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Die Welt vom Wasser aus

Auf Flusskreuzfahrten kommen die Städte und Landschaften zu den Reisenden. Nicht umgekehrt. Das ist enorm entspannend.

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ZVG
07. Januar 2019

Eine der Attraktionen der Donau-Kreuzfahrten: die Vorbeifahrt am Parlamentsgebäude in Budapest.

«Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön», beginnt ein deutsches Volkslied. Seit ein unbekannter Verseschreiber den Text notierte, sind bald hundert Jahre vergangen, doch er ist aktueller denn je. Nie zuvor standen Ferien auf dem Schiff so hoch im Kurs wie heute. Auf hoher See, aber – und vor allem – auch auf Flüssen. Mit Passagier- und Umsatzzahlen geizt die Branche. Doch die Zahl der Flusskreuzfahrtschiffe auf Europas Binnengewässerstrassen hat sich in den letzten zwölf Jahren auf 350 verdoppelt, meldet die Internet-Plattform kreuzfahrtnews.net.

Einmal auspacken – fertig

Den Schweizer Markt dominieren zwei Anbieter: Thurgau Travel und das zur Twerenbold-Gruppe gehörende Reisebüro Mittelthurgau, beide in Weinfelden TG domiziliert, beides Familienunternehmen und deshalb nicht zur Veröffentlichung eines detaillierten Geschäftsberichts verpflichtet. Doch den zwei Schweizer Branchenkrösussen geht es offensichtlich gut. Auch sie eilten in den letzten Jahren von Schiffstaufe zu Schiffstaufe. «Neben der laufenden Erneuerung der Flotte nahmen wir seit 2012 acht zusätzliche Schiffe in Betrieb», sagt stellvertretend Florian Condamin (29), der Marketing Manager von Thurgau Travel.

«Eine Flusskreuzfahrt ergibt eine andere Sicht auf die Dinge.»

Christian Laesser

Warum dieser Erfolg? Was treibt Erholungsuchende scharenweise auf Flusskreuzfahrtschiffe? Antworten liefert wieder das eingangs zitierte Volkslied: «… denn da kann man fremde Länder und noch manches andre sehn.» Oder um es mit den Worten von Christian Laesser (53), Professor für Tourismus und Dienstleistungsmanagement an der Universität St. Gallen, zu formulieren: «Flusskreuzfahrten sind sehr konvenient.» Konkret: Die Reisenden beziehen am Anfang der Reise ihre Kabine auf dem Schiff, richten sich ein und lassen die Aussenwelt, die Städte und Landschaften, an sich vorüberziehen. «Das ergibt eine andere Sicht auf die Dinge und neue Einblicke», sagt Laesser. «Sie sehen eine Stadt aus einem anderen Blickwinkel oder fahren durch Naturschutzgebiete, die ihnen in einem Reisebus versperrt blieben.»

60 plus – und Jüngere

Tatsächlich richten die Anbieter ein grosses Augenmerk auf Konvenienz, auf Bequemlichkeit: «Früher machte man Flusskreuzfahrten mit umgebauten Frachtschiffen», sagt Florian Condamin, «heute baut man dafür Spezialschiffe, die es punkto Komfort und Service mit hochklassigen Hotels durchaus aufnehmen können.»

 Fotos ZVG

Ob in der Bar oder in der Kabine: Die Voraussetzungen für erholsame Ferien sind auf Flussschiffen vorhanden.

Touristik-Professor Laesser macht noch einen anderen Grund für den Erfolg der Flusskreuzfahrten aus: die demografische Situation. «Derzeit geht eine Generation in Pension, die noch eine gesicherte Rente hat: Diese Leute haben Zeit und Geld.» Dem stimmt auch Condamin zu. «Unser Publikum ist 60 plus», gibt er unumwunden zu, fügt aber an, dass Thurgau Travel beispielsweise mit seinen Asien-Reisen durchaus auch eine jüngere Klientel anspreche. Nicht zuletzt deshalb hat das Unternehmen drei eigene Schiffe in Myanmar stationiert. «Wir sind auch bestrebt, immer wieder neue Routen und Destinationen zu erschliessen.» So war Thurgau Travel das erste westliche Unternehmen, dessen Schiffe das russische Kaliningrad anfuhren oder auf dem unteren Mekong kreuzten. Und neu fahren sie ab 2020 auf Gewässern Bangladeschs oder in Indien von Kalkutta durchgehend bis Varanasi.

Klassiker mit wechselnden Städten

Komfortablere Schiffe hin, neue Routen her, die Renner sind seit Jahren dieselben: auf dem Rhein Basel–Amsterdam–Basel (9 Tage), auf der Donau Passau–Budapest–Passau (8 Tage) oder Passau–Donaudelta–Passau (15 Tage), auf der Seine Paris–Le Havre–Paris (8 Tage) oder auf der Rhône/Saône Lyon–Arles–Lyon, eventuell mit Abstecher nach Mâcon (8 Tage). Um wiederkehrende Flusskreuzfahrt-Aficionados zufriedenzustellen, die mehrfach die gleiche Strecke befahren, wechseln die Anbieter die Städte, in denen sie anlegen.

Das Spektrum an Flusskreuzfahrten ist breit. Thurgau Travel etwa hat Reisen von drei bis 19 Tagen Dauer im Programm. Das Familienunternehmen ist mit mehr als 40 Schiffen auf 45 Gewässern in 25 Ländern unterwegs. Mit Blick auf das Programm 2019 freut sich Firmengründer Hans Kaufmann (71) insbesondere über die 15-tägige Reise Moskau–St. Petersburg mit der Zusatzschlaufe zu den Solowezki-Inseln im Weissen Meer. «Es fühlt sich an wie eine Rückkehr nach Hause», sagt er, der vor 25 Jahren als erster Westler Flussreisen in Russland organisierte. 2001 gründete er dann Thurgau Travel, und heute sind sowohl seine beiden Töchter als auch sein Sohn im Unternehmen tätig. 

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit Thurgau Travel.

Flusskreuzfahrt – Tipps für Einsteiger

1. Wahl des Schiffs: Achten Sie auf Komfortklasse (Sterne) und Grösse: *** = Mittel-, **** = Komfort- und ***** = Deluxeklasse (Zuordnung basiert auf Erfahrungswerten des Veranstalters und Empfehlungen oder Vorgaben der Reedereien).

2. Wahl des Decks: Oft liegen die Kabinen des Hauptdecks unter der Wasserlinie und verfügen über Oberlichter, die sich nicht öffnen lassen. Mittel- und Oberdeck- kabinen haben einen französischen Balkon; so kann man von der Kabine aus die vorbeiziehende Landschaft geniessen.

3. Position der Kabine: Die hintersten Kabinen sind oft etwas lärmiger, die Vibrationen der Maschinen eher spürbar; deshalb sind sie günstiger.

4. Fitness: Die meisten Schiffe haben einen Aufzug, doch zum Aussteigen muss ab und zu ein benachbartes Schiff überstiegen werden.

5. Rollstuhlfahrer: Die Flussschiffe sind – schon aus Sicherheitsgründen – nicht geeignet für Personen, die vollständig auf einen Rollstuhl angewiesen sind.

6. TV und WLAN: Die Übermittlung der Signale erfolgt via Satellit, Ausfälle sind möglich.

7. Kleidung: An Bord und für Ausflüge sportlich bequem mit guten Schuhen. Beim Kapitäns- oder Gala-Dinner darfs gerne etwas festlicher sein.

8. Landausflüge: Lohnt sich der Kauf des ganzen Ausflugspakets? Nur, wenn Sie alle Ausflüge mitmachen. In der Regel können Sie während der Reise einzelne Ausflüge buchen.

9. Schnupperreise: Wer nicht gleich 8 oder 14 Tage auf dem Schiff reisen will, bucht eine Schnupperreise, etwa Basel–Colmar–Strasbourg–Basel, 4 Tage ab 240 Franken.

10. Reisezeit: Wer rechtzeitig bucht und nicht in der Hauptsaison verreist, erhält oft namhafte Rabatte.