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Fünf Gletscher auf einen Streich

In vier Tagen Österreichs Alpenhauptkamm von Osten nach Westen zu queren – das war das Ziel der 5-Gletscher-Freeride-Tour.

FOTOS
Julian Bückers
08. April 2019

Aufstieg in der fast unberührten Ötztaler Gletscherlandschaft. Im Hintergrund zeigt sich bereits das Pitztaler Gletscherskigebiet.

Die 5-Gletscher-Tour in Zahlen

1. Etappe: Vorderlanersbach (Zillertal)–Fulpmes (Stubaital)
Skigebiet Hintertux
Distanz: 11,11 km
Höchster Punkt: 3040 m ü. M.
Aufstieg: 620 Höhenmeter
Abfahrt: 2333 Höhenmeter

2. Etappe: Fulpmes–Sölden (Ötztal)
Skigebiet Stubaier Gletscher
Distanz: 10,39 km
Höchster Punkt: 3198 m ü. M.
Aufstieg: 541 Höhenmeter
Abfahrt: 2267 Höhenmeter

3. Etappe: Sölden-Weisswald (Pitztal)
Skigebiet Sölden
Distanz: 7,33 km
Höchster Punkt: 3221 m ü. M.
Aufstieg: 221 Höhenmeter
Abfahrt: 722 Höhenmeter

4. Etappe: Weisswald–Feichten (Kaunertal)
Skigebiet Pitztal
Distanz: 14,9 km
Höchster Punkt: 3467 m ü. M.
Aufstieg: 933 Höhenmeter
Abfahrt: 2253 Höhenmeter

2315 Höhenmeter mit Fellen hoch, 7575 Höhenmeter im Pulverschnee wieder runter. Entlang der bekanntesten österreichischen Gletscherskigebiete mit den klingenden Namen Zillertal, Stubaital, Ötztal, Pitztal und Kaunertal verläuft die Route. Die Tagesetappen starten immer auf dem höchsten Punkt der Gletscherskigebiete, aber die Abfahrten führen auf deren Rückseite über unbefahrene Hänge hinunter ins nächste, einsame Tal.

Tag 1: Vom Zillertal ins Stubaital

Die Wettervorhersage für den Dienstagmorgen ist enttäuschend präzise. Im dichten Nebel sehen wir die Hand vor den Augen kaum. Wir sind fast alleine auf dem Hintertuxer Gletscher im Zillertal, machen erst mal einen Kaffeehalt. Die zwei Bergführer Flo und Chris graben auf dem Grat der Höllscharte ein Lawinenprofil, um die Schneeschichten zu analysieren. Die Lawinengefahr ist wegen des Neuschnees erheblich. Nach zwei Stunden melden sich die Bergführer via Funk: Sicht und Schnee sind so, dass wir es wagen können, ins Wildlahnertal hinunterzufahren. Das bedeutet fast 1000 Höhenmeter in feinstem Pulver. Brusthoch baut er sich vor uns auf und zerstäubt beim Durchpflügen in alle Himmelsrichtungen. Was für ein Privileg!

Wir staunen über die federleichte Ausrüstung. Die Ski-Industrie liefert sich bei der Gewichtsreduktion einen harten Kampf. Kein Anbieter, der nicht sogenannte Pin-Bindungen im Angebot hat.

Wir kommen am Talboden an. Also Felle auf die Freerideskis und hinauf. Auf dem Grad angekommen, sehen wir bereits hinunter zur Talstrasse, auf der wir abgeholt werden. Unterwegs bekommen wir zu spüren, weshalb die Bergführer Respekt vor der Lawinensituation hatten: An manchen Stellen rutscht der Schnee unter uns weg.

Tag 2: Vom Stubaital ins Ötztal

Kaiserwetter! Wir starten auf dem Stubaier Gletscher, verlassen die Piste, hinunter in die faszinierende Eiswüste – mal die direktere Linie carvend, mal eher elegant wedelnd. In Spitzkehren gewinnen wir dann Höhe im steilen Gelände bis zur Warenkarscharte: Fernsicht bis zu den Dolomiten. Nach ein paar lang gezogenen Schwüngen hinunter auf den Gletscher verpflegen wir uns aus den Rucksäcken. Ein Teilnehmer entdeckt ein steiles Couloir, fährt los und zieht eine atemberaubende Linie in den Schnee. Unser heutiges Ziel ist Sölden. In den Südhängen spüren wir die Frühlingswärme. Die Route führt durch einen Steingarten. Wir erreichen die Baumgrenze, dann einen schattigen Forstweg, auf dem wir fast bis ins Dorf fahren. Die Menschen sitzen in T-Shirts in den Cafés. Dazwischen wir, die alle Klimastufen zwischen Hochgebirge und Blumenwiese an einem Tag erleben durften.

Autor Peter Röthlisberger

Ist das Fahren unmöglich ist Abseilen gefragt.

3. Tag: Vom Ötztal ins Pitztal

Am dritten Tag bringt uns die Gondel ­wieder auf den höchsten Punkt im Gletscherskigebiet. Von der Aussichtsplattform sehen wir auf den Tiefenbachgletscher hinunter. Es gibt keine Spuren, weil man nicht mit Skis hinunterfahren kann. Also Klettergurt montieren, die Skis auf den Rucksack schnallen und abseilen in die steile Flanke. Den Zuschauern auf der Plattform bietet sich ein ungewohntes Intermezzo. Als der sichernde Bergführer zuletzt selbst ungesichert über die Felsen hinuntersteigt, wird er mit einem Applaus verabschiedet. Die Skigötter sind wieder mit uns: stiebender, unberührter Tiefschnee zwischen Gletscherspalten. Die Quittung kommt auf dem Fusse. Felle an und hinauf auf den Karles-Gletscher. Wie jeden Tag fährt einer der Bergführer voraus, erkundet die Steilheit des Geländes, die schönsten Couloirs, die Schneebeschaffenheit und weist uns via Funk an, in welche Richtung wir halten sollen. So kommen wir auch in den Genuss des 500 Höhenmeter langen Couloirs hinunter ins Pitztal.

Wo einst Ötzis Mumie lag, liegt der Firnschnee traumhaft.

Tag 4: Vom Pitztal ins Kaunertal

Die Tour führt uns auf 3467 Meter über Meer: die härteste und abenteuerlichste Etappe. Die Pitztaler Metro bringt uns auf den Gletscher. Wie in einer Wüstenlandschaft steigen wir zwischen eisigen Schründen und über verwehte Weiten hinauf zur Petersenspitze. Die Bergführer zeigen uns den Fundort von Ötzi, der berühmten Gletschermumie. Die Sonne brennt aus blauem Himmel auf unsere Köpfe. Vor uns eine sehr steile Flanke. Also Ski abziehen, einige Meter am Seil hinunterklettern, Ski wieder anziehen und die Abfahrt geniessen. Waren die zwei ersten Aufstiege einigermassen flache Annäherungen an die Hindernisse, kommt beim dritten Aufstieg die wahre Herausforderung. In engsten Spitzkehren schrauben wir uns die Serpentinen hinauf. Der Mund ist trocken, der Atem schnell. Das letzte Stück ist so steil, dass wir die Ski abschnallen und bis zum Grat hinaufkraxeln. Geschafft!

Wir fahren im schweren Frühlingsschnee hinunter zur Kaunertaler Mautstrasse. Die gewaltige Ost-West-Tour entlang des Alpenhauptkamms ist geschafft. 

Der Autor nahm auf Einladung der Firmengruppe MDV (Marker, Dalbello, Völkl) an der Gletscher-Freeridetour teil. Die Ausrüstung wurde von den Organisatoren zur Verfügung gestellt.