dann eher diejenigen in gewagten Designerkleidern auf Stilettos. Tradition und Moderne sind in Beirut allgegenwärtig und nah beieinander. 

Die Reise wurde von Germania Flug AG und Mövenpick Hotel Beirut unterstützt.


Nachtschwärmer

Camille Najm ist in Genf und in Beirut aufgewachsen. Der Politikwissenschaftler hat das Nachtleben beider Städte mitgestaltet.

Er pendelte lange zwischen Genf und Beirut und zwischen der libanesischen und schweizerischen Kultur: Camille Najm.

Jeder küsst «Camo», wie man ihn hier nennt, wenn er seine Stammbeiz, die Torino-Bar, betritt. Im Jahr 2012 gründete er mit ­einem Schweizer Freund das ­«Yukunkun», einen Nachtclub im Gemmayzeh-Viertel, das Epizentrum von Beiruts Nachtleben. «Es war eine Art UFO», sagt der 44-Jährige. «In den Clubs gab es damals nur Techno. Wir importierten die alternative Kultur von Genfer Clubs wie dem Piment Rouge oder dem Artamis in den Libanon.» Im «Yukunkun» gab es den Sound des Vinyls, den Groove von Funk, Rock und Soul.

Camille Najm wurde 1975 im Libanon geboren, kurz vor dem Bürgerkrieg. Er wuchs in Genf auf, bis er mit acht zu seinem Vater nach Beirut zurückkehrte. Dort erlebte er die letzten Kriegsjahre und wurde politisch aktiv. Nach einer Gefängnisstrafe kehrte er 1996 nach Genf zurück und studierte Politikwissenschaft. Seine Diplomarbeit schrieb er in Paris. Dann zog er wieder nach Beirut, wo er Militärdienst leistete und im Kulturministerium arbeitete. Israels Angriffe auf den Libanon trieben ihn 2006 wieder nach Europa zurück. Heute ist er verheiratet, hat eine 16 Monate alte Tochter und arbeitet als Politikwissenschaftler und Journalist.

Anfangs Jahr schloss das «Yukunkun» nach sieben Jahren seine Tore. Doch lange hielt es Camo nicht aus, er eröffnete eine neue Bar, das «Brazzaville». Er liebe die Lebensfreude der Beiruter, ihre mediterrane Emotionalität und ihre Fähigkeit, bei null anzufangen. Aber vieles sei oberflächlich und nur scheinbar glanzvoll: «Manchmal fehlt mir die Einfachheit der Schweizer.»

Die Ausgehtipps von Camille Najm

Sandwiches: die von Boubouffe.
Tanzen: Beirut Groove Collective.
Cafés: Osteria oder L’internazionale.
Spezialität: Fleischbällchen Kebbé bi labniyeh.
Lieblingsort: die Treppen und Gassen von Achrafieh.


«Man langweilt sich nie»

Marie-Fleur Bourquin aus Neuenburg ist seit 2017 in Beirut tätig. Sie glaubt nicht, dass sie bald in die Schwiez zurückkehrt.

Marie-Fleur Bourquin lernt nicht nur in Beiruts Cafés Leute kennen.

«Ich habe mich gleich in Beirut ­verliebt», erklärt Marie-Fleur ­Bourquin (29). Sie absolviert hier für ihren Masterabschluss in Kinderrechten ein Praktikum. «Sich wohlzufühlen, ist einfach, die Menschen sind so aufgeschlossen», sagt sie. Man lerne ständig Leute kennen. Weil Beirut vergleichsweise sicher sei, treffe man Künstler, Journalisten oder Diplomaten aus dem ganzen Nahen Osten. Es fänden auch viele Konferenzen und Konzerte statt. «Es gibt keinen langweiligen Moment», schwärmt Bourquin.

Sie ist jedoch hier nicht in den Ferien: Sie arbeitet für zwei Nicht-Regierungsorganisationen (NGO), eine libanesische und eine schweizerische. Mit der ersten, Salam LADC, reist sie jede Woche Richtung syrische Grenze nach Bekaa in den libanesischen Bergen. «Hier kommen die vor dem Krieg fliehenden Syrer an. Wir bieten den Flüchtlingen Dienstleistungen an, etwa ein Versammlungszentrum für Frauen und Jugendliche.»

Die Organisation verteilt auch lebenswichtige Ausrüstungen, organisiert Englisch- und Alphabetisierungskurse. Die in Genf ansässige NGO «Service Social International» hat im ganzen Land Kinderspielplätze mit Animations- und Betreuungsdiensten gegründet.

«Ich bin fasziniert von der Mischung der Kulturen. Und die Menschen leben trotz Schwierigkeiten und der schweren Vergangenheit gut zusammen», fasst Bourquin ihre Eindrücke zusammen. Sie plant vorerst nicht, in die Schweiz zurückzukehren, obwohl sie ihre Familie und Freunde vermisst. Auch das Baden in den Seen fehlt ihr: «Hier leben wir am Meer, aber dieses ist zu verschmutzt zum Schwimmen. Wir können nur Sonnenbaden!»

Die Ausgehtipps von Marie-Fleur Bourquin

Café: Aaliya’s Books, Buchhandlung mit gutem Kaffee und Spezialitäten.
Tanzen: Ballroom Blitz oder The ­Gärten; Mezyan, ein Restaurant, das auch ein Tanzlokal mit arabischer Musik ist.
Bars: Demo: Live-Konzerte und Cocktails; Riwaq: Terrasse, Konzerte, Cocktails und Essen; Kalei: ruhig im Herzen von Beirut.
Lieblingsort: das armenische Viertel Bourj Hammoud, es ähnelt einem Dorf.


Eine neue Stimme

 Journalistin Marie-José Daoud liebt Beiruts spezielle Energie.

Ihren Blog hat Marie-José Daoud (40) nach dem beliebten Hüttenkäse Labneh benannt. Auf «Labneh & Facts» veröffentlichen sie und ihre Freundin Soraya Hamdan (32) online auf Französisch und Englisch Inhalte für und über junge Menschen. «Sexualität, Religion, Ökologie oder psychische Gesundheit sind hier Tabuthemen», erklärt Daoud. «Wir wollen die junge Generation berühren und dazu animieren, unser Land zu verbessern».

Was ihr an Beirut speziell gefällt? «Das aussergewöhnliche Nachtleben und die verrückte Energie.»

Die Ausgehtipps von Marie-José Daoud

Bar: Anise für die Arak-Cocktails (Arak ist das nationale Anis-Getränk) und für Drinks mit wildem Thymian.
Restaurant: Onno, sehr gutes armenisches Essen.
Spezialität: mit Reis und Tomaten gefüllte Weinblätter.
Lieblingsort: der Horsh Beirut Park, die einzige grosse Grünfläche der Stadt, wo sich alle Schichten treffen.