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Neapel

Bella Napoli – das volle Leben

Lange litt Neapel unter seinem schlechten Ruf. Doch mittlerweile klettert die Stadt am Vesuv in der Beliebtheitsskala touristischer Schauplätze stetig nach oben. Fünf Tipps für Junge und Junggebliebene, wie sich Neapel am besten geniessen lässt. 

11. November 2019

  Chaotisch geht es in den Gassen Neapels zu und her – gerade das macht seinen Reiz aus.

1. Wohnen wie die Neapolitaner!

Es gibt Städte, da spielt die Unterkunft absolut keine Rolle, weil man sich ohnehin nur selten darin aufhält. Auch in Neapel findet das Leben vor allem draussen statt. Trotzdem ist hier die Bleibe wichtig – und ganz besonders ihre Lage! Denn wer eine Unterkunft am richtigen Ort wählt, der taucht sofort und unmittelbar ins Stadtleben ein. Und das ist je nach Quartier unvergleichlich turbulent, chaotisch, verwirrend, aber nie langweilig. Wer also Lust auf das volle neapolitanische Leben hat und erst noch Geld sparen will, dem sei ein einfaches Privatzimmer empfohlen – am besten in den Quartieri Spagnoli, diesem Wirrwarr aus engen Gäss-chen, kleinen Balkonen und voll behängten Wäscheleinen. Oder im Centro Storico, der Altstadt Neapels mit den beiden markanten Hauptstrassenzügen Spaccanapoli und Via Tribunali, die zu pulsierenden Fussgängerzonen umfunktioniert wurden; dort ist auch abends sehr viel los. Ebenfalls sehr schön das Quartier Pizzofalcone, wo wir unsere Unterkunft hatten. Der Taxifahrer wollte zwar nicht aussteigen. Unsicher fühlten wir uns trotzdem zu keinem Zeitpunkt. Hier wohnt man sehr nahe zum Ausgehviertel Chiaia. 

2. Pizza essen – aber nicht nur!

  Pizza ist wichtig und gut in Neapel, dafür stehen die Touristen gerne auch mal Schlange – so wie vor dem «Da Michele». 

Neapel gilt als Wiege der Pizza. Man hat die Qual der Wahl – Hunderte von Pizzerien stehen zur Auswahl, viele sind hervorragend und doch wird ein Lokal, das «Da Michele» in der Nähe des Bahnhofs, mehr als andere gepriesen. Vermutlich hat das mit Julia Roberts zu tun, die in «Eat, Pray, Love» im «Michele» genussvoll am knusprigen Teig knabbert: «Heute geniesse ich diese Pizza, morgen gehe ich mir grössere Hosen kaufen.»

Ein Besuch dieser angesagten Pizzeria beginnt lange vorher: Wer essen will, muss eine Nummer ziehen und warten. 90 Minuten dauert es, bis wir Einlass finden. Drinnen gibt es zwei Sorten Pizza, die Margherita und ihre kleine Schwester, die Marinara (Tomaten, Öl, Knoblauch, Oregano). Teig und Geschmack sind okay, mehr aber nicht. Doch das Lokal ist wie gesagt Kult und draussen, beim Warten, kommt man mit den mehrheitlich jüngeren Gästen leicht ins Gespräch («Wie lange wartet ihr schon? Ah, ihr seid aus Holland?»).

Wem das Ambiente wichtiger ist, dem seien andere Pizzerien empfohlen, etwa das «Sorbillo» am Lungomare. Oder aber man versucht gleich etwas ganz anderes. «Neapel ist nicht nur Pizza», sagt Restaurantbetreiber Toti Lange in der «Baccalaria» und serviert köstlichen Stockfisch in allen Variationen. Tatsächlich muss es nicht immer Pizza sein. Aber ganz ohne geht es in Neapel auch nicht.

3. Maradona zählen!

 Diego Armando Maradona hat gut lachen in Neapel, er wird verehrt wie ein Heilsbringer.

 Bruno Alcidi hat Maradonas Originalhaar gefunden.

Der preisgekrönte Dokumentarfilm «Diego Maradona» hat den «Fifa-Fussballer des 20. Jahrhunderts» zuletzt auch bei jüngeren Fussballfans, die nicht mehr Zeitzeugen waren, ins Bewusstsein gerückt. Und das ist gut so für einen Besuch in Neapel. Denn Maradona wird am Vesuv auch heute noch wie einem Gott gehuldigt; der Argentinier führte den vorher so serbelnden SSC Neapel in den Achtzigerjahren gleich zweimal zur Meisterschaft. Man kann sich beim Sightseeing einen Spass daraus machen: Wer erspäht an einem Tag am meisten Maradona-Abbildungen? Von grossen Gemälden an Häuserfassaden mit seinem Konterfei bis zu kleinen Maradona-Krippefiguren findet sich die ganze Bandbreite an Heldenverehrungen.

Eine der verrücktesten ist in der Altstadt, nur wenige Schritte vom Duomo di San Gennaro entfernt, zu finden: Bruno Alcidi hat in seiner «Bar Nilo» in der Via San Biagio dei Librai einen Altar errichtet, der Maradona gewidmet ist. Besonders stolz ist der 58-Jährige auf den Inhalt eines durchsichtigen Behälters, der auf dem Schrein steht: Darin befindet sich «il capello di Maradona» – ein Originalhaar des Verehrten. 1990 sei er, erzählt der eingefleischte Fan, nach einer Partie in Mailand zufälligerweise im gleichen Flieger wie die Napoli-Spieler zurückgeflogen. «Natürlich habe ich nur noch auf Maradona geschaut. Beim Verlassen des Flugzeugs kam ich an seinem Sitzplatz vorbei und entdeckte auf der Kopflehne ein Haar von ihm.» Wie eine Trophäe nahm er dieses mit. Seitdem ist das Haar in seiner Bar eine Touristenattraktion – und bringt ihm täglich eine Vielzahl neuer Gäste. Mit ihnen diskutiert Alcidi leidenschaftlich gerne und stellt klar: «Maradona war der Grösste. Basta.»

4. Shoppen und Espresso trinken!

  Die Galleria Umberto I beeindruckt mit ihrer imposanten Architektur.

Neapel gilt als Shoppingparadies. Die Zahl der Geschäfte ist hoch, die Preise hingegen sind vergleichsweise sehr tief. Zu den längsten Einkaufsstrassen zählt die Via Toledo, die verkehrsfrei ist und an der die Galleria Umberto I liegt. Mailand brüstet sich ja gerne mit der Galleria Vittorio Emanuele II, die zu den meistfotografierten Motiven der Stadt zählt. Im Vergleich dazu muss die Galleria Umberto I nicht zurückstehen; die neoklassizistische Architektur ist sehr imposant.

Am Ende der Fussgängerzone angelangt, erreicht man die Piazza Plebiscito. Hier lohnt es sich, für einen Moment im Gran Caffè Gambrinus einzukehren und sich einen Cappuccino und eine der hausgemachten Süssigkeiten zu gönnen oder aber jemanden anderen zu erfreuen. Denn wer für sein Karma eine tägliche gute Tat benötigt, der kann einen «caffé sospeso» spendieren: Dabei handelt es sich um einen Kaffee, den man bei der Kasse bezahlt und der dann von einem Bedürftigen konsumiert werden darf. 

Weitere Einkaufszonen, die Neapolitaner empfehlen, sind die Via Chiaia, in die man nach der Kaffeepause im Gambrinus einbiegen kann. Oder aber die Via Scarlatti im Stadtteil Vomero, der höher gelegen ist. Hier ist die Fussgängerzone deutlich breiter.

5. Ausgehen und abtanzen!

Auf der Piazza Bellini hängt an der Brüstung eines Strassencafés ein Banner: «Essere napoletano è meraviglioso» – Neapolitaner zu sein, ist wunderbar. Wie wahr, wenn es ums Ausgehen geht. La movida, das Nachtleben, hat für Junge und Junggebliebene viel zu bieten. Angefangen bei der erwähnten Piazza Bellini, die besonders bei Studentinnen und Studenten ein beliebter Ort ist, um Folgendes in wechselnder Reihenfolge zu tun: flanieren, schauen, etwas trinken, miteinander quatschen und wenns gerade passt, vielleicht auch noch ein wenig flirten. Und wer irgendwann das Gefühl hat, dass er schon jedes Gesicht gesehen hat, kann auf einen der anderen Plätze ganz in der Nähe hinüberwechseln, etwa zur Piazza San Domenico Maggiore oder zur Piazza del Gesù, wo es ebenfalls eine riesige Auswahl an Verweilmöglichkeiten gibt. 

Sehr populär und ziemlich chic ist das Ausgehviertel Chiaia mit seinen zahlreichen Bars, in denen der Abend mit der Happy Hour eingeläutet wird: Dabei werden zum Aperitif – besonders populär ist der Aperol Spritz – Häppchen serviert, so köstlich und oftmals in einer Fülle, dass der Besuch einer Pizzeria hinausgeschoben werden kann. Fast schon romantisch schön ist die Stimmung im Borgo Marinari – einer kleinen Insel mitsamt Neapels ältester Burg aus dem 12 Jahrhundert, die man vom Lungomare aus erreicht. Hier, obwohl so nahe gelegen, fühlt man sich weit weg von der Hektik von Neapels Innenstadt. Die jüngeren Besucher treffen sich im Borgo Marinari, zum Flanieren, Schauen, Trinken … das ganze Programm eben.

Wer schliesslich abtanzen will, dem sei «L’Arenile» empfohlen, das im Stadtquartier Bagnoli gleich am Meer liegt. Tagsüber wird hier gebadet, am Abend getanzt.


Neapel für Anfänger

In Zeiten von Greta und Klimawandel ist der Zug für die Reise nach Neapel endgültig zur valablen Alternative geworden.

War früher die Zugfahrt von der Schweiz aus nach Neapel fast so aufwendig wie eine Weltreise, gehts heute viel schneller, günstiger und auch bequemer – dank den Eurocity-Schweiz–Italien-Verbindungen und den italienischen Hochgeschwindigkeitszügen «Frecciarossa», die Tempi von bis zu 300 Stundenkilometern erreichen. Wer in Bern morgens um 7.34 Uhr den Zug besteigt, erreicht Mailand in drei Stunden. Von dort gehts direkt nach Neapel, mit Ankunft um 15.58 Uhr. Wer bis zu 14 Tage vor Reisebeginn bucht, profitiert für die Eurocity-Verbindungen von sogenannten Mini-Tarifen (die Anzahl Plätze ist begrenzt und es gelten besondere Konditionen). 

In der Business-Klasse der Frecciarossa-Züge stehen Wi-Fi, Tageszeitungen und Snacks sowie Getränke zur Verfügung. Inhaber eines EuroCityBilletts der 1. Klasse ab oder nach Milano Centrale, die über ein FrecciaAnschlussbillett der 1. Klasse (oder Business- oder Executive-Klasse) verfügen, haben freien Zutritt zur Freccialounge in Mailand. 

Mehr unter: www.sbb.ch/italien

Postkartenpanorama und Untergrund

Vier weitere Tipps, um Neapel noch mehr zu geniessen

Grandiose Ausblicke: Entweder vom Castel Sant’Elmo im Stadtteil Vomero (erreichbar mit der Metro 1 oder der Standseilbahn gegenüber der Galleria Umberto I) aus oder von der Terrazza di Posillipo – hier gibts bei schönem Wetter ein unvergleichliches Postkartenpanorama mit Lungomare und Vesuv. Fahrt dorthin (zum Beispiel mit dem Taxi) via die 13 Rampen von Sant’Antonio.

Unter dem Boden: In der Galleria Borbonica in 23 Meter Tiefe kann der Besucher die weitverzweigte Unterwelt Neapels kennenlernen und damit auch einen spannenden Teil seiner Geschichte. Hierhin wurden jahrelang Autos und Motorräder entsorgt. Einige dieser total verstaubten Oldtimerfahrzeuge sind ein beliebtes Fotosujet, wie auf Instagram zu sehen ist.

Das etwas andere Lokal: «Archivio Storico» mit fünf speziell eingerichteten Räumen. Gutes Essen, tolle Cocktails. Via Alessandro Scarlatti 30, Vomero.